Die Kirche und die Astrologie: Steht unser Glück in den Sternen?

Jeder Mensch möchte glücklich sein - viele suchen Hinweise darauf in Horoskopen. Aber steht das Glück in den Sternen, in bestimmten Tierkreiszeichen? Das Christentum setzt sich von der alten Sternen-Mythologie und von Vorhersagen deutlich ab. Liegt also das Glück in Gottes Hand? Gibt es eine christliche Vorstellung von Glück? Wir baten die Astrologin Helen Fritsch* und den evangelischen Theologen und Glücks-Forscher Johann Hinrich Claussen* zum Gespräch.

ABENDBLATT: Orientieren Sie sich selbst an Horoskopen?

Dr. JOHANN HINRICH CLAUSSEN: Ich habe noch nie ein Horoskop gelesen. Ich weiß gerade mal, dass ich Krebs bin, aber nicht, was das bedeuten soll.

HELEN FRITSCH: Natürlich kenne ich mein Horoskop gut. Aber ich konsultiere nicht täglich die Sterne, um alle meine Entscheidungen danach auszurichten; die wichtigen treffe ich auch nach Gefühl und Lebenserfahrung.

ABENDBLATT: Glauben Sie, dass unser persönliches Glück vorherbestimmt ist?

CLAUSSEN: Nein, ich glaube nicht, dass das Leben in allen Einzelheiten vom Schicksal festgelegt ist. Ich glaube aber, dass mein Leben von Gott getragen wird. Manchmal erfahre ich, dass sich vieles fügt und mein Leben einen guten Sinn hat. Dieses Vertrauen in Gott hilft mir, mein Leben zu führen.

FRITSCH: Wenn alles schon festgelegt wäre, wären wir gar nicht mehr für unser Handeln verantwortlich. Wir könnten uns weder entwickeln noch verändern. Ich gehe nicht von einer deterministischen Astrologie aus.

ABENDBLATT: Wie entstand die Idee, dass die Stellung der Planeten bei der Geburt eines Menschen Einfluss auf sein Leben hat?

FRITSCH: Die Astrologie ist eine alte Weisheit, sie entstand etwa 3000 vor Christus. Der Blick in die Sterne galt zunächst nur als Omen, etwa um eine Erntekatastrophe abzuwenden, was zu tun sei. Diese "Zeichen" der Sterne wurden im Lauf der Zeit zu Symbolen, um das Leben überhaupt zu verstehen.

ABENDBLATT: Von den Sternen geht aber keine Strahlung auf den Menschen aus . . .

FRITSCH: Wissenschaftlich ist keine Wirkung der Sterne auf das menschliche Hirn belegt. Aber darum geht es gar nicht. Wir benutzen die Astrologie nicht als Kette von Ursache und Wirkung - auch wenn uns das oft unterstellt wird. Sondern wir benutzen ihre Symbole, um über bestimmte Geneigtheiten und Möglichkeiten einer Person zu sprechen.

CLAUSSEN: Viele Menschen reizt aber genau das: zu denken, etwas sei in den Sternen geschrieben.

ABENDBLATT: In der Bibel spielen die Sterne ja auch eine große Rolle: beim Stern von Bethlehem etwa, im Lukas-Evangelium, in der Apokalypse. Heute erwähnt das kein Pfarrer mehr. Wieso nicht?

CLAUSSEN: Es gibt Anspielungen auf Sterne in der Bibel. Christentum und Judentum sind aber "unastrologische" Religionen. In der Schöpfungsgeschichte heißt es geradezu polemisch: Die Sterne sind Lichter, die Gott am Firmament angebracht hat. Sie sind selbst keine Mächte, die man anbeten soll. Sie werden also von der Bibel entzaubert.

ABENDBLATT: Hat Jesus in die Sterne geguckt oder vielmehr auf die Mitmenschen?

CLAUSSEN: Für Jesus haben die Sterne keine Rolle gespielt. Er hat nicht zu den Sternen geschaut, sondern er hat gesagt: "Das Reich Gottes ist mitten unter euch." Entscheidend für das Leben ist allein die Liebe zu Gott und zum Nächsten.

Ich denke, dass es bei Astrologie und christlichem Glauben um zwei sehr unterschiedliche Orientierungen geht.

