"Sie bohren in ihrer Verzweiflung überall nach Wasser"

Fred Klinger ging als lebendes Schutzschild nach Bagdad. Jetzt verbringt er jede Nacht im Bunker.

Berlin. "Manchmal", sagt Fred Klinger, "ist es fast erschreckend, wie schnell der menschliche Körper lernt, mit dem Krieg umzugehen." 20 bis 30 Raketeneinschläge hat er in der Nacht gezählt. "Ich wurde aus dem Schlaf katapultiert, habe mich gefreut, dass ich noch lebe. Dann bin ich sofort wieder eingeschlafen." Die vergangenen Nächte hat Klinger im Luftschutzbunker seines Hotels Andalus im Zentrum von Bagdad verbracht. Dort steht eine Notration Essen, vor allem Trinkwasser. Für den Fall, dass Klinger bei einem Angriff verschüttet wird, hat er sich Stemmeisen, Schaufel und eine Trillerpfeife besorgt. Vor einer Woche waren er und fünf Mitstreiter von Berlin aus mit einem Bus in den Irak aufgebrochen. Sie wollten als menschliche Schutzschilde den Ausbruch des Krieges verhindern. Doch die irakische Regierung duldete ihre Mission nur, wenn sich die Deutschen vor Militärgebäude oder Ölraffinerien stellten. Ein Himmelfahrtskommando. Vier Mitglieder verließen daraufhin den Irak. Klinger und ein Freund blieben. "Es ist wichtig, dass wir hier sind. Die irakische Zivilbevölkerung soll sich nicht allein gelassen fühlen", meint Klinger, der sich in Berlin bei der Friedensbewegung Pax Christi engagiert. In Bagdad hilft der Deutsche in einem kirchlichen Krankenhaus und einem Waisenhaus. Das Leben in Bagdad seit dem vergangenen Freitag werde es immer schwerer, berichtet der 52-jährige Berliner Sozialwissenschaftler. Die ganze Stadt sei voll von beißendem Qualm. Das irakische Militär habe um die ganze Stadt herum Ölfelder angezündet, um Angreifern aus der Luft die Sicht zu versperren. Doch auch das halte die Alliierten nicht davon ab, immer stärker irakische Stellungen zu bombardieren. Die Lebensmittel werden immer knapper und dadurch unbezahlbar. Viele Geschäfte sind verriegelt. Es gibt noch einen Markt, wo die Menschen Lebensmittel tauschen. Vor allem aber gehe das Trinkwasser zur Neige. "Ich habe Tabletten, mit denen ich Leitungswasser trinkbar machen kann. Doch die Zivilbevölkerung hat diese Möglichkeiten nicht. Sie bohren in ihrer Verzweiflung überall nach Wasser", berichtet Klinger. Zum Glück gebe es noch zwei Bäckereien und einen Kebab-Stand in der Nähe. Noch versuchten die Iraker, ihre Situation durch eine stoische Gelassenheit zu überspielen. Doch diese Gelassenheit scheint nur eine Maske. In den Krankenhäusern bekämen Frauen Fehlgeburten. Die Menschen leiden unter Schlaflosigkeit, Stress. Die Hospitäler seien überfüllt, hätten kaum Medikamente. Viele versuchen, Medikamente auf dem Schwarzmarkt zu kaufen. Am Sonntag wurde Klinger in der Nähe eines zerstörten Gebäudes verhaftet. "Ein General der Milizionäre meinte, ich sei ein amerikanischer Spion." Klinger wurde von einem Hauptquartier zum anderen geschleppt. "Ein Soldat hielt seine Maschinenpistole an meinen Kopf, sagte, dass er mich töten wolle." Als sich herausstellte, dass er Deutscher ist, entschuldigten sich die Militärs. Für seine Arbeit hier seien ihm die Menschen in Bagdad dankbar. "Die Menschen umarmen uns auf der Straße, laden uns zu ihnen nach Hause zum Tee ein. Das hätte ich vorher nie gedacht", so Klinger. Doch die Herzlichkeit der Bevölkerung kann die ewige Angst nicht überwinden. "Auch die Soldaten hier sind davon überzeugt, dass es noch viel schlimmer wird." Doch Klinger ist fest entschlossen zu bleiben. "Einer muss doch dokumentieren, was durch diesen Krieg angerichtet wird. Ich bin Katholik und tue all dies aus christlicher Überzeugung." Vor allem im Hotel-Bunker befällt Klinger oft Heimweh: "Natürlich sehne ich mich nach Berlin. Ich wünsche mir oft, bei meiner Familie zu sein." Mittlerweile gebe es auch keine Möglichkeit mehr, aus Bagdad zu fliehen. "Aber es war die richtige Entscheidung, hierher zu kommen."