Kleine Fluchten: "Gutshaus Krimvitz" auf Rügen

Kleinod fernab vom Insel-Trubel

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Eine Speisekarte gibt es nicht. So wird das Abendessen zur Überraschung.

An einer der ältesten Alleen Deutschlands, Richtung Putbus, kurz hinter Garz, weist auf der rechten Seite ein Schild den Weg zum Gutshaus "Krimvitz". Ein etwas holperiger Plattenweg führt ein kurzes Stück durch den Wald; dann plötzlich taucht, eingerahmt von Kastanienbäumen, der rote Backsteinbau mit seinen weiß gerahmten Fenstern auf.

Fernab vom Trubel der großen Seebäder auf der Insel Rügen ist das "Gutshaus Krimvitz" eine kleine rosenumrankte Oase. Als ich mit meinem Auto über den knirschenden Kies am Gutshaus vorfahre, öffnet sich sofort die Haustür, und Frau Amrei Schiemer-Krüger und Anna, das Hausmädchen, stehen zur Begrüßung auf der Gutshaustreppe. Rasch wird mir Gepäck und Garderobe abgenommen, und ich werde in mein Zimmer im ersten Stock geführt. Auf dem Weg dorthin erstrahlt alles in Weiß: der Boden, die Wände und die Gardinen, die im sanften Wind hin- und herschwingen. Einen schönen Kontrast gibt im Zimmer der honiggelbe Holzfußboden mit den geradlinigen weißen Möbeln.

Viel Zeit zum Umschauen bleibt nicht, denn ich bin zum Abendessen verabredet. Im Erdgeschoss geselle ich mich zu einer netten Gästerunde. Wir möchten bestellen, doch es gibt keine Speisekarte. So ist es im "Krimvitz" nun einmal üblich und ich lasse mich einfach überraschen.

Aufgetragen wird Ziegenfrischkäse mit knallroter Paprikakonfitüre, danach Ragout vom Wildschwein mit Rotwein-Schalotten, begleitet von einem leichten Rotwein von der Ahr. Alles schmeckt richtig gut und ist perfekt von der Gastgeberin zubereitet. Die beiden Wirtsleute, das Ehepaar Schiemer-Krüger, sitzen wie unter alten Freunden mit uns am Tisch. Jeder erzählt ein wenig von seinen Tageserlebnissen, und die Hausherren steuern Geschichten aus vergangenen Zeiten bei.

Die Ursprünge des Gutshauses reichen bis ins Jahr 1880 zurück. Es war das Geburtshaus von Franz zu Putbus. Sein Vater, Fürst Malte, bezog "Krimvitz" als Wintersitz, weil sich das Schloss im Park von Putbus schlecht beheizen ließ. Malte war ein Nachkomme des legendären Fürsten Wilhelm Malte, der Deutschlands größte Insel wie kein anderer geprägt hat. Aus Putbus hatte er die "Weiße Stadt am Meer" mit einer kreisrunden Ortsmitte gemacht. Könnten die Wände des "Krimvitz" sprechen, hätten sie viel aus den letzten 100 Jahren zu erzählen: vom hochherrschaftlichen Leben der Fürstenfamilie und deren Enteignung, von den beherbergten Flüchtlingen des Zweiten Weltkriegs, von den Bewohnern aus der LPG (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft) zu DDR-Zeiten und auch von Leerstand und Verfall.

Nach der Wende bewarb sich das Hamburger Ehepaar Amrei und Erwin Schiemer-Krüger um das Haus und erhielt nach zähen Verhandlungen den Zuschlag. Mit großem Einsatz wurde dem Anwesen neues Leben eingehaucht. In den 90er-Jahren hat man das Anwesen vollkommen restauriert und zum Gästehaus umgebaut. Heute gibt es sieben Doppelzimmer und drei Suiten - alle unterschiedlich groß. Sie sind individuell im modernen, hellen Landhausstil eingerichtet. Zusätzlich gibt es noch drei Ferienwohnungen mit eigener Küche für jeweils zwei Personen im Nebengebäude. Hinter dem Haus befinden sich zwei Terrassen. Die Fürsorge der Hausherren gegenüber ihrem alten Gutshaus ist an jeder Ecke zu spüren, so etwa an den schönen Pflanzen oder im liebevollen Umgang mit den beiden hauseigenen Pferden Fritz und Cosi, die auf der nahen Wiese weiden (es gibt übrigens auch eine Gastpferdebox, Wasser und Heu inklusive, für acht Euro pro Nacht).

Zwischen dem Ehepaar und seinen Mitarbeitern herrscht große Harmonie. Und diese Haltung wird auch den Gästen entgegengebracht. Sowohl das Abendessen als auch das Frühstück - welches im Sommer auf der Terrasse mit Blick auf den Park eingenommen wird - sind stets mit viel Liebe angerichtet. Fast das ganze Frühstücksbüfett ist von der Hausherrin Amrei Schiemer-Krüger selbst gemacht: die Konfitüre, das Brot und das geröstete Müsli. Eben ein richtiges Gutshaus-Frühstück. Und das sollte man sich nicht entgehen lassen - zumal es im Übernachtungspreis inbegriffen ist.

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