27.12.12

Literarischer Jahresrückblick

Die Kokosnuss-Nudisten und der Irre vom Kiez

Die deutsche Literatur hatte im Jahr 2012 ein Faible für skurrile Typen. Zu Unrecht für Aufsehen sorgte Christian Krachts "Imperium".

Von Thomas Andre
Foto: dpa
Dem Schweizer Christian Kracht wurde vorgeworfen, er sei ein Nazi.
Dem Schweizer Christian Kracht wurde vorgeworfen, er sei ein Nazi.

Hamburg. Der Literaturbetrieb ist selbst ein Geschichtenerzähler, und wie jede Clique braucht er Legenden, Mythen, Gerüchte, Skandale. Den um den Roman "Imperium" hätte man nicht besser erfinden können, er wird in Erinnerung bleiben, wenn man dereinst an das Literaturjahr 2012 zurückdenkt. Der Nazi-Vorwurf gegen Christian Kracht, erhoben von Georg Diez im "Spiegel", war ja ein ziemlich guter Witz, wird sich Kracht im Nachhinein denken: Das Buch, das doch eigentlich nur eine kleine und wie bei Kracht immer ins Ironiefass getunkte Erzählung um einen nudistischen Kokosnuss-Connaisseur in der Südsee ist, verkaufte sich prächtig.

Wunderliche Typen gibt es aber selbst in Hamburg, und so wollte auch Frank Schulz seinen Beitrag für die deutsche Literatur, Abteilung "Schelm", leisten. Sein verschrobener Hartz-4-Empfänger und Amateurdetektiv Enno Viets erhält von einem Dieter-Bohlen-haften Prollmusiker den Auftrag, die Untreue seiner bumsfidelen Gefährtin zu beweisen. Das gelingt dem guten Enno leicht, freilich zum Preis einer wahrlich existenziellen Not - und sein Gegenspieler in "Onno Viets und der Irre vom Kiez" ist in dieser Literatursaison die buchstäblich größte Nummer im Kuriosenkabinett.

Wo das Zentrum ist und wo die Peripherie, das ist immer auch eine Frage der Perspektive. In Olga Grjasnowas Roman "Der Russe ist einer, der Birken liebt", der mit dem Hamburger Klaus-Michael-Kühne-Preis als bestes Debüt ausgezeichnet wurde, sind Deutsche fremder Herkunft souveräne Überwinder nationaler Kategorien. Warum eigentlich noch die Frage nach der Relevanz von Herkunft stellen? Die Heldin der in Baku geborenen Olga Grjasnowa hat keine Lust auf die Aufplusterung des Heimat-Begriffes, und so hat dieses Debüt etwas auf urwüchsige Art Weltläufiges.

Der Hamburger Andreas Stichmann, der 29 ist und damit ein Jahr älter als Grjasnowa, ist ebenfalls ein Kandidat der internationalen Schule des Lebens. Sein bei Rowohlt erschienener Roman "Das große Leuchten" spielt unter anderem im Iran und ist Klagenfurt-Teilnehmer Stichmann gut geglückt. Es geht um die Sinn- und Muttersuche dreier Heranwachsender, die durchaus Lust auf soziale Verbindlichkeit hätten, aber von der familiären Freizügigkeit der Elterngeneration überfordert sind. Und auch Stichmann hegt eine Vorliebe für den skurrilen Typen: "Das große Leuchten" ist eine Ansammlung schräger, aberwitziger und auch sinistrer Figuren - da hatte die deutsche Literatur 2012 ein Faible für.

Stichmanns ehemaliger Kollege von der Talentschmiede Mairisch-Verlag, Benjamin Maack, ist auch so ein Fall. Keiner hat in diesem Jahr so hart Literatur malocht wie der Schriftsteller aus St. Pauli, für seinen hervorragenden Erzählungsband "Monster" wurde ein ganzer Tag auf dem Altar des Buches geopfert. Jede einzelne seiner 24 Stunden. Von der Monsterlesung in der Kiez-Szenekneipe Hasenschaukel werden sich diejenigen, die dabei waren, noch erzählen, wenn Maack längst in repräsentativen Literaturhäusern liest. Maacks experimentelle Prosa spielt mit den Fragen nach Identität und Autorschaft. Eine Kombination, die der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in diesem Jahr ganz gut gefiel. Sie zeichnete Felicitas Hoppe mit dem Büchner-Preis aus und lobte sie für ihre "melancholische Erzählkunst". Das passt durchaus auch auf Maack - den Hoppe im Hinblick auf die Romantauglichkeit des eigenen Lebens allerdings noch deutlich übertrumpft. Über ihre Idee von Literatur sprach Hoppe in diesem Jahr übrigens auch an der Hamburger Uni, wo sie im Frühjahr die Poetik-Dozentur innehatte.

