16.01.13

Brutaler Überfall

Terroristen nehmen Geiseln auf Gasfeld in Algerien

Mutmaßliche Al-Kaida-Kämpfer töten mindestens zwei Menschen, nehmen mehrere Ausländer als Geiseln. Täter wollen Rache für den Mali-Einsatz.

Foto: dpa
Attack on Amenas gas facility in Algeria
Das Gasfeld von BP in Amenas in Algerien

Algier/London/Dublin/Oslo. Mutmaßliche Al-Kaida-Kämpfer haben in Malis Nachbarland Algerien ein Gasfeld überfallen und zahlreiche Ausländer in ihre Gewalt gebracht. Mindestens zwei Menschen wurden getötet, mindestens sieben weitere verletzt, als die schwer bewaffneten Terroristen am frühen Mittwochmorgen die Siedlung der Ölarbeiter angriffen und sofort das Feuer eröffneten.

Nach Informationen algerischer Medien nahmen die Terroristen zunächst rund 40 Arbeiter als Geiseln, darunter Norweger, Briten, Japaner, einen Iren und einen Franzosen. Die einheimischen Arbeiter wurden nach Angaben örtlicher Medien im Laufe des Tages wieder freigelassen. Die Geiselnehmer hielten jetzt noch 20 Ausländer in ihrer Gewalt, meldete der algerische Rundfunk am Abend. Ein Sprecher der Entführer sagte hingegen, man habe noch 41 Ausländer als Geiseln.

Frankreich kämpft zurzeit an der Seite von Regierungstruppen in Mali gegen islamistische Rebellen. Eine Einheit der Al-Kaida im islamischen Maghreb (AQMI) habe sich für den Angriff auf das Gasfeld verantwortlich erklärt, meldete die mauretanische Nachrichtenagentur ANI. Die AQMI ist eine der drei Gruppen, gegen die die französischen Truppen in Mali vorgehen. Sie hatte Rache für die französische Offensive angedroht.

Ein Sprecher der Geiselnehmer sagte ANI, der Angriff sei die Strafe dafür, dass Algerien französischen Militärflugzeugen erlaubt habe, das Land auf dem Weg zu ihrem Kampfeinsatz in Mali zu überfliegen.

Die Anlage In Amenas liegt im Osten Algeriens nahe der Grenze zu Libyen entfernt mitten in der Wüste. Über die genaue Anzahl der Geiseln gingen die Angaben weit auseinander. Der französische Rundfunk hatte zunächst von sechs Ausländern gesprochen. Laut algerischem Rundfunk handelt es sich bei einem der Getöteten um einen Briten.

Das algerische Innenministerium teilte mit, dass eine Gruppe schwer bewaffneter Terroristen in drei Fahrzeugen am Mittwochfrüh das Lager der Ölarbeiter überfallen habe. Die Bewaffneten hätten zunächst einen Bus ins Visier genommen, der mit einer Gruppe von Ausländern zum Flughafen von In Amenas aufbrechen wollte. Dabei soll es die Toten und Verletzten gegeben haben. Dann seien sie in den Industriekomplex eingedrungen und hätten eine "unbestimmte" Anzahl Geiseln genommen. Algerische Truppen seien zu dem Ort entsandt worden.

Das britische Außenministerium bestätigte am Mittwoch einen "fortdauernden terroristischen Vorfall" in der Anlage in Amenas. Auch britische Bürger seien betroffen. Der Ölkonzern BP teilte mit, dass das Feld am Mittwoch um 6 Uhr MEZ von einer Gruppe Bewaffneter angegriffen und besetzt wurde. Der Kontakt dorthin sei extrem schwierig. In In Amenas befinde sich ein Gasfeld, das von der staatlichen algerischen Gesellschaft Sonatrach, BP und der norwegischen Statoil gemeinsam betrieben werde. Es liege 60 Kilometer westlich der libyschen Grenze.

Der Statoil-Konzern bestätigte in Norwegen, dass Terroristen das Gasfeld unter ihre Kontrolle gebracht hätten. Bei einer Pressekonferenz in Stavanger sagte Konzernsprecher Lars Christian Bacher, dass die Angreifer das Feld am Morgen "relativ schnell" erobert hätten. 13 der 17 Statoil-Mitarbeiter seien zum Zeitpunkt der Attacke anwesend gewesen. Über ihre konkrete Lage wolle man sich aus Sicherheitsgründen nicht äußern. Vorher hatte die Ehefrau eines Norwegers in Medien bestätigt, dass sich ihr Ehemann telefonisch als eine der von den Terroristen genommenen Geiseln gemeldet hätte.

