"Ich habe keine Angst"

Inge Meysel will in ihrer Villa am Elbstrand der Flut trotzen - obwohl der Deich hinter dem Haus liegt.

Bullenhausen. Knapp und klar reagiert die streitlustige Schauspielerin Inge Meysel auf die nahende Jahrhundertflut. "Ich habe keine Angst davor! Bei uns steigt der Pegel nur um 60 Zentimeter, wenn das Wasser die Elbe runterkommt. Das hat man mir versichert", sagte die 92-Jährige gestern Nachmittag in ihrer Villa in Bullenhausen (Landkreis Harburg). Trifft sie Vorkehrungen? "Nein!" Und wenn die Flut doch höher steigt? "Dann lege ich Bohlen vor die Türen." Damit könnte das Haus abgeschottet werden. "Doch so weit kommt das nicht!" Im vergangenen Jahr hatte Inge Meysel einen Streit gewonnen, der als "Deichkrieg von Bullenhausen" bekannt wurde. Schon vor 40 Jahren hatte Inge Meysel den Kampf gegen einen Deich mit der Lüneburger Bezirksregierung aufgenommen. Auch im zweiten Anlauf wurde der Deich nicht wie geplant zwischen Villa und Elbufer gebaut. Die grüne Deichlinie bleibt unterbrochen. Stattdessen hat der Harburger Deichverband dahinter - zum Landesinneren hin - eine Flutmauer gebaut, die nun das Dorf Bullenhausen schützt. Auf einer Länge von 700 Metern stehen vor der Flutmauer die Villa von Inge Meysel und weitere acht große Häuser, einige mit freiem Blick auf die Elbe und den prachtvollen Privatstrand. Allerdings liegen die Häuser auf einer Art Warft, oder wie die Bewohner sagen, einer "Verwallung", die 7,20 Meter hoch ist. Zusätzlich lassen sich die Häuser mit den erwähnten Bohlen schützen, die wie Schotten in Türen gesteckt werden können. 30 Zentimeter zusätzlichen Schutz bedeutet dies. Es ist ein sehr ungewöhnliches und verschwiegenes Fleckchen im Landkreis Harburg, direkt an der Bunthäuser Spitze, wo sich der Elbstrom in Norder- und Süderelbe teilt. Unterhalb des steilen Erdwalls, auf dem die neuen Häuser stehen, liegt eine Art Park; das ist eine 100 Meter breite und gepflegte Wiese mit einzelnen Kastanien, einem Zierbrunnen, Trauerweiden, Birken und Pappeln, die gestern so schön lauschig im Elbwind rauschten. Vor dem Sandstrand steht ein schmaler Gürtel mit Schilf, Beifuß und Disteln und einigen Sitzbänken. Zäune zwischen den Häusern gibt es nicht. Auch Inge Meysels Nachbarn treffen keine Vorkehrungen. "Wir rechnen nicht mit einer Gefahr durch die kommende Flutwelle", sagt Werner Biesterfeld. "Das Wasser soll bei uns zwischen 50 Zentimetern und einem Meter steigen, das hat mir der Deichhauptmann Herman Langerbein versichert, und auch das Hydrografische Institut geht davon aus." Damit würde nur die Wiese überschwemmt werden. Biesterfeld: "Doch vor einer Elbvertiefung und einer steigenden Fließgeschwindigkeit der Elbe haben wir Angst." Eine stärkere Strömung würde den Strand schmaler machen. "Bei uns steigt der Pegel bei der Flut nur um 60 Zentimeter. Das hat man mir versichert."