Leben in Bagdad

Saddams Truppen heben Gräben aus. Die sonst so belebten Straßen sind wie leer gefegt.

Bagdad. Über Bagdad fegte gestern ein Sandsturm hinweg und überzog alles mit einer feinen gelben Schicht. Die Abstände zwischen den Explosionen in den Außenbezirken wurden immer kürzer. Die fünf Millionen Einwohner bereiteten sich darauf vor, dass britische und amerikanische Truppen den militärischen Druck auf ihre Stadt weiter verstärken. In den Straßen waren mehr Polizisten und Sicherheitsbeamte zu sehen als in den vergangenen Tagen. Auch Agenten der gefürchteten Geheimdienstbehörden sollen auf den Straßen postiert worden sein, erzählen sich Einwohner hinter vorgehaltener Hand. Es werden noch mehr und tiefere Gräben ausgehoben, auch vor dem Irakischen Museum, wo unschätzbare Altertümer aus der Blüte der sumerischen und babylonischen Hochkultur aufbewahrt werden. Es gibt kaum noch eine Regierungsbehörde, die nicht von Bomben getroffen wurde. Am Montag wurden Augenzeugen zufolge erneut die Zentrale des Geheimdienstes und das Verteidigungsministerium bombardiert. Auch tagsüber sind unablässig Explosionen zu hören. Die sorgfältige Vorbereitung auf den Krieg und die bisherige Konzentration der Luftangriffe der Alliierten auf ausgewählte Ziele haben dazu geführt, dass die Infrastruktur Bagdads noch weitgehend funktionsfähig ist. Die Stromversorgung funktioniert, das Fernsehen sendet noch, und die Linienbusse fahren wie gewohnt. Doch das kann sich bei einer längeren Auseinandersetzung schnell ändern. "Wenn die Schlacht um Bagdad beginnt, werden die Amerikaner nicht so nett sein", glaubt Taxifahrer Abbas. Eigentlich wollte Abu Ahmad sein Haus in Bagdad nicht verlassen. Doch jetzt habe er genug, sagt der pensionierte Offizier. Angesichts der nahenden alliierten Truppen haben sich Abu Ahmad und seine Familie aus Furcht vor blutigen Straßenkämpfen und einer zermürbenden Belagerung nun doch entschieden, die irakische Hauptstadt zu verlassen. "Die Dinge werden mit jeder Stunde schlimmer", sagt er, während aus der Ferne das Donnern der Explosionen zu hören ist. Er wolle es seiner Familie nicht antun, dass sie lange schwere Bombardements oder Straßenkämpfe durchlebe. Nun wird er seine Familie in den Osten des Landes bringen. Viele tun es ihm gleich. Die sonst quirligen Straßen der Fünf-Millionen-Metropole sind weitgehend leer. Vor Tankstellen und Bäckerei sind keine Schlangen mehr zu sehen. Die meisten Geschäfte sind geschlossen, in Büros wird nicht mehr gearbeitet. Die Vorbereitungen auf die Entscheidungsschlacht um Bagdad deuten auf keine konventionelle Strategie hin. Reguläres Militär, Lastwagen oder gar Panzer sind kaum zu sehen. An Straßenkreuzungen wurden Sandsack-Burgen errichtet und in Grünanlagen Erdbunker angelegt. Sie sind von Männern jeden Alters besetzt, in Kampfanzügen und mit Kalaschnikows ausgerüstet. "Das ist ein Volkskrieg, kein Hightech-Krieg", sagt Ölminister Amer Mohammed Raschid. "Wir bekämpfen die Invasoren in unseren Städten."