Die algerische Zeitung "El Watan" berichtete, zwei Franzosen und ein Japaner seien von bewaffneten Männern verschleppt worden, die mit Geländewagen unterwegs waren. Der irische Außenminister Eamon Gilmore forderte die sofortige Freilassung der Gefangenen. Bei dem Iren soll es sich um einen 36 Jahren alten Mann handeln, der zuletzt in Nordirland lebte.

Irland biete der Familie des Entführten konsularische Hilfe an, sagte Gilmore. Darüber hinaus stehe die irische Regierung mit ihren internationalen Partnern in enger Verbindung. "Zu diesem Zeitpunkt sind die Identität und die Motive der Entführer noch unbekannt", sagte Gilmore. Die Regierung in Dublin werde alle ihr zur Verfügung stehenden Mittel nutzen, um die Befreiung ihres Landsmannes zu erwirken.

"Der Norden Malis gehört Al-Kaida"

An entlegenen Wüstenflecken, in tiefen Höhlen und Felsennestern in den Bergen Malis haben sich die islamistischen Kämpfer eingegraben und enorme Verteidigungsanlagen errichtet.

Der Norden des Landes, ein Gebiet größer als Frankreich und in etwa genau so groß wie Afghanistan, ist Al-Kaida-Land geworden. Gegenüber den vorrückenden Franzosen brüsten sich die Extremisten, dieser Kampf werde noch schwieriger werden als jener in Afghanistan.

Schon längst haben sie sich auf eine Schlacht vorbereitet. Mit Baggern und Bulldozern geflüchteter Straßenbautrupps legten sie ein ausgeklügeltes Netz aus Tunneln, Gräben, Schächten und Wällen an, wie Einheimische schildern. Kraftstoffdepots irgendwo im Nirgendwo sichern Nachschub für den Ernstfall, Generatoren und Solarzellen sorgen für Strom.

Auf Geländewagen wurden Augenzeugen zufolge Geschütze montiert. Ein Informant aus Kidal berichtet von zwei Stützpunkten 200 bis 300 Kilometer nördlich der Stadt, in Teghergharte in den Bergen und bei Boghassa.

 "Afghanistan hat Al-Kaida nie gehört", erklärt der frühere UN-Diplomat Robert Fowler, der von dem in Mali aktiven Ableger des Terrornetzwerks einmal entführt und 130 Tage gefangen gehalten worden war. "Aber der Norden Malis gehört ihnen."

Die ursprünglich aus Algerien stammende Gruppierung Al-Kaida im Islamischen Maghreb (AKIM) treibt sich seit Jahren in Mali herum und nutzte vergangenes Jahr das politische Chaos, um aus dem Hintergrund zu treten und im Norden die Städte zu erobern.

Daneben sind zwei weitere radikalislamische Gruppen im Norden Malis aktiv: die Bewegung für Einheit und Dschihad in Westafrika (MUJAO), die ihre Hochburg in der Stadt Gao hat, und Ansar Dine aus Kidal.

 Experten sehen erhebliche Überschneidungen zwischen ihnen und werten alle drei als Ableger beziehungsweise Sympathisanten von Al-Kaida. Bei ihrem jüngsten Vorstoß nach Süden stützen sich die Islamisten auf die Erfahrungen von AKIM, die 2003 nach Mali kam und in der Wüste ein florierendes Entführungsgewerbe aufzog. Zugleich nahmen ihre Kämpfer Verbindung zu örtlichen Clans auf und knüpften die Beziehungen, die sie heute schützen. Etliche Kommandeure heirateten in einheimische Familien ein.

In Gao ist Moktar Belmoktar häufig in der Öffentlichkeit zu sehen, der einäugige Emir der Gruppierung, die 2008 Fowler verschleppte. Belmoktar ist gebürtiger Algerier und soll in den 1980er Jahren in einem Terrorcamp Osama bin Ladens in Afghanistan ausgebildet worden sein.

Seine rechte Hand ist Oumar Ould Hamaha, den Fowler als einen seiner Entführer identifizierte. Hamahas Familie stammt aus Kidal, seine Nichte ist mit Belmoktar verheiratet. Telefonisch an einem unbekannten Ort erreicht, möchte Hamaha zu den Verteidigungsanlagen nichts sagen, betont aber, seine Kämpfer seien vorbereitet: "Wir betrachten dieses Land als unser Land. Das ist islamisches Gebiet."

