Nobelpreisträger Eigen: Darwin vergleichbar mit Newton, Einstein, Planck

"Darwin stellte die Lebenswissenschaften auf ein neues Fundament. Er ist so bedeutend wie Newton, Einstein, Planck oder Heisenberg", sagte Prof.

"Darwin stellte die Lebenswissenschaften auf ein neues Fundament. Er ist so bedeutend wie Newton, Einstein, Planck oder Heisenberg", sagte Prof. Manfred Eigen im Gespräch mit dem Abendblatt. Der Nobelpreisträger der Chemie von 1967 kennt Darwin außergewöhnlich gut. Schließlich hat sich der Physiko-Chemiker und Molekularbiologe intensiv mit der Evolution befasst. So baute Eigen, ein Schüler des legendären deutschen Physikers Werner Heisenberg, am Max-Planck-Institut für Physikalische Chemie Göttingen 1992 die erste Evolutions-Maschine: ein Gerät, in dem die Evolution der Viren wie in einem Zeitraffer abläuft. Das Ziel: bessere Arzneiwirkstoffe zu entwickeln. Die Maschine steht heute im Deutschen Museum in München.

Jetzt stellte der unermüdliche Querdenker Darwins biologische Theorie auf ein physikalisches Fundament. "Das ist aber kein Widerspruch zu Darwin", betont Prof. Eigen, der mehr über sein neues Werk, das dieser Tage bei Oxford Press verlegt wird, nicht verraten will. Nur so viel:

Auch Darwin habe bereits geglaubt, dass das von ihm gefundene "Gesetz der natürlichen Auslese" Ausdruck eines übergeordneten Naturgesetzes sei. "Darwin hat aber nicht gewusst, wie ein physikalisches Gesetz aussehen kann, das gibt es jetzt", sagt Prof. Eigen und fügt hinzu, dass sein neues Werk das darwinsche Prinzip, dass der am besten Angepasste überlebt, erneut bestätige. "Das bedeutet aber keinesfalls, dass alle anderen Variationen, die nicht optimal angepasst sind, einfach verloren gehen", betont Eigen und verweist darauf, dass schon Darwin geschrieben habe, dass es neben den Mutationen, die aussterben, und jenen, die sich als vorteilhaft erweisen, auch Mutationen gibt, "die weder vor- noch nachteilig sind, und die werden fluktuieren". Wenn sich also die Überlebensanforderungen ändern, gibt es nicht nur das genetische Material der Besten, sondern auch das der Unauffälligen. Die Evolution ist eben kein Architekt, der nach Plan Neues schafft, sondern eher ein Bastler, der mit dem vorhandenen Material spielt.

Ein Beispiel: Die vergleichende molekularbiologische Forschung im Erbgut der Tiere zeigte, dass es schon bei Mäusen ein Sprachgen gibt, auch beim Neandertaler wurde es gefunden, doch die Sprachfunktion erlaubt es - nach mehr als 140 Millionen Jahren Evolution - nur beim Menschen.

In einem weiteren Punkt stimmt Eigen mit Darwin völlig überein: Auch sein Werk sei kein Beweis für oder gegen die Existenz Gottes. "Wir versuchen nur herauszufinden, wie es ist. Wir sagen nicht, wer es gemacht hat." Das zu entscheiden bleibe jedem selber überlassen.

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