17.01.13

Krise in Westafrika Malis Islamisten eröffnen neue Schlachtfelder

Von Alfred Hackensberger, Florian Flade und Sascha Lehnartz
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Foto: AFP

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Extremisten sollen für Terroranschlag in Algerien verantwortlich sein. Frankreich beklagt mangelnde Hilfe der europäischen Partner.

Bamako/Paris. Dass man in Kriege wesentlich schneller hineingerät, als man aus ihnen wieder herauskommt, scheint sich auch bei dem französischen Einsatz in Mali zu bewahrheiten. Möglicherweise weitet sich der Konflikt bereits über die Sahelzone aus. Bei einem terroristischen Anschlag auf eine BP-Gasraffinerie in der Nähe des südost-algerischen Ortes Amenas sollen am Dienstag zwei Ausländer, darunter ein Franzose getötet, und sechs weitere verletzt worden sein. Mehrere Japaner und Europäer sollen als Geiseln genommen worden sein, berichteten französische und algerische Nachrichtenagenturen mit zum Teil widersprüchlichen Angaben. Ein führender malischer Islamist behauptete sogar, die Extremisten hätten in Algerien nicht nur Zivilisten, sondern 41 französische und britische Soldaten gefangen genommen.

"Wir haben 41 britische und französische Soldaten gefangen genommen. Wir werden sie einzeln erschießen, wenn die Angriffe der Franzosen nicht aufhören", sagte Extremistenführer Omar Oud Hamaha der "Welt" am Telefon. Hamaha gilt als Anführer der "Bewegung für Einheit und Dschihad in Westafrika" (Mujwa), einer von drei mit al-Qaida verknüpften Extremistenbewegungen, die hinter der Rebellion im Norden Malis stehen.

Auch die algerische Tageszeitung "El Watan" und die mauretanische Nachrichtenagentur "Nouakchott" sprechen davon, dass die Islamisten in Algerien 41 Ausländer gefangen genommen hätten. Ihren Angaben zufolge sollen sie jedoch aus neun bis zehn verschiedenen Nationen stammen, darunter sieben Amerikaner. Von westlichen Soldaten ist in den Meldungen der Agentur nicht die Rede. Es bleibt also unklar, ob es den Islamisten tatsächlich gelungen ist, wie Hamaha behauptet, französische und britische Soldaten gefangen zu nehmen.

Bisherige Medienberichte gehen von einem Angriff gegen Zivilisten aus. Demnach hatten al-Qaida nahestehende islamische Extremisten am Mittwochmorgen eine Gasförderanlage des BP-Konzerns angegriffen und mehrere Ausländer als Geiseln genommen. Die algerische Nachrichtenagentur APS meldete, bei dem Angriff seien zwei Menschen getötet und sechs weitere verletzt worden. Einer der Angreifer erklärte, seine Gruppe komme aus dem Nachbarland Mali, wo Frankreichs Armee seit Ende vergangener Woche einen Einsatz gegen Islamisten führt.

BP arbeitet vor Ort mit dem norwegischen Konzern Statoil sowie mit dem algerischen Energieunternehmen Sonatrach zusammen. Der algerische Abgeordnete Mahmoud Guemama sagte unter Berufung auf Augenzeugen, ein Franzose und vier Japaner seien als Geiseln genommen worden. Ein Sprecher der französischen Botschaft konnte diese Information nicht bestätigen.

Nach Angaben des irischen Außenministeriums ist unter den Geiseln jedenfalls auch ein irischer Staatsbürger. Der Mann stamme aus Nordirland, sei aber im Besitz eines irischen Passes. Der britische Botschafter in Algerien, Martyn Roper, bestätigte auf Twitter, dass "britische Bürger in einen terroristischen Vorfall verwickelt" seien. Offenkundig ist die Aktion ein Vergeltungsakt für den französischen Angriff gegen die Islamisten in Mali.

Dort befanden die französischen Spezialkräfte sich unterdessen in der Stadt Diabali, etwa 400 Kilometer nördlich der Hauptstadt Bamako, im Nahkampf "Mann gegen Mann" mit den islamistischen Aufständischen, so eine französische Sicherheitsquelle. Die französischen Truppen kämpften dort "Seite an Seite" mit der regulären malischen Armee. Insgesamt sind derzeit rund 800 französische Soldaten in Mali im Einsatz, ihre Zahl soll sukzessive auf 2500 Mann ausgebaut werden.

Ein Zug mit rund 30 Kampfpanzern, der vom Flughafen in Bamako gen Norden aufgebrochen war, hält sich derzeit etwa 50 Kilometer südlich von Bamako in Alarmbereitschaft. In dieser Gegend treffe man auf die "härtesten, fanatischsten, bestbewaffneten und am besten organisierten" Gegner, erklärte der französische Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian. Man stehe dort "etwa 1200 bis 1300 Terroristen" gegenüber, die noch Verstärkung erhielten.

Die Kritik, dass Frankreich von seinen Verbündeten allein gelassen werde, wird lauter. Der ehemalige Parlamentspräsident Bernard Accoyer (UMP) sprach anerkennend von einem "wichtigen Moment für die Präsidentschaft Hollandes" und beklagte, dass Frankreich in Mali "einsam" dastehe. "Wo ist Europa?", fragte der ehemalige Präsidentschaftskandidat der Zentrums-Partei Modem, François Bayrou.

Noch deutlicher wurde der grüne Europa-Abgeordnete Daniel Cohn-Bendit angesichts der vagen Unterstützungszusagen der übrigen Europäer: Zwar redeten alle von "wir", aber in Mali seien allein französische Soldaten im Einsatz. "Man sagt den Franzosen, wir schicken euch ein paar Krankenschwestern, also lasst euch mal umbringen in Mali." Der ehemalige französische Präsident Valérie Giscard d'Estaing warnte unterdessen vor der Gefahr einer "neokolonialistischen Aktion". Luftschläge seien gerechtfertigt, jedoch "keine direkte Intervention auf dem Boden". Die Warnung kam wohl zu spät.