Der Bomben-Schock

Massiver Angriff auf Saddams Paläste - Aufruhr in Nahost

Bagdad/Washington. Ohrenbetäubende Detonationen, Bombenhagel, gigantische Feuerbälle und Rauchpilze am nächtlichen Himmel: Mit bisher nicht da gewesener Wucht haben die US-geführten Truppen am zweiten Tag des Irak-Krieges mit dem erwarteten Großangriff auf den Irak begonnen. Kurz vor 21 Uhr Ortszeit (19 Uhr MEZ) brach über die fünf Millionen Einwohner der irakischen Hauptstadt Bagdad die Hölle herein. Minutenlang schlugen Tomahawk-Marschflugkörper und lasergelenkte Bomben aus B-52-Bombern und Tarnkappenbombern vom Typ F 117A ein. Nach Angaben der US-Streitkräfte wurden 320 Raketen auf Bagdad und Umgebung abgefeuert. Rund ein Dutzend trafen den wichtigsten Palast von Präsident Saddam Hussein, den Palast der Republik. Das Gebäude stand in Flammen. Offenbar waren Regierungsgebäude und Präsidenten-Paläste die Ziele. Zuvor hatte die irakische Luftabwehr in Bagdad das Feuer eröffnet. Am Vormittag waren mehrere B-52-Bomber der US-Luftwaffe von Großbritannien in die Golfregion gestartet. Die Maschinen mussten länger in der Luft bleiben, weil sie wegen noch nicht geklärter Überflugrechte die Türkei umfliegen mussten. Erst am Freitagabend hatte die türkische Regierung endlich den USA die lang erwarteten Überflugrechte gewährt. Laut Pentagon sollten noch in der Nacht mehrere Hundert militärische Ziele angegriffen werden. Die Aktion ist Teil der US-Strategie "shock and awe" (Schrecken und Einschüchterung). "So etwas habe ich in meiner langen Laufbahn noch nicht erlebt", sagte ein Reporter des US-Senders CNN. Die USA starteten ihre Luftoffensive vor dem Hintergrund weltweit anschwellender Proteste. Tausende Moslems in mehreren arabischen Staaten demonstrierten nach den Freitagsgebeten gegen den Irak-Krieg und lieferten sich Straßenschlachten mit der Polizei. Im Jemen kamen dabei drei Menschen ums Leben. In der ägyptischen Hauptstadt Kairo musste die Polizei Wasserwerfer einsetzen. In Griechenlands Hauptstadt Athen griffen mehrere Hundert Teilnehmer einer Kundgebung vor der US-Botschaft die Polizei mit Steinen, Benzinbomben und Stöcken an. In Italien nahmen 200 000 Menschen an einer Friedenskundgebung teil. In Halle, Nürnberg, Mannheim und vor dem Hauptquartier der US-Landstreitkräfte in Heidelberg protestierten Tausende Jugendliche. US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld sagte, die irakische Regierung beginne die Kontrolle zu verlieren. Die Iraker merkten, dass Saddams Regime der Geschichte angehöre. Rumsfeld wie auch US-Generalstabschef Richard Myers bestätigten bei einer Pressekonferenz im Pentagon den Beginn der groß angelegten Luftoffensive. "Die Ziele sind sehr sorgfältig ausgewählt worden, ebenso die Waffen, die eingesetzt werden", sagte Rumsfeld. "Wir haben uns sogar Gedanken darüber gemacht, wann wir die Waffen anwenden, damit es so wenig zivile Opfer wie möglich gibt." US-Präsident George Bush verbringt das Wochenende auf seinem Landsitz Camp David. "Dies ist A-Day", hatte CNN bereits am Nachmittag einen Pentagon-Vertreter zitiert. "A" steht für "Aerial" (Luft). Wie ein AFP-Korrespondent in Bagdad berichtete, war auch eine schwere Explosion im Osten der Stadt zu hören. Der katarische Fernsehsender Al Dschasira meldete, auch auf die nordirakischen Städte Mossul und Kirkuk fielen Bomben. Auch auf die südirakischen Städte Basra und Nassirijah wurden Luftangriffe gemeldet. Im Laufe des Tages hatten die amerikanischen und britischen Truppen am Freitag nur Stunden nach Beginn ihrer Großoffensive erste strategische Erfolge gemeldet. Mit Hunderten von Panzern rollten sie durch die irakische Wüste in Richtung Norden und kamen etwa 160 Kilometer Richtung Bagdad voran. Britische Einheiten und US-Marineinfanterie stießen Richtung Basra vor und sicherten erste Ölfelder. Alliierte Einheiten könnten bereits "binnen drei bis vier Tagen" Bagdad erreichen, sagte