200 Jahre Darwin: Der große Naturforscher und seine Theorie über die Moral

Der Mensch - nur so eine Art Tier?

Hielt der Begründer der Evolutionstheorie den Menschen doch für etwas Besonderes? Die Forscherin über Darwins Denksäulen.

Der moralische Sinn ist nach Darwin das beste und höchste Unterscheidungsmerkmal zwischen Mensch und Tier. "Es ist die edelste aller Eigenschaften des Menschen, die ihn dazu führt, ohne einen Augenblick zu zögern, sein Leben für das eines Mitgeschöpfes zu opfern," schreibt Darwin.

Aus Furcht vor öffentlicher Entrüstung hatte Darwin ursprünglich nicht vorgehabt, ein Buch über den Menschen zu schreiben. Erst nachdem berühmte Forscher wie Alfred R.Wallace und Ernst Haeckel Darwins Theorie auf den Menschen angewandt hatten, überwand er seine Scheu und verfasste sein Werk über die Abstammung des Menschen.

Die Theorie vom Menschen als moralfähigem Tier hat ihre Basis in seiner allgemeinen Abstammungstheorie. Darwins revolutionäres Programm besteht darin, dass er eine Universaltheorie über alle Lebewesen einschließlich des Menschen entwirft. Er betrachtet den Menschen als natürliches Wesen, reduziert ihn aber nicht darauf. Schon in seinem Buch "Die Entstehung der Arten" schreibt er: "Die Psychologie wird auf eine neue Grundlage gestellt: dass jedes geistige Vermögen und jede geistige Fähigkeit notwendigerweise nur graduell, stufenweise erworben werden kann. Licht wird auf den Ursprung des Menschen und seine Geschichte fallen."

In seinem Werk über die Abstammung des Menschen steht: "Der Unterschied zwischen Mensch und Tier ist nur graduell, nicht grundsätzlich." Dennoch verliert der Mensch damit nicht die Sonderstellung in der Natur, weil er über gesteigerte geistige Fähigkeiten, eine verbale Sprache und Moralfähigkeit verfügt. Für Darwin ist der Mensch "das dominanteste Tier, das je auf der Erde erschienen ist". Denn er kann durch seine geistigen Fähigkeiten "mit unverändertem Körper in harmonischem Verhältnis zu dem sich verändernden Universum bleiben". Das bedeutet: Wenn sich die Lebensbedingungen ändern, muss der Mensch sich kein dickes Fell wachsen lassen, keine Klauen, keine Reißzähne. Die intellektuellen Fähigkeiten, die Sprache, die kulturellen Gewohnheiten und die Techniken erlauben ihm, sich (an) die Natur anzupassen. Der Mensch bedarf keiner körperlichen Veränderungen, um den Umweltanforderungen gewachsen zu sein.

In der Evolution des Menschen bildet sich auch sein moralischer Sinn als Wesensmerkmal heraus. "Wir haben keinen Grund zu der Annahme, dass eines der tiefer stehenden Tiere diese Fähigkeit hat. Daher bezeichnen wir das Verhalten eines Neufundländers, der ein Kind aus dem Wasser zieht, oder eines Affen, der sich Gefahr aussetzt, um einen Kameraden zu retten oder sich um einen verwaisten Affen kümmert, nicht als moralisch." Allein der Mensch kann "mit Sicherheit" als moralisches Wesen eingestuft werden, weil er in der Lage ist, sein Handeln an moralischen Prinzipien, an moralischen Normen zu orientieren, es zu bewerten. Der moralische Sinn ist daher das wichtigste Unterscheidungsmerkmal zum Tier.

Darwin nimmt eine moralische Sonderstellung des Menschen innerhalb eines naturalistischen Rahmens an. Der moralische Sinn ist dabei etwas Neues, ein Novum in der Evolution.

Aber bricht Darwin damit nicht mit seiner eigenen Theorie, nach der sich Veränderungen langsam, graduell vollziehen? Darwin geht davon aus, dass es gut ausgeprägte soziale Instinkte bei den affenähnlichen Vorfahren des Menschen und den Urmenschen gab. In diesen wurzelt der moralische Sinn des heutigen Menschen, der sich darin freilich nicht erschöpft. Ohne instinktive soziale Impulse wäre der Mensch jedoch ein "unnatürliches Monster". Das soziale Fundament für den moralischen Sinn ist die Zuneigung der Eltern zu den Kindern. Diese Zuneigung ist durch die natürliche Selektion - die Zuneigung erhöht die Überlebenschance des Nachwuchses - begünstigt worden. Im Verlauf der Evolution wurde das Wohlwollen auf andere Stammesmitglieder und weit über diese hinaus ausgedehnt.

Wie konnte das geschehen?

