06.12.12

Raumfahrt- und Rüstungskonzern

Ein neuer Großaktionär und ein altes Problem für EADS

Trotz neuer Eigentümerstruktur gilt: EADS und Politik sind unzertrennlich – Konzerchef Enders hat es künftig mit drei Großaktionären zu tun.

Von Gernot Heller
Foto: REUTERS
Thomas Enders
EADS-Chef Thomas Enders hat es künftig mit den drei staatlichen Großaktionären Frankreich, Spanien und Deutschland zu tun

Berlin. EADS-Chef Tom Enders gab sich hochzufrieden. "Heute ist ein guter Tag für EADS", jubelte er nach der Grundsatzvereinbarung über eine neue Eigentümerstruktur in seinem Konzern am Mittwoch. Von einem "großen Schritt" hin zu einer neuen Führungsstruktur sprach er.

Am meisten dürfte Enders aber freuen, dass er in seinem Bestreben einen großen Schritt vorangekommen ist, bei Europas führendem Luft- und Raumfahrtkonzern eine möglichst hohe "Firewall" gegen - wie er es sieht störende Staatseinflüsse zu errichten. "Die Leitung des operativen Geschäfts steht nicht mehr unter dem Einfluss verschiedener Anteilseigner oder Aktionärsgemeinschaften", interpretierte er den Deal.

Zweifel allerdings bleiben angebracht. Enders muss sich nunmehr künftig mit drei statt bisher zwei staatlichen Großaktionären arrangieren. Nach Frankreich und Spanien kommen jetzt auch noch die Deutschen dazu. Allerdings summieren sich die Staatsanteile durch den neuen Aktionärspakt nur auf knapp 30 Prozent. Das sichert den drei Staaten zwar einen großen, aber keinen übermächtigen Einfluss im Airbus-Mutterkonzern.

Was zudem für den früheren Airbus-Chef spricht: die drei Länder haben, anders als lange erwartet, keinen neuen Aktionärspakt beschlossen, der ihnen weitreichende Sonderrechte mit Vetomöglichkeiten gibt, sondern nur noch eine "neue begrenzte Vereinbarung", wie es EADS selbst formulierte. Damit wäre EADS heraus aus dem Sonderstatus des doch stark staatlich geprägten Unternehmens und ein Stück mehr ein ganz normales Unternehmen mit einem "normalen Konzernführungsmodell".

Auf den ersten Blick jedenfalls erscheint klar, dass der Staatseinfluss mit den neuen Vereinbarungen unter dem Strich eher abnimmt. Das betont auch der liberale deutsche Wirtschaftsminister Philipp Rösler. "Der staatliche Einfluss bei EADS wird deutlich reduziert", freute er sich. Der Konzern habe nun mehr unternehmerische Bewegungsfreiheit. Zudem, so ein Verfechter der Staatsferne der EADS, steigt der "free float", also der Aktienanteil der freien Aktionäre, auf 70 von bislang knapp 50 Prozent. Auch das könnte zu mehr Unabhängigkeit führen.

Doch, ob sich dies in der Realität spürbar zu Buche schlägt, muss sich noch erweisen. "Das kann man noch nicht so klar sagen", erklärte ein Branchenexperte. Denn eines ist auch klar: Der staatliche Einfluss in dem so hochgradig politisierten Unternehmen lässt sich nicht an Beteiligungszahlen allein bemessen.

Einfluss ergibt sich auch aus anderen Sachverhalten, etwa daraus, dass im Rüstungs- und Raumfahrtbereich der EADS vor allem Staaten und staatliche Institutionen die Kunden sind. Und auch im lukrativen Flugzeuggeschäft, das weitgehend ein privatwirtschaftliches ist, bedient sich der Airbus-Mutterkonzern bei der Finanzierung von neuen Flugzeugen, bei der Forschung sowie der inoffiziellen "Verkaufsförderung" im Ausland gerne seiner staatlichen "Paten" in den Herkunftsländern.

"Wie groß der Staatseinfluss in Wahrheit ist, das zeigt doch allein schon, dass ein Anruf aus Berlin ausreichte, um jüngst die Fusion (mit BAE Systems) zu beerdigen", ruft ein Kenner des Geschäfts in Erinnerung. "Dabei war die deutsche Regierung zu dem Zeitpunkt nicht einmal Aktionär". Der Insider spielte auf das vor wenigen Wochen erst gescheiterte und von Enders energisch betriebene Vorhaben an, sein Unternehmen mit dem britischen Rüstungskonzern BAE Systems zusammenzuführen. Auch diese Fusion sollte, so die Hoffnung des EADS-Chefs, neben manchem anderen dazu beitragen, den Staatseinfluss im Unternehmen kräftig zurückzudrängen – erfolglos, wie die Entwicklung zeigte.

Am Ende bleibt wohl doch die Feststellung, dass die Politik und EADS unzertrennlich sind. Zwar war es das Bemühen einiger Gründerväter des Konzerns im Jahr 2000, etwa von Daimler-Aufsichtsratschef Jürgen Bischoff, den damals neuen Luft- und Raumfahrtkonzern in stärker privatwirtschaftliche Bahnen zu lenken. Gewährleisten sollten das die beiden bestimmenden industriellen Großaktionäre: Daimler auf deutscher Seite und Lagardere auf französischer Seite. Dass der französische Staat seinerzeit auf seiner Beteiligung von 15 Prozent beharrte, nannte Bischoff damals "die Kröte, die wir schlucken mussten". Doch mit den Jahren orientierten sich die beiden privatwirtschaftlichen Eigentümer strategisch neu und weg von der Luft- und Raumfahrt. Fortan gewannen die Staaten wieder an Gewicht im Konzern.