Vor allem ist es ein unüberschaubares, unwirtliches Gebiet. Das dürfte es jeder Interventionsstreitmacht schwer machen, gegen Kämpfer vorzugehen, die sich Fowler zufolge in der Wüste blind zurechtfinden. Zudem sei es während seiner Entführung dort so heiß gewesen, dass er manchmal kaum habe atmen können, erinnert sich der Kanadier.

Die US-Botschaft in Bamako berichtete in einer von Wikileaks veröffentlichten Depesche, dass selbst malische Soldaten im Norden nur frühmorgens arbeiten könnten und sich tagsüber in den Schatten zurückzögen.

Dagegen sah Fowler Al-Kaida-Kämpfer stundenlang in der brennenden Wüstensonne sitzen und Koranverse rezitieren. "Ich habe nie eine stärker auf etwas konzentrierte Gruppe junger Männer gesehen", berichtet er. "Keiner schleicht sich für eine Erholungspause fort. Die haben ihre Frauen und Kinder zurückgelassen. Sie glauben, dass sie auf dem Weg ins Paradies sind."

Die Ereignisse in Mali: Ein Rückblick

Jahrelang galt Mali als Vorbild für eine demokratische Entwicklung in Afrika. Seit dem Militärputsch im März 2012 aber rutscht der westafrikanische Staat zunehmend ins Chaos. Ein Rückblick:

21./22. März 2012: Meuternde Soldaten stürzen Präsident Amadou Toumani Touré. Hintergrund sind Kämpfe zwischen Tuareg-Rebellen und Regierungstruppen im Norden des Landes. 6. April: Wenige Tage später spitzt sich die Lage im Norden weiter zu. Nach einem militärischen Siegeszug erklären Tuareg-Rebellen das eroberte Gebiet für unabhängig. Der neue Staat soll Azawad heißen.

12. April: Der bisherige Vorsitzende der Nationalversammlung, Dioncounda Traoré, wird als Interimspräsident vereidigt. 30. Juni: Islamisten zerstören in Gao und Timbuktu jahrhundertealte Mausoleen, die zum Unesco-Weltkulturerbe gehören. Sie setzen ihr zerstörerisches Werk in den nächsten Tagen fort und lösen damit internationale Proteste aus.

15. Oktober: Die EU-Außenminister beschließen in Luxemburg die Entsendung von Militärausbildern nach Mali, um die einheimischen Streitkräfte für den Kampf gegen die Islamisten zu rüsten.

19. Oktober: In Malis Hauptstadt Bamako diskutieren Experten, wie eine Spaltung des Landes zu verhindern wäre. Eine Militärintervention afrikanischer Staaten unter UN-Mandat wird immer wahrscheinlicher.

1. November: Bei einem Besuch in Mali stellt Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) humanitäre und militärische Hilfe in Aussicht.

12. November: Die westafrikanischen Staatschefs einigen sich in Nigeria auf die Entsendung von 3500 Soldaten, um den Norden gewaltsam zu befreien. Die Afrikanische Union gibt grünes Licht.

5. Dezember: Die Tuareg strebten eine politische Lösung an, sagt ein Sprecher nach einem Treffen mit der Regierung Malis, an dem auch Vertreter der islamistischen Organisation Ansar Dine teilnahmen.

20. Dezember: Der UN-Sicherheitsrat spricht sich einstimmig für die Entsendung von Friedenstruppen aus. Die unter afrikanischer Führung stehende Afisma-Mission solle die Regierung Malis "mit allen notwendigen Mitteln" unterstützen, heißt es in der Resolution. Kurz darauf erklären sich Tuareg und Islamisten zum Dialog bereit. Zugleich werden in Timbuktu weitere Heiligtümer zerstört.

8. Januar 2013: Die Rebellen rücken immer weiter nach Süden vor. Einwohner berichten von Gefechten zwischen Islamisten und Armee.

10. Januar: Angesichts der Offensive spricht sich der UN-Sicherheitsrat in einer Sondersitzung für eine schnelle Entsendung von internationalen Truppen aus.

11. Januar: Soldaten aus Frankreich, Nigeria und dem Senegal seien in Mali eingetroffen, gibt die Regierung in Bamako bekannt. Präsident Traoré hatte in einem Brief an Frankreichs Präsidenten François Hollande und UN-Generalsekretär Ban Ki Moon um Hilfe gebeten.

12. Januar: Französische Kampfjets zwingen die Rebellen zum Rückzug aus der umkämpften Stadt Kona. Ein französischer Hubschrauberpilot kommt ums Leben.

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