US-Trupp stürmt Saddams Palast - wo ist der Diktator?

Hauptresidenz in Bagdad besetzt, Westen der Stadt unter alliierter Kontrolle. Saddams Cousin Ali el Madschid ("Chemie-Ali") vermutlich tot.

Bagdad. Die amerikanischen Truppen sind gestern ins Herz des irakischen Regimes in Bagdad vorgestoßen. Soldaten stürmten drei Paläste des Präsidenten Saddam Hussein, darunter seine Hauptresidenz. An dem Vorstoß nahmen mehr als 70 Panzer und 60 Gefechtsfahrzeuge und Infanterie teil. Die Gefechte dauerten den ganzen Tag an. Vom Hausherrn der Paläste fanden die US-Soldaten bisher allerdings keine Spur. Der war dafür erneut im irakischen Staatsfernsehen zu sehen. An einer Sitzung mit seinen engsten Militärberatern nahm auch sein jüngster Sohn Kusai teil, der die Republikanischen Garden und den irakischen Geheimdienst befehligt. Auch Vize-Präsident Taha Jassin Ramadan war zu sehen. Die Bilder sollen beweisen, dass Saddam Hussein weiterhin an der Macht ist und die Fäden in der Hand hält. Das sehen die Amerikaner anders. Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums sagte, der Vorstoß zeige, dass sich die US-Truppen nach Belieben in der Stadt bewegen könnten. "Wir haben hier die Initiative." Ziele des dritten "Vorstoßes" der US-Truppen in Bagdad seien "Symbole des irakischen Machtsystems" wie die Präsidentenpaläste und das Informationsministerium gewesen. Es gehe darum, dem Regime und dem Volk die amerikanische Übermacht zu demonstrieren und die gegnerischen Streitkräfte zu dezimieren. Der irakische Informationsminister Said el Sahhaf behauptete dagegen, es habe keinen großen US-Vorstoß gegeben. Obwohl er sich in Sichtweite von US-Panzern auf der anderen Seite des Flusses Tigris befand, erklärte er, die US-Streitkräfte würden abgeschlachtet: "Die Ungläubigen begehen zu Hunderten Selbstmord an Bagdads Toren." Der Ring um Bagdad wurde unterdessen enger gezogen. Laut US-Militär rückten von Südosten aus Einheiten der Marineinfanterie vor. Die 3. Infanteriedivision habe den Westen der Stadt bereits vollständig abgeriegelt. Während auf der einen Seite des Tigris heftige Kämpfe tobten, ging wenige Hundert Meter entfernt der Alltag - wenn auch stark eingeschränkt - weiter. Busse fahren, die Brücken sind noch intakt. Allerdings geraten bei den Gefechten immer wieder Zivilisten zwischen die Fronten. Zeitweise wurden stündlich "mehr als hundert Verwundete" in die Kliniken gebracht, sagten Rot-Kreuz-Helfer. Es herrsche Chaos. In Basra kontrollieren britische Streitkräfte jetzt den größten Teil der zweitgrößten Stadt des Landes. Zudem haben sie vermutlich die Leiche des irakischen Generals Hassan Ali el Madschid ("Chemie- Ali") gefunden. Der Cousin Saddams hatte 1988 den Giftgaseinsatz gegen irakische Kurden befehligt. Alliierte Soldaten sollen inzwischen auch das Stadtzentrum von Kerbela unter Kontrolle haben. Die nordirakische Stadt Mossul wurde erneut bombardiert.