Insofern schafft die jetzige Neuordnung im Eigentümerkreis nur ein Stück mehr Klarheit. Mit drei Regierungen im Boot muss sich erst zeigen, ob das regieren im Konzern für Enders leichter wird.

Bisherige und künftige EADS-Eigentümerstruktur

Bei den Anteilseignern des führenden europäischen Flugzeugbau-, Raumfahrt- und Rüstungsunternehmens EADS dominieren bisher Deutsche und Franzosen.

Das soll sich mit der Einigung auf eine Neuordnung der Machtverhältnisse künftig ändern.

Nach der geplanten "Normalisierung und Vereinfachung" soll der Streubesitz an der Airbus-Mutter deutlich steigen – von bislang gut 49 auf mehr als 70 Prozent. Außerdem: Der Bund wird direkt Aktionär bei EADS.

Die Nachrichtenagentur dpa zeigt, wie sich die Anteile bislang verteilen – und wie die Verteilung des Aktienbesitzes künftig aussehen soll:

Die deutsche Seite:

Bisher vertritt Daimler die deutsche Seite im Aktionärskreis und steht für einen Kapitalanteil von 22,35 Prozent. Selbst halten die Stuttgarter noch 15 Prozent Kapitalanteile.

An Stimmrechten vertritt Daimler noch 22,45 Prozent, einschließlich der Dedalus-Gruppe. Diese hält den Rest der deutschen Seite. Dahinter stehen private Investoren wie Banken und Versicherungen.

Auch mehrere Landesbanken sind dabei sowie die staatliche Förderbank KfW.

Künftig wird Deutschland mit 12 Prozent – und damit in gleicher Höhe wie Frankreich – an EADS beteiligt sein. Daimler wird seinen Anteil "weitgehend reduzieren". 

Die französische Seite:

Bisher hält die französische Dachgesellschaft Sogeade 22,35 Prozent der Aktien und vertritt die gesamte französische Seite, bestehend aus den Anteilen des Staates (15 Prozent) sowie der Lagardère-Gruppe, die auch knapp 7,5 Prozent hält. 

Künftig wird der französische Staat – ebenso wie Deutschland – mit 12 Prozent beteiligt sein. Lagardère wird seinen Anteil ebenso wie Daimler "weitgehend reduzieren". 

Andere Aktionäre:

Spanien: Die spanische Staatsholding Sepi hält 5,45 Prozent. Künftig wird Spanien 4 Prozent halten.

Freie Aktionäre: Die restlichen Anteile von rund 49,4 Prozent befinden sich bisher überwiegend in Streubesitz, dabei sind institutionelle Investoren, private Anleger und andere.

Der Anteil der freien Aktionäre soll am Ende der Neuordnung, zu der auch ein Rückkauf von 15 Prozent der Aktien durch EADS gehört, auf mehr als 70 Prozent steigen. (dpa)

EADS-Konzern im Überblick
EADS – Europäischer Konzern mit Dominanz im Flugzeugbau:
Die European Aeronautic Defence and Space Company (EADS) umfasst die wichtigsten Flugtechnikanbieter Deutschlands, Frankreichs und Spaniens.
Europas dominierender Luft- und Raumfahrtkonzern entstand im Juli 2000 nach langem Tauziehen um Standorte und Produktionsanteile.
Die bekannteste und bedeutendste Tochter der börsennotierten Aktiengesellschaft mit ihren rund 133 000 Mitarbeitern ist der Flugzeughersteller Airbus.
Daneben fertigt EADS auch Propellermaschinen (ATR), Hubschrauber (Eurocopter), Kampfflugzeuge (Eurofighter), Militärtransporter (A400M), Satelliten (Astrium), Lenkwaffen (MBDA), Computer-Sicherheitstechnik und Verteidigungselektronik, aber auch Trägerraketen (Ariane) oder Atomgeschosse.
2011 wuchs der Umsatz um sieben Prozent auf 49,1 Milliarden Euro, der Überschuss sogar um 87 Prozent auf gut eine Milliarde Euro.
Nach einem 2007 vereinbarten Aktionärspakt darf der französische Staat nur 15 Prozent der EADS-Anteile besitzen.
Zusammen mit dem Medienkonzern Lagardère kommt die französische Seite nach EADS-Angaben auf rund 22,4 Prozent.
Mit rund 22,4 Prozent ist auch die deutsche Seite an EADS beteiligt.
Bisher hielt DaimlerChrysler rund 15 Prozent und ein Konsortium von Bundesländern, privaten und öffentlichen Banken rund 7,5 Prozent.
Allerdings behielt DaimlerChrysler nach dem ausgehandelten Kompromiss sämtliche Stimmrechte der deutschen Seite.
Daimler will sich von 7,5 Prozent trennen, die staatlich kontrollierte KfW Bankengruppe soll neuer Eigentümer werden, um das deutsch-französische Gleichgewicht bei den Anteilen zu wahren.
Weitere rund 5,4 Prozent an EADS hält die spanische Staatsholding SEPI, 49,3 Prozent sind in Streubesitz.
EADS hat ihren offiziellen Sitz in Amsterdam. In Paris und München sind bisher die beiden Hauptzentren des Konzerns.
Der Hauptsitz und die Zentrale der EADS-Tochtergesellschaft Airbus sind im französischen Toulouse angesiedelt.
In Hamburg ist die deutsche Airbus-Tochter beheimatet, die für die deutschen Werke zuständig ist. (dpa)
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