25.02.12

Nach Koran-Verbrennung

Afghanistan: Bundeswehr weicht vor Protesten zurück

Aufruhr nach Koran-Verbrennung in mehreren afghanischen Provinzen. Deutsche Soldaten ziehen sich vorzeitig aus Stützpunkt Talokan zurück.

Von Thomas Frankenfeld
Foto: dapd
In der Nähe von Kabul protestierten mehrere Menschen gegen die Koran-Verbrennung durch US-Soldaten
In der Nähe von Kabul protestierten mehrere Menschen gegen die Koran-Verbrennung durch US-Soldaten

Hamburg. Der islamischen Überlieferung nach ist der Koran, das heilige Buch der Muslime, eine Kopie der bei Gott liegenden Urschrift. Seine 114 Suren, die der Erzengel Gabriel dem Propheten Mohammed um das Jahr 610 ins Herz schrieb, enthalten das unmittelbar offenbarte Wort Gottes. Es ist heilig und unabänderlich.

Wer immer von den amerikanischen Soldaten des US-Stützpunktes Bagram in Afghanistan einige Exemplare dieses heiligen Buches in die Müllverbrennung der Basis geworfen hat, war offenbar nicht mit Kenntnissen über den Koran und die schwerwiegenden Konsequenzen seines Handelns belastet. Es hieß in Bagram, inhaftierte Taliban nutzten die Koran-Seiten als Kassiber, um geheime Informationen auszutauschen. Die US-Soldaten verbrannten die Bücher deshalb kurzerhand, obwohl afghanische Angestellte der Müllverbrennungsanlage sie noch daran hindern wollten und auf die Heiligkeit der Schrift hinwiesen, wie "Spiegel online" berichtete.

+++ Nach Koran-Verbrennung - zwei Nato-Soldaten getötet +++

+++ Afghanistan: Proteste wegen "Koranverbrennung" +++

Demnach hätten sich die Arbeiter die Hände verbrannt, als sie acht bereits verkohlte Exemplare aus den Flammen retteten. Auf einem Lastwagen hätten sich aber noch jede Menge Korane aus dem Gefängnis in Bagram befunden.

Viel zu spät ordnete die internationale Schutztruppe Isaf nun Schulungen an, vergeblich entschuldigte sich das US-Militär und sogar Präsident Barack Obama selber beim afghanischen Volk. Rasende Wut über die "Gotteslästerer" erfasste die Afghanen; vor Stützpunkten westlicher Truppen in Kabul sowie in mehreren Provinzen kam es zu gewalttätigen Protesten. Inzwischen starben mehr als 20 Menschen dabei.

In der Hauptstadt Kabul skandierte eine Menge "Tod den USA" und "Tod für Obama". Ein Bild des US-Präsidenten ging in Flammen auf. Hunderte Polizisten und Soldaten feuerten Warnschüsse ab, um die Menge kontrollieren zu können. Proteste gab es auch in Maimana, Baglan, Faisabad und Talokan.

Für die radikalislamischen Taliban, die in Afghanistan an die Macht zurückdrängen, ist der ärgerliche Vorfall ein Geschenk. Er lieferte ihnen einen überzeugenden Vorwand, um zu Attentaten gegen westliche Truppen und zur Fahnenflucht afghanischer Soldaten aufzurufen. Ein Vertreter des US-Geheimdienstes CIA tischte am Freitag die steile These auf, die Taliban hätten den ganzen Vorfall geschickt inszeniert, indem sie US-Soldaten zur Verbrennung der Korane provoziert hätten.

Präsident Hamid Karsai gerät dadurch in eine schwierige Situation zwischen allen Stühlen. Eine klare Verteidigung des Westens, der ihn immerhin an der Macht hält, verbietet sich angesichts der kochenden Volkswut. Frontale Kritik am Westen aber auch - noch benötigt Karsai die Amerikaner. So tut er von jedem etwas, achtet aber vor allem darauf, das Volk nicht zu verprellen. Die Regierung in Kabul redet längst mit den Taliban über Afghanistans Zukunft. Kaum jemand rechnet damit, dass sich Karsai mit seiner korrupten, inkompetenten Armee gegen die Taliban lange an der Macht halten könnte.

Für die Bundeswehr wurde die Lage des kleinen Stützpunktes in Talokan in der Provinz Tachar mit der jüngsten Eskalation vollkommen unhaltbar. Seit 2008 unterhielt sie in einem Anwesen mitten in der 200.000-Einwohner-Stadt 70 Kilometer östlich von Kabul ein sogenanntes Provinz-Beratungsteam. Gerade einmal 50 Soldaten halfen mit Polizisten und zivilen Beamten beim sozialen Wiederaufbau in dieser Gegend. Bis Mitte März sollte der Stützpunkt ohnehin aufgelöst werden. Angesichts von rund 300 aufgebrachten Demonstranten und fliegenden Steinen hielt es die Bundeswehr für vernünftig, die Soldaten nach Kundus zu verlegen.