Darwin geht davon aus, dass Stämme, deren Mitglieder über soziale Tugenden verfügten und sich gegenseitig halfen, einen Vorteil gegenüber anderen Stämmen hatten, deren Mitglieder sich bekämpften. "Ein Stamm, der die oben genannten Eigenschaften in hohem Maß besitzt, wird sich ausbreiten und über alle anderen den Sieg davontragen. Im Laufe der Zeit wird auch er von einem anderen, noch höher entwickelten Volk überwunden werden." Es gibt für Darwin eine natürliche Selektion unter Stämmen aufgrund des unterschiedlichen Moralverhaltens und der unterschiedlichen Kooperationsbereitschaft ihrer jeweiligen Mitglieder. Dadurch vollzieht sich für ihn eine Entwicklung der Moral im quantitativen und im qualitativen Sinn. Wie entwickelt sich aber innerhalb eines Stammes Moral?

Nach der Logik der Selektionstheorie müssten diejenigen, die Moral praktizieren und häufiger ihr Leben für andere verlieren, diese Disposition nicht weiter vererben können. Die Entstehung von moralischem Verhalten ist beim Individuum nach Darwin deshalb nicht durch natürliche Selektion erklärbar. Vielmehr nahm Darwin an, dass einige Mitglieder zunächst einmal anderen helfen, damit sie selber Hilfe bekommen. Die Herausbildung der Moral innerhalb eines Stammes basiert also zunächst auf einer egoistischen Kalkulation. Dadurch entsteht eine Gewohnheit, den Gefährten beizustehen, was das Mitgefühl mit den Mitmenschen im Verlauf der Zeit bekräftigt. Ein wichtiges Instrument sind auch Lob und Tadel:

Was gut für die Gemeinschaft war, wurde gelobt, das andere getadelt. "Schließlich wird unser moralischer Sinn oder Gewissen ein hochkomplexes Empfinden, in sozialen Instinkten wurzelnd, geleitet von der Anerkennung unserer Mitmenschen, geführt vom Verstand, Eigeninteresse und tiefen religiösen Gefühlen, vermittelt durch Erziehung und Gewohnheit."

Darwin hat der Religion eine große Bedeutung für den moralischen Fortschritt beigemessen, weil er wusste, dass die religiöse Erziehung eine Grundlage für die Entwicklung der Moral ist. Zugleich, so Darwin, beweise das nicht die Existenz Gottes.

Darwins Ethik ist stark beeinflusst durch philosophische Traditionen. Sie ist keine evolutionäre Ethik in dem Sinne, dass das Recht des Stärkeren die Moral einer Gesellschaft prägen darf. Darwin war also kein Sozialdarwinist. Vielmehr vertritt er den Standpunkt, dass die Humanität nicht den biologischen Imperativen geopfert werden darf.

Darwin gerät gar ins Predigen: "Böses mit Gutem zu vergelten, deinen Feind zu lieben, ist eine sittliche Höhe, zu welcher uns die sozialen Instinkte wohl niemals von selbst geführt hätten. Es ist notwendig, dass diese Instinkte zusammen mit dem Mitgefühl hoch kultiviert wurden und mithilfe der Vernunft, der Erziehung, der Liebe zu Gott oder Gottesfurcht ausgedehnt wurden, bevor jemals an eine goldene Regel hätte gedacht oder dieselbe befolgt werden können. Große Gesetzgeber, die Stiftung wohltätiger Religionen, große Philosophen oder wissenschaftliche Entdecker tragen durch ihre Arbeiten weit mehr zum Fortschritt der Menschheit bei als durch das Hinterlassen einer großen Nachkommenschaft."

Die natürliche Selektion hat mit dem Menschen somit ein Wesen hervorgebracht, das dieser Selektion nicht nur durch technische Erfindungen entkommen ist, sondern sie durch die sozialen Tugenden, den moralischen Sinn, entmachtet hat. Auf diese Weise wird der Mensch ein Weltbürger, dessen Wohlwollen andere Stämme, andere Nationen und andere Rassen einschließt und schließlich, das sagt er mehrfach in seinem Werk, auch andere Lebewesen. Die Tiere sind ausdrücklich Gegenstand der moralischen Rücksichtnahme. Darwin geht davon aus, dass die Tugend immer häufiger triumphieren wird, obwohl der moralische Fortschritt kein Gesetz ist.


Die Autorin Eve-Marie Engels ist Darwin-Expertin und lehrt "Ethik in den Biowissenschaften" an der Universität Tübingen.

Der Artikel basiert auf einem Vortrag, den die Autorin am 21. Januar im Deutschen Museum in München gehalten hat.

"Charles Darwin", Eve-Marie Engels, Verlag C.H. Beck, 256S., 14,95 Euro.

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