FRITSCH: . . . sie waren aber noch lange Zeit nach Christus miteinander verwoben. Man braucht sich nur die Darstellungen mit Tierkreiszeichen in alten Kirchen anzuschauen, etwa in der Kathedrale von Chartres. Im Mittelalter haben Christen an den Universitäten Astrologie unterrichtet. Luthers Freund Melanchton war noch ein großer Kenner der Astrologie. Erst im Zeitalter der Aufklärung hat sich der Mensch davon abgekoppelt.

ABENDBLATT: Was unterscheidet die moderne Astrologie von Wahrsagerei?

FRITSCH: Wahrsagerei bedeutet Orakel: Der eine weiß etwas, was der andere nicht wissen kann. Astrologische Beratung ist anders: Sie beruht nicht auf übersinnlichen Fähigkeiten, nicht auf Machtausübung, sondern auf Hilfe für den Menschen. Der Deutsche Astrologen-Verband DAV kümmert sich in diesem Sinne auch um Verbraucherschutz und Qualitätssicherung.

ABENDBLATT: Mal konkret. Frage an den Seelsorger und die Astrologin: Wenn eine Frau zu Ihnen kommt und klagt, dass sie kein Kind bekommt - was tun Sie, um ihr zu helfen?

FRITSCH: Der Beratungsablauf unterscheidet sich nicht von einer anderen Lebensberatung oder Seelsorge. Der Unterschied ist nur, dass ich das Horoskop als Instrument einsetze. Ich erstelle das Geburtshoroskop der Frau, ich versuche mich einzufühlen und dem Horoskop zu entnehmen, was ein Kind bzw. die Kinderlosigkeit für sie bedeuten würde: Kinder sind unsere beste "Schöpfung", was könnte sie sonst noch "schöpfen", über welche Potenziale verfügt sie außerdem, astrologisch gesehen?

CLAUSSEN: Natürlich ist es ein großes Unglück für diese Frau. Ihre Traurigkeit würde ich sehr ernst nehmen. Auf der anderen Seite ist es nicht gut, das ganze Leben auf einen einzigen Wunsch hin auszurichten. Das Glück des Lebens liegt oft jenseits der eigenen Wünsche. So merkwürdig es klingt: Glück kann sogar darin liegen, dass man sich vom eigenen Willen löst. Im Vaterunser heißt es: "Dein Wille geschehe." Das sagen zu können ist ein besonderes, paradoxes Glück.

ABENDBLATT: Was verstehen Sie unter Glück?

CLAUSSEN: Der Glücksbegriff hat eine unglaubliche Konjunktur. Alle wollen persönlich glücklich sein. Zugleich herrscht eine große Unsicherheit, was Glück eigentlich ist. Man schaue sich nur die vielen Glücksratgeber an. Aber es gibt keine allgemeine Glücksmethode. Glück ist für jeden etwas anderes, etwas ganz Individuelles. Etwas Gemeinsames gibt es allerdings doch: "Sinn" ist ein anderes Wort für Glück. Ich bin glücklich, wenn ich mein Leben als sinnvoll empfinde. Die christliche Form dieses Glücks ist die Dankbarkeit. Ich danke für das, was Gott mir schenkt, Ich danke ihm für mein ganzes Leben. Dieser Dank ist selbst eine ganz intensive, innerliche Lebensfreude.

Davon unterschieden ist eine krampfhafte Glücksgier, die nie satt wird. Sie macht den Menschen unfrei, sie hält ihn gefangen in seinen unzähligen Wünschen. Das Märchen von "Hans im Glück" erzählt davon: Hans ist erst dann richtig glücklich, als er von allem Besitz frei wird. Oder denken Sie an das sehr christliche Märchen vom Sterntaler: Das Glück liegt nicht in den Sternen, sondern in einem Herzen, das sich verschenkt.

ABENDBLATT: Woran denken Sie bei Glück, Frau Fritsch?

FRITSCH: Ich würde Glück mit Zufriedenheit übersetzen. Es dauert, das Leben zur Zufriedenheit zu lenken. Das hat viel mit Selbsterkenntnis zu tun, und dazu verhilft das Horoskop, es regt zum Motto an: "Werde, der du bist . . ."

CLAUSSEN: Jeder Mensch sucht Orientierung und Vergewisserung. Aber die finde ich nicht in Horoskopen. Ich beginne jeden Tag damit, dass ich einen biblischen Text lese und ein Gebet spreche. Dadurch erfahre ich Vergewisserung, neue Ideen und andere Impulse. Die lassen sich nicht immer direkt umsetzen. Aber mit ihnen gehe ich anders, freier in den Tag, als wenn ich gleich loshetze.

