Ex-Geisel Ingrid Betancourt schildert sechs Jahre Gefangenschaft in Kolumbien. Ihre Befreiung aus dem Dschungel war wie ein Actionfilm.

Paris. Das Schlimmste steht gleich auf den ersten Seiten: ein Fluchtversuch, Schläge, sexuelle Gewalt. „Ich wollte mit dem Härtesten anfangen“, sagt die kolumbianische Ex-Geisel Ingrid Betancourt über den Einstieg ihres Buches „Même le silence a une fin“ (Sogar das Schweigen hat ein Ende), das am Dienstag in Frankreich und in einem dutzend weiterer Länder erscheint.

Insgesamt fünf Fluchtversuche schildert die 48-Jährige auf den knapp 700 Seiten, die sie über die sechseinhalb Jahre als Geisel der linksgerichteten Guerillaorganisation Farc geschrieben hat. Im Februar 2002 war die Grünen-Politikerin auf einer Wahlkampfreise in eine ehemalige Guerilla-Hochburg im Süden Kolumbiens zusammen mit ihrer Wahlkampfmanagerin Clara Rojas verschleppt worden.

Es folgen Jahre im Dschungel, in denen sie monatelang in Ketten liegt, ständig von einem Versteck ins andere gebracht wird . Am Anfang hat sie noch Hoffnung auf eine schnelle Freilassung. Sie hört im Radio den Papst und den damaligen französischen Ministerpräsidenten Dominique de Villepin, die ihre Freiheit fordern. Die gläubige Katholikin liest die Bibel und fertigt von Hand bunte Gürtel an.

Doch nach und nach schwindet die Hoffnung. „Wir waren zu der höchsten Strafe verdammt, die man einem Menschen verpassen kann: nicht zu wissen, wann sie zu Ende ist“ , schreibt Betancourt in ihren Erinnerungen.

Bereits in Geiselhaft notiert sie auf kleinen Zetteln, was sie erlebt. „Schreiben erleichtert mich, das war ein innerer Dialog“, sagt sie der Zeitschrift „Nouvel Observateur“. Doch als ihre Entführer die Notizen finden, fängt sie an, die Aufzeichnungen selbst wieder zu verbrennen. Im Februar 2009, ein gutes halbes Jahr nach ihrer Freilassung, setzt sie sich dann hin, um ihren Albtraum zu Papier zu bringen.

„Ich habe dieses Buch geschrieben, um meinen Kindern und Mama zu erzählen, was ich erlebt habe“, bekennt sie. Von Hand schreibt sie alles auf, auf Französisch. Die gebürtige Kolumbianerin, Tochter eines Diplomaten, wuchs in Frankreich auf und ging dort zur Schule. Vom Tod ihres Vaters, zu dem sie ein sehr enges Verhältnis hatte, erfährt sie in Gefangenschaft. Einer der Entführer lässt absichtlich eine alte Zeitung liegen, in der die Todesnachricht steht. Auch Betancourt selbst war in den sechseinhalb Jahren ihrer Entführung dem Tode nahe. Monate vor ihrer Befreiung bewegt ein Video die Welt, auf dem sie abgemagert zu sehen ist.

Die Befreiung gelingt schließlich im Juli 2008 – wie in einem Actionfilm. Undercover-Agenten schleusen sich in die Führungsebene der Rebellen ein und holen Betancourt und 14 Mitgefangene mit dem Hubschrauber aus dem Lager in den Tiefen des Dschungels. „Surreal“ sei die Aktion gewesen, erinnert sich Betancourt hinterher.

Schon vor ihrer Entführung war die Grünen-Politikerin eine Berühmtheit. Ihr Kampf gegen Korruption und Bürgerkrieg und ihre oft ungewöhnlichen Polit-Aktionen hatten ihr den Namen „Jeanne d’Arc Kolumbiens“ eingebracht. Durch die Geiselhaft wird sie noch berühmter. In den zwei Jahren nach der Befreiung erleidet ihr heroisches Image jedoch einige Kratzer. So stößt ihre Forderung, für die Geiselhaft 5,5 Millionen Euro Entschädigung zu bekommen, auf Unverständnis. Ihre Mitgefangene Clara Rojas, die in Gefangenschaft von einem Guerillero ein Kind bekam, beschreibt die frühere Freundin in einem eigenen Buch als egoistisch und pedantisch.

Aus der kolumbianischen Politik zieht sich Betancourt nach ihrer Befreiung zurück. Erfolg dürfte sie dort auch nicht mehr haben: Laut einer Umfrage vom Juli hat sie bei 80 Prozent ihrer Landsleute inzwischen ein schlechtes Image. Vielleicht ändert ihr Buch etwas daran.