ein britischer Militärsprecher. Sie träfen bei ihrem Vormarsch auf wenig Widerstand. Dem wurde vom Irak heftig widersprochen. Amerikanisch-britische Truppen sollen die südirakische Hafenstadt Umm Kasr eingenommen haben. Ein CNN-Reporter berichtete, in der strategisch wichtigen Stadt sei es inzwischen wieder ruhig. Das US-Militär teilte mit, rund 600 Iraker als Gefangene genommen zu haben. Der britische Premier Tony Blair bestätigte, dass die Halbinsel Fao vor der südirakischen Hafenstadt Basra ebenfalls fest in der Hand der Alliierten sei. Die wichtigen Ölquellen seien gesichert. Sein Verteidigungsminister Geoff Hoon hatte zuvor im Unterhaus erklärt, dass rund 30 Ölquellen im Südirak in Brand gesetzt worden seien. Die US-Infanterie setzte ihren Vormarsch auf Bagdad fort. Ein mitfahrender CNN-Reporter berichtete, dass sich die Fahrzeuge mit Geschwindigkeiten von mehr als 50 Stundenkilometern durch die Wüste nach Norden bewegten. Sie standen laut BBC bereits 200 Kilometer nördlich von Kuwait. Beim Vormarsch der Alliierten sollen sich nach Meldungen desselben Senders "Hunderte" von irakischen Soldaten ergeben haben. Der irakische Informationsminister Mohammed Sajjid el Sahhaf widersprach vor der Presse in Bagdad die Erfolgsmeldungen der Amerikaner und Briten. Er dementierte erste Meldungen über die Einnahme von Umm Kasr. Die Bilder vom Vormarsch der Angreifer seien ebenso gefälscht wie die Aufnahmen von irakischen Soldaten, die sich ergeben. Alliierte Truppen wurden vor den Toren der irakischen Stadt Nasirija rund 300 Kilometer südöstlich von Bagdad in Kämpfe verwickelt, wie ein sie begleitender BBC-Korrespondent berichtete. Die Iraker hätten anscheinend "herbe Verluste" erlitten. Der alliierte Konvoi mit "Tausenden von Fahrzeugen" komme zum Teil "sehr schnell" voran. Die Stadt hat strategische Bedeutung am Übergang über den Euphrat-Fluss auf dem Weg nach Bagdad. Laut CNN eroberten die Alliierten außerdem zwei wichtige Flugplätze im Westen des Irak. Es war weiter unklar, ob der irakische Machthaber Saddam Hussein bei den gezielten Luftangriffen zu Beginn des Krieges verletzt worden ist. Am Freitagabend zeigte das irakische Fernsehen Bilder von Saddam und seinen engsten Mitarbeitern. Auch sein Sohn Kusai, als Einziger in Zivil, saß mit am Tisch. Ob es sich um aktuelle Aufnahmen handelte, ist nicht bekannt. US-Geheimdienstexperten waren weiter intensiv mit der Schadenseinschätzung der ersten Raketeneinschläge in Bagdad beschäftigt. Die Alliierten meldeten erste Verluste. In Nord-Kuwait kamen nach offiziellen Angaben acht britische und vier amerikanische Soldaten beim Absturz eines Transporthubschraubers vom Typ CH-46 Sea Knight ums Leben. Er sei nicht abgeschossen worden, sagte ein britischer Militärsprecher. Außerdem sind laut Pentagon zwei US-Marineinfanteristen gefallen. Der Irak meldete den Abschuss eines amerikanischen Kampfflugzeugs. Dafür gab es keine Bestätigung. Der französische Präsident Jacques Chirac prangerte den Irak-Krieg als Verstoß gegen das Völkerrecht an. "Man hat die internationale Rechtmäßigkeit verlassen", sagte er am Freitag nach dem EU-Gipfel in Brüssel an die Adresse der USA und Großbritanniens. Chirac betonte die zentrale Rolle der Vereinten Nationen in dem Konflikt. Frankreich werde dabei keine UNO-Resolution akzeptieren, die nach Kriegsende den USA und Großbritannien die Verwaltung des Irak übertrage. Die irakische Armee setzte ihre Raketenangriffe auf Kuwait fort. Nach kuwaitischen Angaben konnte die Luftabwehr eine irakische Rakete abfangen, die gegen den Luftwaffenstützpunkt Ali el Salim gerichtet gewesen sei. Am Abend gab die Türkei endlich ihren Luftraum für die alliierten Kampfflugzeuge frei. Obwohl das Parlament am Vortag grünes Licht gegeben hatte, hatte es am Freitag noch Meinungsverschiedenheiten zwischen Ankara und Washington über türkische Pläne gegeben, mit eigenen Truppen in den Nord-Irak einzurücken.