Die Vernichtung der Arten

Wir feiern in diesem Jahr ausgiebig den 200. Geburtstag von Charles Robert Darwin, einem der ganz großen Naturwissenschaftler der vergangenen...

Wir feiern in diesem Jahr ausgiebig den 200. Geburtstag von Charles Robert Darwin, einem der ganz großen Naturwissenschaftler der vergangenen Jahrhunderte. Er ist der Kopernikus der Biologie. Das wissenschaftliche Erbe Darwins ist mit dem von Max Planck, dem Begründer der Quantentheorie, oder Albert Einstein, der die Relativitätstheorie entwickelte, gleichzusetzen. Darwin hat seine bahnbrechenden Ideen zur biologischen Evolution in dem Buch "Die Entstehung der Arten" niedergelegt, das vor genau 150 Jahren erschien.

Die Entwicklung der Menschheit ist nur mithilfe der Evolutionstheorie zu verstehen. Daraus erklärt sich unter anderem die Tatsache, dass das Erbgut, die DNA, vieler Lebewesen der unseren sehr ähnlich ist. Bei Schimpansen beträgt die Übereinstimmung mindestens 95 Prozent. Es stellt sich jedoch die Frage, inwieweit der Mensch heute überhaupt noch Teil der Evolution ist.

Vordergründig muss man diese Frage immer mit Ja beantworten. Es bleibt jedoch ein großes Fragezeichen. Wir Menschen sind dabei, die Umweltbedingungen massiv zu ändern. In Abwandlung des Titels von Darwins Hauptwerk "Die Entstehung der Arten" müssen wir heute von "Der Vernichtung der Arten" sprechen. Allein infolge eines ungebremsten Klimawandels könnten bis zu 30 Prozent aller Pflanzen- und Tierarten bis zum Ende des Jahrhunderts verschwinden. Die Weltnaturschutzunion IUCN (International Union for Conservation of Nature and Natural Resources), die die "Rote Liste gefährdeter Arten" herausgibt, weiß, dass schon heute das Überleben Tausender von Pflanzen und Tieren bedroht ist. Über 1000 Säugetiere stehen auf der Roten Liste, so der Orang-Utan, dessen Heimat, die Regenwälder, wir zerstören, und der Eisbär, dessen Lebensraum in der Arktis infolge der Erderwärmung zu schmelzen droht.

Wir Menschen greifen in die Evolution ein, wie es vor uns kein Lebewesen in so kurzer Zeit getan hat. Wir wissen, dass es in der Erdgeschichte Massenaussterbe-Ereignisse gegeben hat. Von einem Massenaussterben spricht man, wenn in geologisch betrachtet relativ kurzen Zeitabschnitten, das können aber durchaus Zeiträume von einigen 100 000 Jahren sein, ein überproportional großes Aussterben stattfindet, sodass man die nachfolgenden geologischen Schichten durch das Fehlen bestimmter Organismen klassifizieren kann. Vor circa 500 Millionen Jahren am Ende des Kambriums starben vermutlich rund 80 Prozent aller Tier- und Pflanzenarten aus. Auslöser war möglicherweise ein gigantischer Klimawandel. Zum Ende des Perms starben vor etwa 250 Millionen Jahren sogar bis zu 95 Prozent aller marinen Arten und 70 Prozent der auf Land lebenden Organismen aus. Vor ca. 65 Millionen Jahren am Ende der Kreidezeit starben rund 50 Prozent aller Tiere aus, darunter auch die Dinosaurier. Als Ursache wird u. a. der Einschlag eines Meteoriten nahe der Halbinsel Yucatan (Mexiko) diskutiert, der eine riesige Flutwelle und/oder (durch den in die Atmosphäre eingebrachten Staub) eine spontane und lang anhaltende Abkühlung ausgelöst haben könnte. Die Massenaussterbe-Ereignisse haben neue Möglichkeiten für die Evolution eröffnet und sie haben die Entwicklung des Lebens in neue Richtungen gelenkt. Sie haben gewissermaßen "die Karten neu gemischt" und die allmähliche Entwicklung jäh unterbrochen. Das Wirken des Menschen auf der Erde ist mit einem derartigen Ereignis vergleichbar. Dabei besteht die Gefahr, dass wir auch den Ast des Baumes des Lebens absägen, auf dem wir sitzen. Denn wir strapazieren die Ökosysteme, die uns ernähren, allein dadurch, dass sieben Milliarden Menschen auf der Erde leben. Wir vernichten Arten, deren Wert für das Zusammenleben wir überhaupt nicht kennen, und wir setzen neue, gentechnisch erzeugte Arten frei, die im Unterschied zu unseren Zuchtprodukten keine Evolutionsprüfung durchlaufen.

Darwin hat uns wichtige Einblicke in die Entwicklung des Lebens verschafft. Er hat den Schöpfungsgedanken durch die Idee einer kontinuierlichen Entwicklung abgelöst. Wir sind dabei, diesen Gedanken auf geradezu tragische Weise auf den Kopf zu stellen, denn wir zeichnen für einen dramatischen Verlust der Artenvielfalt verantwortlich. Darüber hinaus beginnen wir damit, das genetische Material von Lebewesen selbst zu verändern. Kurzum, wir sind zum Schöpfer - oder wie einige sagen, zum Teufel - geworden. Es muss rasch die Einsicht um sich greifen, dass nur der Erhalt der Vielfalt der Arten unser Überleben auf der Erde garantiert. Sonst war Darwins Werk umsonst.


Der Autor Prof. Dr. Mojib Latif (54) forscht am Leibniz-Institut für Meereswissenschaften an der Universität Kiel.

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