Rechtsterrorismus

Unternehmer: "Sind die Behörden auf dem rechten Auge blind?"

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In Hamburg gedenken Menschen des ermordeten türkischen Händlers. Geschäftsleute: "Wir Unternehmer haben Angst." Pannenserie bei Fahndung.

Hamburg. Behcet Algan schämt sich. Er legt eine rote Rose zu den anderen vor das Rolltor. Graffiti sind auf das Metall geschmiert, "H8Cops" und "USP". Der Fahrradladen in der Schützenstraße hat an diesem Tag geschlossen. Kamerateams sind gekommen. Algan schämt sich, weil er den Schlagzeilen in den Medien geglaubt hat. Süleyman Tasköprü soll Opfer der Drogenmafia gewesen sein, hieß es. Die Spuren würden bis nach Amsterdam führen. So sah es aus, damals, im Sommer 2001.

Tasköprü ist tot. Am 27. Juni 2001 wurde er am Eingang des Gemüseladens in der Schützenstraße 45 in Bahrenfeld erschossen. Mit einer tschechischen Ceska, Modell 83, Kaliber 7,65, durch gezielte Schüsse in den Kopf. Heute scheint klar: Tasköprü, gerade 31 Jahre alt, wurde Opfer der rassistischen Morde der Zwickauer Neonazi-Gruppe.

Behcet Algan, Friseursalon-Inhaber aus Ottensen, sitzt neben Hüseyin Yilmaz, Vorsitzender der Türkischen Gemeinde in Hamburg, Vertretern antirassistischer Initiativen und neben Kazim Abaci, Geschäftsführer von "Unternehmer ohne Grenzen". Der Verein lud gestern zu einer Pressekonferenz ein, im Weinlokal neben dem Tatort, wo heute kein Gemüse, sondern Fahrräder verkauft werden. Türkische Taxifahrer haben Blumen mitgebracht; außer Journalisten sind kaum Deutsche da. Auch der Bruder des Ermordeten sollte dabei sein, doch er stehe unter Schock, erklärt Abaci. Sein Arzt habe ihm abgeraten, vor die Kameras zu treten.

Im Weinlokal verliest Abaci die Namen der anderen neun Opfer in die Mikrofone vor ihm auf dem Tisch. "Wir Unternehmer haben Angst. Wir wissen nicht, mit wem die Mörder zusammengearbeitet haben und ob noch weitere Anschläge geplant sind", sagt Abaci, der auch für die SPD in der Bürgerschaft sitzt. In seinen Worten spiegeln sich Sorge, Entsetzen - und Wut über die Sicherheitsbehörden. Nur ein Zufall sei es gewesen, der die Ermittler auf die Spur der Neonazis geführt habe. Abaci fordert Aufklärung: "Sind die Behörden auf dem rechten Auge blind?" Es ist eine der vielen Fragen, die Abaci an diesem Vormittag in Altona stellt.

Auch in Thüringen und in Niedersachsen tauchten gestern weitere Fragen in dem Fall der Mordserie auf. Und weitere Nachrichten, die das Vertrauen von Menschen wie Algan und Abaci in den deutschen Staat erschüttern. Der niedersächsische Verfassungsschutz räumte Fehler bei der Fahndung nach den Thüringer Tätern ein. Der nach Niedersachsen gezogene Holger G. sei schon 1999 als Freund des untergetauchten Neonazi-Trios ausgemacht worden, bei dem Fahnder zuvor eine Bombenwerkstatt ausgehoben hatten. G. wolle Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe ein Quartier im Ausland vermitteln, war der Verdacht. Auftragsgemäß behielten die Niedersachsen Holger G. im Blick und erstatteten den Thüringern Bericht. Doch der Fall wurde dann nicht weiterverfolgt und G. nur als "Randfigur" bewertet, räumte Verfassungsschutzpräsident Hans Wargel ein.

Warum beim Begriff Rechtsterrorismus nicht alle Alarmglocken angegangen seien und warum der Staatsschutz nicht eingeschaltet wurde, müsse untersucht werden, sagte Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann (CDU). Statt abgehörter Telefone und verdeckter Ermittlungen gab es vor allem Bürokratie - bis hin zum Löschen der Akte. Dabei waren den Fahndern die Verbindungen von G. zu den Neonazis längst bekannt - nur seien es wohl immer unterschiedliche Kollegen gewesen, die observierten und Daten sammelten, erklärte Wargel.

+++ Niedersachsens fatale "Dienstleistung an Thüringen" +++

Holger G. sitzt derzeit in Untersuchungshaft. Er wurde Sonntag festgenommen. G. soll den mutmaßlichen Tätern 2007 seinen Führerschein und vor vier Monaten seinen Reisepass zur Verfügung gestellt und mehrfach Wohnmobile für das Trio angemietet haben. Ob eine weitere Überwachung nach 1999 die Täter hätte auffliegen lassen und die Morde verhindern können, ist unklar. Mundlos und Böhnhardt sind tot, sie haben sich laut Polizei umgebracht. Zschäpe sitzt in Untersuchungshaft. Ausgesagt hat sie bisher nicht.

Nicht nur in Niedersachsen, auch in Thüringen wird der Ton nach den Pannen der Ermittler schärfer. Innenminister Jörg Geibert (CDU) moniert, schon bei den Wohnungsdurchsuchungen bei dem Trio 1998 wegen Sprengstoffdelikten sei einiges schiefgelaufen. Es sei "unerklärlich, warum die Staatsanwaltschaft Gera nicht vorher einen Haftbefehl ausstellte", sagte der CDU-Politiker der "Thüringer Allgemeinen".

Rückendeckung bekam der Thüringer Verfassungsschutz vom amtierenden Generalbundesanwalt Rainer Griesbaum. Es gebe bisher keine Hinweise für eine Zusammenarbeit der beiden inhaftierten Verdächtigen Beate Zschäpe und Holger G. mit dem Nachrichtendienst, sagte Griesbaum der "Badischen Neuesten Nachrichten".

Viele brisante Fragen blieben - und es kamen weitere dazu. Nun will die Bundesregierung auf einem Krisengipfel mit Ministerien und Sicherheitsbehörden Konsequenzen aus dem Fall ziehen. Auf dem Treffen morgen soll über bessere Zusammenarbeit der Geheimdienste beraten werden.

Auch in Altona treffen sie sich wieder, Kazim Abaci und die anderen. Am Sonnabend wollen sie in einem Protestmarsch vom Bahnhof bis zum Tatort in der Schützenstraße ziehen. Behcet Algan wird mitmarschieren. Kurz vor dem Mord saß Süleyman Tasköprü noch bei ihm im Friseursalon, zum Haareschneiden. "Hallo, Bruder Behcet", habe er gesagt. Er trank noch einen Tee mit ihm.

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