Im Frühjahr waren bei einem Angriff von Demonstranten auf das deutsche Lager mehrere Menschen erschossen worden. Wenig später wurden bei einem Anschlag auf den Gouverneurspalast von Talokan der Polizeichef von Nordafghanistan sowie zwei Bundeswehrsoldaten getötet. Der deutsche General Markus Kneip, der jetzt den Abzug befahl, wurde dabei verletzt. Die Bundeswehr musste diesmal also mindestens mit ähnlichen Gewalttaten rechnen, rückte ab und nahm sämtliche Fahrzeuge mit.

Im Herbst 2010 hatte der radikalchristliche amerikanische Pfarrer Terry Jones für einen weltweiten Aufruhr der Muslime mit etlichen Toten gesorgt, weil er den Koran öffentlich als "schändliche Schrift" verbrennen wollte. Jones verzichtete am Ende darauf, doch im März 2011 verbrannte sein Amtskollege und Freund Wayne Sapp in Gainesville in Florida einen Koran nach einem Schau-"Prozess" gegen das Buch. Terry Jones war als "Zeuge der Anklage" dabei anwesend.

Danach wurden mindestens acht Mitarbeiter der Uno im afghanischen Masar-i-Scharif bei einem Angriff wütender Demonstranten gelyncht, darunter ein Norweger und ein Schwede. Ein Uno-Vertreter hatte damals klar gesagt, dies zeige, welches Gewaltpotenzial eine Verbrennung der heiligen Schrift der Muslime in sich trage.

Die schwersten Angriffe auf die Bundeswehr in Afghanistan
Die schwersten Angriffe auf die Bundeswehr in Afghanistan:
Beim Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan sind bisher insgesamt 44 deutsche Soldaten ums Leben gekommen. 26 von ihnen wurden bei folgenden Anschlägen und Gefechten getötet:
15. April 2010: Bei einem Raketen-Angriff in der nordafghanischen Provinz Baghlan sterben vier deutsche Soldaten. Fünf werden verletzt.
2. April 2010: Bei schweren Gefechten im Unruhedistrikt Char Darah südwestlich von Kundus-Stadt kommen drei Bundeswehrsoldaten ums Leben. Acht weitere Deutsche werden bei den stundenlangen Kämpfen schwer verletzt.
23. Juni 2009: Nach einem Feuergefecht in der Region Kundus sterben drei Bundeswehrsoldaten. Sie kippten bei einem Ausweichmanöver mit ihrem Transportpanzer vom Typ "Fuchs" um und blieben in einem Graben liegen.
29. April 2009: In der Nähe der Stadt Kundus gerät eine Patrouille der Bundeswehr in einen Hinterhalt. Ein deutscher Soldat stirbt, vier weitere werden verletzt. Wenige Stunden zuvor waren bei einem Attentat in der Nähe des deutschen Feldlagers Kundus fünf deutsche Soldaten leicht verletzt worden.
20. Oktober 2008: Zwei deutsche Soldaten sterben bei einem Selbstmordanschlag nahe der Stadt Kundus. Die Taliban bekennen sich zu dem Anschlag.
27. August 2008: Eine Patrouille der Bundeswehr gerät in der Nähe von Kundus in eine Sprengfalle. Ein Soldat erliegt seinen Verletzungen, drei weitere werden verletzt.
6. August 2008:Bei einem Selbstmordanschlag nahe Kundus werden drei Soldaten verletzt, zwei davon schwer. Einer von ihnen stirbt Anfang Oktober 2009 an den Spätfolgen.
19. Mai 2007: Bei einem Selbstmordanschlag eines Taliban- Terroristen auf einem Markt in Kundus werden drei Soldaten einer Fußpatrouille getötet, zwei weitere verletzt.
14. November 2005: In Kabul reißt ein Selbstmordattentäter einen Bundeswehrsoldaten mit in den Tod, zwei weitere werden verletzt. Zu dem Anschlag bekennen sich die radikal-islamischen Taliban.
7. Juni 2003: In Kabul werden bei einem Selbstmordattentat vier Bundeswehrsoldaten getötet und 29 verletzt. Ein mit 150 Kilogramm Sprengstoff beladenes Taxi explodierte neben einem Bundeswehrbus.
29. Mai 2003: Ein Geländewagen fährt in der Nähe des deutschen ISAF-Camps in Kabul auf eine Mine. Ein deutscher Soldat stirbt.
Quelle: dpa
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