ABENDBLATT: Horoskope werden oft als Tagesbegleiter genutzt: Was ist für mich lebenstauglich, was ist lebensgefährlich?

CLAUSSEN: Ich sehe darin die Gefahr einer großen Autoritätsfixierung, die mich gerade bei modernen Menschen erstaunt. Das kann fast in ein Suchtverhalten münden.

ABENDBLATT: Die Vorstellung von Gott im Himmel ist im Volksglauben genauso verankert wie die Vorstellung, dass Planeten das Leben widerspiegeln und beeinflussen. Sind beide naiv, musss man sie reformieren?

CLAUSSEN: Der Kinderglaube hat sein gutes Recht, das sind ja Bilder, die einem helfen, das Herz zu öffnen, um tatsächlich zu Gott zu kommen. Der Kinderglaube hat aber auch seine Grenzen. Wenn sich der Mensch kritische Gedanken macht, kann der Kinderglaube zerbrechen oder sich wandeln - das ist inneres Wachstum.

FRITSCH: Die moderne Astrologie hat sich zur Psychologie hin verschoben. Man starrt nicht auf die Sterne, man blickt auf den konkreten Menschen.

ABENDBLATT: Seit 50 Jahren werden wir mit Nachrichten über Raumstationen, Satelliten, Mond- und Marssonden bombardiert. Hat unser zunehmendes Wissen über Entstehung und Entwicklung des Kosmos Einfluss auf die Astrologie?

FRITSCH: Zum Teil ja. Es sind ja neue Planeten von den Astronomen entdeckt worden. Die Astrologen nehmen ihre Daten auf und versuchen, ihre Bedeutung zu beschreiben.

ABENDBLATT: Was heißt das?

FRITSCH: Wir beobachten, in welchem Umfeld sich ein Planet befindet, wie er sich bewegt, und versuchen das mythologisch zu übersetzen. Die Astrologie orientiert sich an den Mythen und Symbolen, die assoziativ sind. Aber konkrete Prognosen abzuleiten - "morgen treffen Sie den Traumprinz" -, wäre eine unzulässige Einengung.

ABENDBLATT: Was passiert, wenn ein Planet seine Bahn verlässt?

FRITSCH: Ich habe keine Ahnung.

ABENDBLATT: Hat der Wissenszuwachs über den Kosmos Einfluss auf den Glauben?

CLAUSSEN: Ja, natürlich. Wir haben ein ganz anderes Gefühl für Unendlichkeit bekommen. Die neuen Erkenntnisse lassen mich geradezu schwindeln. Es bedeutet einen ganz anderen Eindruck von Endlichkeit und Ewigkeit, von der Größe Gottes.

FRITSCH: Wenn man in einer Sternwarte ist, das Licht ausgeht und man die Sterne sieht, dann fangen die Menschen an zu flüstern, als ob es die Sterne stören würde. Wir empfinden automatisch Ehrfurcht.

Interview: IRENE JUNG/REGINA GASPER

Helen Fritsch, geb. 1944 in Paris, studierte dort Kunst und Bühnenbild. Kam durch Heirat nach Deutschland, Mutter von 4 Kindern. Arbeitete in Bremen am Theater. Zweitstudium in Berlin und Hamburg (Romanistik und Slawistik), wiss. Mitarbeiterin an der Uni Hamburg. Ausbildung zur Heilpraktikerin für Psychotherapie, geprüfte Astrologin, leitet in Hamburg die "Astropraxis" (ein Ausbildungszentrum des Dt. Astrologen- Verbandes, DAV). www.astropraxis.de

Dr. Johann Hinrich Claussen, geb. 1964 in Hamburg, studierte Theologie in Tübingen, Hamburg und London. Arbeitete ein Jahr in Argentinien als Vikar, Promotion. Wurde Pastor in Reinbek; Habilitation zum Thema: "Glück und Gegenglück. Philosophische und theologische Studien zu einem alltäglichen Begriff". Verheiratet, Vater von drei Kindern. Autor des Kinderbuches "Moritz und der liebe Gott". Seit 1. 4. 2004 Propst im Kirchenkreis Alt-Hamburg.

© Hamburger Abendblatt 2017 – Alle Rechte vorbehalten.