Multimedia-Show über Darwin und die Evolution

Die zarten Fallen der schönen Orchideen

Charles Darwin entwickelte nicht nur die Evolutionstheorie, er erforschte auch die Überlebensstrategien der Orchideen. Ein Hamburger Designstudio hat daraus ein anspruchsvolles Programm in 3-D entwickelt, das in Planetarien gezeigt werden soll. Ein Studiobesuch.

Mitten auf dem Atlantik, vor 170 Jahren. Die "HMS Beagle" schaukelt gemächlich auf den Wogen. Unter Deck sitzt Charles Darwin in seinem Arbeitszimmer und kämpft gegen die Seekrankheit an, die Schiffsplanken knarren, von draußen ist Möwengeschrei zu hören und das mächtige Geräusch brechender Wellen.

Eindrücke, als wären wir dabei gewesen. Drei junge Hamburger Kommunikationsdesigner haben Darwins Expeditionsreisen und seine Forschungen mit Orchideen in eine spannende Multimedia-Show verwandelt, die von diesem Sommer an in den Kuppeln deutscher Planetarien zu sehen sein wird. Premiere ist am 11. Juni in Kiel.

Ralph Heinsohn (33), Felix Schultze (31) und Marc Antosch (31), Gründer und Partner des Designstudios Tilt, arbeiten ein halbes Jahr lang an dem Projekt "Orchideen - Wunder der Evolution". In der zweiten Etage des Phoenixhofs in Altona falten sie und ihre Mitarbeiter Michel Magens und Bastian Böhm Vorlagen aus Papier, basteln Schiffsmodelle aus Bausätzen und scannen traumhaft schöne Orchideenfotos in ihre Rechner ein, in der Hochphase auch schon mal von neun Uhr morgens bis abends um zehn und gern auch am Wochenende. Zu 95 Prozent arbeiten sie digital. Den Ablaufplan, das "Storyboard", hat Ralph Heinsohn aber ausschließlich mit Bleistift skizziert. "Da brauchte ich erst einmal Nachhilfe in Biologie", sagt er. "Woher sollte ich wissen, was epiphytische Wurzeln sind?" Dr. Martin Nickol vom Botanischen Garten in Kiel vermittelte die Grundkenntnisse.

Die auf eine Dreiviertelstunde ausgelegte 3-D-Animation mit Erzählspur und Musik und einer Datenmenge von einem Terabyte wird am Ende auf sechs Computern laufen und in die Kuppeln der Planetarien projiziert.

Die drei Hamburger haben sich während des Studiums in Kiel kennengelernt. Vor zwei Jahren gründeten sie ihre Firma Tilt. Schwerpunkte waren bislang Computerdesign, Flyer, Schriften oder auch Webseiten, zunehmend 3-D-Videos und Animation. Ihr erster Kunde war die Volksbank in Lübeck, die ihren Auftritt auffälliger, bunter und knalliger gestalten wollte. Mit dem Videoprojekt "Alien Action" trat Tilt 2007 erstmals in Planetarien auf. "Wir organisieren immer alles zusammen", sagt Ralph Heinsohn. "Wir setzen uns zusammen und spinnen rum." Je mehr Köpfe, um so mehr Ideen, meint Marc Antosch. "Klar, dass man da auch mal zurückstecken muss", ergänzt Felix Schultze. Und doch haben die drei Freunde im Lauf der Jahre eine gemeinsame Handschrift entwickelt: "Wir wollen mutig sein." Das heißt: Nischen besetzen, die nicht unbedingt jeden erreichen müssen. Der Name "Tilt" ist Programm und steht für das spielerische Element der Arbeit.

Genau das, Kreativität und Spaß, war es, was die Auftraggeber des Projekts so beeindruckt hat. Eduard Thomas, Multimedia-Direktor an der Fachhochschule Kiel, schwärmt von den preisgekrönten Hamburger Designern: "Diese jungen Menschen haben eine eigene, ganz besondere und individuelle Sicht der Welt. Da entsteht eine besondere Qualität, die letzten zehn Prozent, die man sonst nirgends bekommt." Die Volkswagen-Stiftung hatte mehrere Projekte zum Darwin-Jahr ausgeschrieben und übernimmt einen Großteil der Kosten. Die Fachhochschule und der Botanische Garten in Kiel sind ebenfalls mit im Boot. Thomas: "Wir bieten völlig neue Ansätze. Früher haben die Planetarien nur Astronomie angeboten, heute zeigen sie digitales Kino." Das Orchideen-Projekt aus Hamburg holt die alte Welt mit moderner Technik zurück.

