06.12.12

Raumfahrt- und Rüstungskonzern Ein neuer Großaktionär und ein altes Problem für EADS

Von Gernot Heller
File picture shows EADS CEO Enders addressing a news conference at the exhibition ground of the ILA 2006 Berlin Air Show at Berlin's Schoenefeld airport

Foto: REUTERS

Trotz neuer Eigentümerstruktur gilt: EADS und Politik sind unzertrennlich – Konzerchef Enders hat es künftig mit drei Großaktionären zu tun.

Berlin. EADS-Chef Tom Enders gab sich hochzufrieden. "Heute ist ein guter Tag für EADS", jubelte er nach der Grundsatzvereinbarung über eine neue Eigentümerstruktur in seinem Konzern am Mittwoch. Von einem "großen Schritt" hin zu einer neuen Führungsstruktur sprach er.

Am meisten dürfte Enders aber freuen, dass er in seinem Bestreben einen großen Schritt vorangekommen ist, bei Europas führendem Luft- und Raumfahrtkonzern eine möglichst hohe "Firewall" gegen - wie er es sieht störende Staatseinflüsse zu errichten. "Die Leitung des operativen Geschäfts steht nicht mehr unter dem Einfluss verschiedener Anteilseigner oder Aktionärsgemeinschaften", interpretierte er den Deal.

Zweifel allerdings bleiben angebracht. Enders muss sich nunmehr künftig mit drei statt bisher zwei staatlichen Großaktionären arrangieren. Nach Frankreich und Spanien kommen jetzt auch noch die Deutschen dazu. Allerdings summieren sich die Staatsanteile durch den neuen Aktionärspakt nur auf knapp 30 Prozent. Das sichert den drei Staaten zwar einen großen, aber keinen übermächtigen Einfluss im Airbus-Mutterkonzern.

Was zudem für den früheren Airbus-Chef spricht: die drei Länder haben, anders als lange erwartet, keinen neuen Aktionärspakt beschlossen, der ihnen weitreichende Sonderrechte mit Vetomöglichkeiten gibt, sondern nur noch eine "neue begrenzte Vereinbarung", wie es EADS selbst formulierte. Damit wäre EADS heraus aus dem Sonderstatus des doch stark staatlich geprägten Unternehmens und ein Stück mehr ein ganz normales Unternehmen mit einem "normalen Konzernführungsmodell".

Auf den ersten Blick jedenfalls erscheint klar, dass der Staatseinfluss mit den neuen Vereinbarungen unter dem Strich eher abnimmt. Das betont auch der liberale deutsche Wirtschaftsminister Philipp Rösler. "Der staatliche Einfluss bei EADS wird deutlich reduziert", freute er sich. Der Konzern habe nun mehr unternehmerische Bewegungsfreiheit. Zudem, so ein Verfechter der Staatsferne der EADS, steigt der "free float", also der Aktienanteil der freien Aktionäre, auf 70 von bislang knapp 50 Prozent. Auch das könnte zu mehr Unabhängigkeit führen.

Doch, ob sich dies in der Realität spürbar zu Buche schlägt, muss sich noch erweisen. "Das kann man noch nicht so klar sagen", erklärte ein Branchenexperte. Denn eines ist auch klar: Der staatliche Einfluss in dem so hochgradig politisierten Unternehmen lässt sich nicht an Beteiligungszahlen allein bemessen.

Einfluss ergibt sich auch aus anderen Sachverhalten, etwa daraus, dass im Rüstungs- und Raumfahrtbereich der EADS vor allem Staaten und staatliche Institutionen die Kunden sind. Und auch im lukrativen Flugzeuggeschäft, das weitgehend ein privatwirtschaftliches ist, bedient sich der Airbus-Mutterkonzern bei der Finanzierung von neuen Flugzeugen, bei der Forschung sowie der inoffiziellen "Verkaufsförderung" im Ausland gerne seiner staatlichen "Paten" in den Herkunftsländern.

"Wie groß der Staatseinfluss in Wahrheit ist, das zeigt doch allein schon, dass ein Anruf aus Berlin ausreichte, um jüngst die Fusion (mit BAE Systems) zu beerdigen", ruft ein Kenner des Geschäfts in Erinnerung. "Dabei war die deutsche Regierung zu dem Zeitpunkt nicht einmal Aktionär". Der Insider spielte auf das vor wenigen Wochen erst gescheiterte und von Enders energisch betriebene Vorhaben an, sein Unternehmen mit dem britischen Rüstungskonzern BAE Systems zusammenzuführen. Auch diese Fusion sollte, so die Hoffnung des EADS-Chefs, neben manchem anderen dazu beitragen, den Staatseinfluss im Unternehmen kräftig zurückzudrängen – erfolglos, wie die Entwicklung zeigte.

Am Ende bleibt wohl doch die Feststellung, dass die Politik und EADS unzertrennlich sind. Zwar war es das Bemühen einiger Gründerväter des Konzerns im Jahr 2000, etwa von Daimler-Aufsichtsratschef Jürgen Bischoff, den damals neuen Luft- und Raumfahrtkonzern in stärker privatwirtschaftliche Bahnen zu lenken. Gewährleisten sollten das die beiden bestimmenden industriellen Großaktionäre: Daimler auf deutscher Seite und Lagardere auf französischer Seite. Dass der französische Staat seinerzeit auf seiner Beteiligung von 15 Prozent beharrte, nannte Bischoff damals "die Kröte, die wir schlucken mussten". Doch mit den Jahren orientierten sich die beiden privatwirtschaftlichen Eigentümer strategisch neu und weg von der Luft- und Raumfahrt. Fortan gewannen die Staaten wieder an Gewicht im Konzern.

Insofern schafft die jetzige Neuordnung im Eigentümerkreis nur ein Stück mehr Klarheit. Mit drei Regierungen im Boot muss sich erst zeigen, ob das regieren im Konzern für Enders leichter wird.