Geehrt wurde 2012 außerdem ein Chinese, der aus westlicher Sicht politisch gesehen ein unsicherer Kantonist ist. Mo Yan ("Der Überdruss") erhielt den Literatur-Nobelpreis, was die Literaturkritiker in doppelter Hinsicht schmerzte: Zum einen wird dem Chinesen eine zu große Nähe zum Regime nachgesagt, zum anderen hätten viele lieber Péter Nádas den üppigsten Dichterkranz geflochten. Praktischerweise erschien nämlich im Frühjahr das Opus magnum des Ungarn auf Deutsch. Die "Parallelgeschichten", eine verdichtete und gleichzeitig ausschweifende Beschreibung des 20. Jahrhunderts und seiner Verheerungen, sind das gewichtigste Werk des Jahres, übervoll von Geschichte und Verhängnis. Damit stehen sie in inhaltlicher Verwandtschaft mit "Landgericht", dem auf der Frankfurter Buchmesse mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Roman von Ursula Krechel. Die Berlinerin erzählt eindrucksvoll von der Rückkehr eines jüdischen Richters in seine Heimat Deutschland mitsamt seinem Bemühen um finanzielle und moralische Wiedergutmachung. Die NS-Vergangenheit ist immer noch ein Klassiker unter den Sujets der deutschen Literatur. Es gibt ein Erinnern, vor dem es kein Entrinnen gibt - nicht zu unserem Schaden.

Ein klassisches Thema entdeckten Bodo Kirchhoff und Stephan Thome wieder: den Eheroman. Wobei die modernen Versionen des Ehe-Unglücks nicht die Schicksalstiefe der "Madame Bovary" haben. Kirchhoffs "Die Liebe in groben Zügen" - irritierenderweise nicht auf der Shortlist des Buchpreises - ist ein brutaler Desillusionierungsbrocken, psychologisch brillant und schwer verdaulich. Thomes "Fliehkräfte" - irritierenderweise auf der Shortlist des Buchpreises - erzählte dagegen von der Ehe- und Lebenskrise der biedersten und saturiertesten literarischen Figur des Jahres. Was passiert eigentlich mit meiner Pension, wenn ich die gut dotierte Dozentur an der Bonner Uni aufgebe und nach Berlin gehe?

Zur Kategorisierung des Sozialen lassen sich in der Auslese 2012 auch die Wirtschaftsromane hinzuziehen. Sie erzählen im Falle von Nora Bossong ("Gesellschaft mit beschränkter Haftung") vom großen Unglück des kleinen Familienunternehmens und im Falle von Rainald Goetz ("Johann Holtrop") vom Irrwitz und der Hybris in den Chefetagen der Global Player. Goetz' respektlose und komische Nullerjahre-Schau ist: der beste Roman des Jahres. Was gab es noch? Lesenswerte Sport- (Chad Harbach, "Die Kunst des Feldspiels") und Vietnamromane (Karl Marlantes, "Matterhorn") aus Amerika. Auf den Bestsellerlisten einen erlebnisorientierten alten Mann (Jonas Jonasson, "Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand") und schmerzorientierte junge Frauen (E.L. James, "50 Shades of Grey"), die krass auf dem Sadomaso-Trip sind. Letzteres gilt leider auch für Verlage auf der einen und Leser auf der anderen Seite. Niemand, der nicht auch einen Roman mit Peitschen und Strafen veröffentlichte, zu viele, die bei der Lektüre unter Lese-Schmerzen stöhnten: Was für ein Mist.

Und dann war da noch Wolfgang Herrndorf, der in Hamburg geborene Autor von "Tschick". Für den Agententhriller "Sand" erhielt er den Preis der Leipziger Buchmesse. Völlig verdient, die schönste Geschichte des Literaturjahres.

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