Bahrain, Libyen und Jemen

Die Diktatoren in der arabischen Welt schlagen zurück

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Tote gab es bei einem brutalem Polizeieinsatz gegen Demonstranten in Bahrain, auch in Libyen waren Zusammenstöße zu beobachten.

Hamburg. Schüsse peitschten über den "Platz der Perle" in Manama, der Hauptstadt des Golf-Königreichs Bahrain. Polizeiknüppel fuhren auf Menschen nieder - Männer, Frauen und Kinder - Tote lagen in ihrem Blut.

Die Sicherheitspolizei von Bahrain hat ohne Vorwarnung eine auf dem Platz lagernde Menschenmenge - Gegner des Regimes von König Hamad bin Issa al-Chalifa - angegriffen und dabei scharfe Munition, Gummigeschosse, Tränengas und Panzerwagen eingesetzt. Die Opposition sprach von mindestens vier Toten und rund 100 Verletzten. Nach Augenzeugenberichten habe der Angriff erst begonnen, nachdem die Medienvertreter den Platz verlassen hatten. Es wurde beobachtet, dass die Polizei Kinder ergriff und abtransportierte. 60 Personen wurden nach dem Sturm auf den "Platz der Perle" vermisst. "Tod für al-Chalifa" skandierten wütende Menschen.

Kurz vor dem Polizeieinsatz hatte auf dem Platz mit dem 90 Meter hohen Perlendenkmal, das an die früher sehr lukrative Perlenfischerei erinnert, noch eine fröhliche und zuversichtliche Stimmung geherrscht. Der dpa-Korrespondent Hadil al-Schalchi berichtete über einen Arzt namens Sedek Akikri, der sich in einem provisorischen Lazarettzelt um erkrankte Demonstranten gekümmert hatte, als der Sturm der Sicherheitskräfte losbrach. Der Mediziner wurde gefesselt und so zusammengeschlagen, dass er für tot gehalten und liegen gelassen wurde. Er berichtete, die Polizisten hätten miteinander nicht Arabisch, sondern Urdu gesprochen - die meistverbreitete Sprache in Pakistan. Oppositionsführer Scheich Ali Salman sprach von einem "wilden und unberechtigten Angriff" der Sicherheitskräfte, der "katastrophale Folgen" für die Stabilität Bahrains haben werde. Die Sicherheitskräfte postierten Panzer rund um den Platz und riegelten Zufahrtsstraßen mit Stacheldraht ab. Die Zelte auf dem Platz wurden abgeräumt, die Transparente zertreten. Das öffentliche Leben stand nahezu still.

Angesichts des brutalen Vorgehens der Sicherheitskräfte in Manama rief Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) das Regime von Bahrain auf, die Gewaltanwendung unverzüglich einzustellen. "Die Menschen dort nehmen nur ihre Rechte wahr", sagte Westerwelle. Er riet von nicht unbedingt notwendigen Reisen in das Golf-Königreich ab. Auch die britische EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton forderte ebenso ein Ende der Gewalt wie US-Außenministerin Hillary Clinton, die sich entsetzt über die Todesopfer in Manama äußerte.

Auch in Libyen flammten die Proteste wieder auf. In der Stadt Bengasi kam es zu heftigen Zusammenstößen zwischen Sicherheitskräften und Gegnern des seit 1969 herrschenden "Revolutionsführers" Muammar al-Gaddafi. Dabei wurden nach Medienberichten 14 Menschen verletzt; Oppositionelle sprachen jedoch von bis zu elf Todesopfern. Nach ägyptischem Vorbild riefen die Regimegegner über soziale Netzwerke wie Facebook zu einem "Tag des Zorns" auf. Die Regierung organisierte Gegendemonstrationen pro Gaddafi. Die jüngsten Unruhen wurden offenbar durch die vorübergehende Festnahme des Menschenrechtsaktivisten Fethi Tarbel ausgelöst. Tarbel stand in Kontakt mit Regierungsgegnern, die im berüchtigten Abu-Salim-Hochsicherheitsgefängnis in Tripolis einsitzen. 1996 waren dort bei einem Aufstand rund 1200 Häftlinge erschossen worden.

Nach dem Sturz der Despoten in Tunesien und Ägypten und den Demonstrationen im Iran und Irak, im Jemen, im Sudan, in Jordanien und in Algerien ist der Funke des Aufstands auch auf Libyen und Bahrain übergesprungen. Doch obwohl den Protestierenden in allen diesen orientalischen Staaten prinzipiell das Verlangen nach mehr Demokratie, nach Pressefreiheit und besseren Lebensbedingungen gemeinsam ist, unterscheiden sich die Ausgangsbedingungen zum Teil erheblich.

Das winzige Königreich Bahrain etwa kann kaum mit dem bevölkerungsreichen Flächenstaat Ägypten verglichen werden. Bahrain mit seinen 1,2 Millionen Einwohnern - von denen fast 60 Prozent noch Ausländer sind, Inder vor allem - ist mit 715 Quadratkilometer Fläche kleiner als Hamburg. Ägypten mit seinen 84 Millionen Einwohnern ist zweieinhalbmal so groß wie Deutschland und ist stärkste Militärmacht der arabischen Welt.

Rund 80 Prozent der Bahrainer sind Muslime - aber das Volk ist religiös gespalten. Zwei Drittel sind Schiiten, nur ein Drittel Sunniten. König Chalifa und seine Dynastie, die das Inselreich seit mehr als 200 Jahren beherrscht, besteht jedoch aus Sunniten. Vor allem die Schiiten klagen über hohe Arbeitslosigkeit und fehlenden Wohnraum. Sie fühlen sich diskriminiert und werfen dem Regime vor, es bürgere vorwiegend sunnitische Muslime aus aller Welt ein - von denen viele dann den Sicherheitskräften beitreten. Das sunnitische Könighaus wiederum verdächtigt den schiitischen Iran - Bahrain gehörte bis Ende des 18. Jahrhunderts zu Persien -, über die schiitische Opposition im Lande massiv Einfluss nehmen zu wollen.

Insofern sind hier auch strategische Interessen der USA berührt: In dem Königreich befindet sich seit 1993 das Hauptquartier der 5. US-Flotte. Bahrain hat nur einen Bruchteil des Öls seiner Nachbarn; der Tourismus vor allem, aber auch Handel und Industrie spielen wirtschaftlich eine weitaus größere Rolle.