Darwins Segen hätten sie gehabt: "Nur ein Narr macht keine Experimente", hat der Vater der Evolutionstheorie gern gesagt. Ob er darauf gekommen wäre, ein Blatt Papier zusammenzuknüllen und das auseinandergefaltete Ergebnis zur digitalen Meeresoberfläche zu machen? Die Software "Cinema 4D" ermöglicht virtuelle Kamerafahrten, mit denen die "HMS Beagle" auf den Wogen tanzt oder sich die Orchideenblüten öffnen. Ralph Heinsohn machte sich mit der Neugier eines Darwin-Laien an die Aufgabe. "Ich sehe es als Vorteil, dass ich keinen grünen Daumen habe." Er musste die Themenbereiche Darwin, Orchideen und Evolutionstheorie in einem gemeinsamen Konzept unterbringen, dabei witzig und unterhaltsam bleiben, ohne aber die wissenschaftlichen Berater zu verprellen. Bei den Abstimmungen musste über manches Wort stundenlang gestritten werden. "Wir wollten das ganze Thema nicht bierernst nehmen."

Zum Beispiel erschließen sich die Orchideen zuerst über ihre Schönheit, dann erst über die Bedeutungsschwere der Darwinschen Erkenntnisse. Mit 25 000 Arten, so viel wie keine andere Pflanzenfamilie, hat die Königin der Pflanzen ein breites Spektrum. "Wenn man über die bekannten Orchideen aus dem Baumarkt hinaussieht, haben diese Pflanzen eine ungeheure Vielfalt", sagt Heinsohn. "Es gibt Blüten, die sehen wirklich aus wie Dracula! Kein Wunder, dass Orchideen Darwin mehr faszinierten als fast alles andere in seinem Leben."

Charles Darwin (1809-1882) kam während eines Spaziergangs in England, als er wilde Orchideen beobachtete, auf die Idee, diese Blumen genauer zu untersuchen. Dass sie zu den "eigentümlichsten Formen im Pflanzenreich" gehörten, war ihm schon bekannt. Denn edle Orchideen waren zu seiner Zeit ein Symbol für Wohlstand. Darwin experimentierte mit den Pflanzen, um seine Theorien wissenschaftlich zu belegen. 1862 veröffentlichte er ein Werk mit dem spröden Titel "Die verschiedenen Einrichtungen, durch welche Orchideen von Insekten befruchtet werden". Darwin wies nicht nur nach, dass die kunstvoll geformten Blüten der Orchideen auf Fremdbestäubung ausgerichtet sind, sondern auch, dass sich viele Blütenformen an bestimmte Insekten anpassen. Eine Art hält ihre Gäste regelrecht gefangen und lässt sie erst wieder frei, wenn sie reichlich Pollen gesammelt haben. Rätselhaft war auch für Darwin die auf Madagaskar beheimatete Orchidee Angraecum sesquipedale , die einen bis zu 35 Zentimeter langen Sporn entwickelt, an dessen Ende der Nektar angeboten wird. Darwins Schluss, es müsse eine Schmetterlingsart geben, die über einen ebenso stark verlängerten Saugrüssel verfüge, wurde erst 21 Jahre nach seinem Tod bestätigt. Auf jeden Fall haben die Studien an den Orchideen Darwins Theorie von der Entstehung der Arten weitere Nahrung gegeben. Jede Art hat sich in ihrer Umgebung eine Nische erobert und eigene, exklusive Strategien für die Fortpflanzung entwickelt.

Wohl keine andere Pflanze eignet sich so wie die Orchidee für ein Feuerwerk der Formen und Farben, das die Tilt-Crew in die Kuppel projiziert. Damit der Vortrag nicht ermüdet, hat der Sound-Designer Sven Lüttgen abwechslungsreiche Musik geschrieben, mal tragende Stücke, mal flüchtige Untermalungen. Und mitten im Programm gibt es plötzlich einen Schnitt: "Jetzt können Sie es mal selbst ausprobieren: Züchten Sie sich eine Orchidee!" Ein Freiwilliger aus dem Publikum darf sich mit einem Joystick virtuell eine neue Pflanze basteln. Ein Computerspiel in einer 360-Grad-Kuppel.

Was haben die neuzeitlichen, in virtuellen Welten sozialisierten Designer über den Forschungspionier Darwin gelernt? Eine ganze Menge, wie es scheint. Marc Antosch sagt: "Ein ganz neues Thema. Sonst wäre das Darwin-Jahr an mir vorbeigerauscht." Ralph Heinsohn ergänzt: "Es gibt viele Spielformen des Lebens, und jede einzelne findet irgendwo eine Nische. Übrigens auch Darwin selbst. Er ist den ungewöhnlichen Weg gegangen. Er war ein Exot." Heinsohn hat "die Vielfalt des Lebens" entdeckt: "Man kann sich jeden Tag für etwas Neues begeistern."

Na also. Noch eine Übereinstimmung. Wie sagte Darwin? "Nichts in der Geschichte des Lebens ist beständiger als der Wandel."

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