Weltformel: Wissenschaftler von heute begeben sich auf Darwins Spuren

Die Seereise, die dem Forscher die Augen für die Evolution öffnete

Mit 22 ging der Theologe an Bord der "H.M.S. Beagle", um Gottes Schöpfung zu belegen. Als Naturforscher kehrte er heim - und revolutionierte das Weltbild.

Am 27. Dezember 1831 setzt die "H.M.S. Beagle" ihre Segel, verlässt die Bucht vor der britischen Hafenstadt Plymouth und nimmt Kurs auf die Azoren. An Bord der knapp 28 Meter langen und maximal acht Meter breiten Bark, die die letzten weißen Flecken Südamerikas vermessen soll, sind 74 Menschen, unter ihnen Charles Robert Darwin. Diese Reise wird das Leben des damals 22 Jahre alten Theologen verändern, und sie wird das Natur- und Menschenbild revolutionieren.

Davon ahnt Darwin nichts. Er glaubt, dass er zwei Jahre später - reich beladen mit Zeugnissen für das Wirken Gottes als Designer der Natur - nach England zurückkehren wird. Doch es werden vier Jahre, neun Monate und fünf Tage, und er wird entdecken, dass es keines Schöpfergottes bedarf, um die Vielfalt der Lebewesen zu erklären.

Er wird sich zu der Theorie durchringen, dass das Zusammenspiel von vererbbaren Variationen und natürlicher Selektion die Formenvielfalt hervorgebracht hat. Darüber wird er aber bis 1859 öffentlich schweigen. Dann erscheint "Die Entstehung der Arten". Das Buch löst einen Sturm der Empörung aus, der bis heute nachhallt.

Zunächst aber leidet Darwin unter Seekrankheit. "Vor der Abfahrt habe ich oft gesagt, dass ich keinen Zweifel hätte, dass ich dieses gesamte Unternehmen häufig bereuen würde, aber ich dachte kaum, mit welcher Inbrunst ich das einmal tun würde. Mir war so schlecht", notiert er in seinem Reisetagebuch. "Darwin war nicht seefest, er litt viel während der 533 Tage, die er auf See verbrachte", sagt Jürgen Neffe. Der promovierte Biochemiker suchte auf den Spuren Darwins die Orte auf, die Darwins Denken prägten, ihn der "Weltformel des Lebens" näherbrachten.

Die "Beagle" nimmt zunächst Kurs auf die Ostküste Brasiliens, vorbei an Teneriffa und den Kapverden. An der Küste geht es Richtung Süden, und wann immer möglich, bricht Darwin zu ausgedehnten Exkursionen an Land auf. Etwa drei Fünftel der Reise wird er an Land verbracht haben. Einige Beobachtungen werden zu Wendepunkten, wie in Uruguay.

Im Juli 1832 erreicht die "Beagle" Montevideo (Uruguay). Dort beobachtet er einen evolutionären Vorgang, dem er später in seiner Argumentation für die natürliche Auslese großen Raum einräumt: der allmählichen Rückbildung von Organen, erläutert Neffe. Darwin entdeckt ein Tier, das Tucutuco, das er "als Nager mit der Lebensweise eines Maulwurfes" beschreibt. Darwin wundert sich, dass es trotz seines unterirdischen Lebensraumes Augen hat, und das dem Tier "allem Anschein nach keine Unbequemlichkeit verursacht".

Rätsel geben ihm auch die flugunfähigen Nandus auf. "Wir sahen einen in der Ferne; wäre ich allein gewesen, hätte ich gesagt, es war ein sehr großes Reh, das wie ein Rennpferd läuft." Vollends ins Staunen gerät Darwin, als er auf seinem Ritt durch die Pampa (Argentinien) von Gauchos erfährt, dass im Süden von Patagonien eine zweite Nandu-Art lebt. Wie kann es sein, dass die so ähnlichen Nandus aus dem Norden und dem Süden Patagoniens zu unterschiedlichen Arten gehören, obwohl sie dicht beieinander leben? Fast hätte er das südliche Exemplar verspeist, bevor er den kleinen Nandu bemerkte. "Der Vogel war gehäutet und gekocht, bevor mein Gedächtnis zurückkehrte", schimpft er und rettet immerhin Kopf, Hals, Beine und Flügel. Das reicht, damit der Ornithologe John Gould, der Darwins Funde untersucht, den Vogel erkennt.

All diese Erlebnisse machen Darwin zunächst nur stutzig, doch an der Küste bei Punta Alta, nahe Buenos Aires, "öffnen versteinerte Lebewesen Darwin die Augen für die Evolution", sagt Neffe. Bei einer Erkundungsfahrt im September 1834 steht er plötzlich vor einem riesigen Grab ausgestorbener gigantischer Vierfüßer. Darwin ordnet die versteinerten Reste als Verwandte jener Gürtel- und Faultiere ein, die noch heute in Südamerika vorkommen. Er erkennt schlagartig, dass Arten eine Geschichte haben. Ein Gedanke, der unvereinbar ist mit dem Wirken eines Schöpfergottes. "Darwin hütet sich, das in seinen Tagebüchern klar zu formulieren", sagt Neffe. Schließlich schickt er Notizen und Funde nach England an Freunde und Verwandte. Auch als er die Fossilien von St. Julian im Süden Patagoniens entdeckt, die später zu einem Schlüssel für seine Theorie werden, bleibt er vorsichtig. Erst als er wieder in England ist, schreibt Darwin: "Diese wunderbare Verwandtschaft auf demselben Kontinent zwischen den toten und den lebendigen wird künftig zweifellos mehr Licht auf die Verbreitung organischer Lebewesen unserer Erde wie auch auf ihr Verschwinden werfen."

Der nächste Ort, der Darwin der "Weltformel des Lebens" näherbringt, sind die Galapagos-Inseln. Vor den Vulkan-Inseln im Pazifik geht die "Beagle" am 15. September 1835 vor Anker. Darwin ist fasziniert von den Inseln, auf denen er gut einen Monat verbringt. Es ist allerdings eine der hartnäckigsten Legenden, dass er beim Anblick der vielfältigen Schnabelformen der Finken deren Bedeutung für seine Theorie erkennt. Er beschreibt nicht mal, wo er welches Tier eingesammelt hat. Es sind vielmehr die Spottdrosseln, deren Betrachtung ihn noch auf der Rückreise dazu bewegen, seine Zweifel an der Schöpfungsgeschichte niederzuschreiben. "Wenn ich mir die in Sichtweite voneinander entfernt liegenden Inseln mit ihrer nur spärlichen Fauna vorstelle, welche sich nur geringfügig unterscheidende und sämtlich den gleichen Platz in der Natur einnehmende Vögel bewohnen, muss ich vermuten, dass es sich lediglich um Varietäten handelt." Am 9. Oktober 1886 macht die "Beagle" wieder im englischen Hafen Falmouth fest. Darwin eilt zu seiner Familie.

Darwins Reisetagebücher und die "Entstehung der Arten" sind am bekanntesten, gleichwohl hat er 19 Bücher, Hunderte wissenschaftliche Aufsätze und Briefe verfasst. Die Entdeckungsreise, zu der er nach seiner Weltumrundung in seinem Garten und seinem Arbeitszimmer startet, bereichert Botanik, Zoologie, Verhaltensforschung, Anthropologie, vergleichende Psychologie, Ökologie und Biogeografie. "Das Lebenswerk erscheint wie ein paradiesisches Archipel an Informationen", urteilt der britische Darwin-Experte Steve Jones - eine Fülle von Beobachtungen, die ein harmonisches Ganzes ergeben.

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