04.12.12

Fall Jeremie

Senator Scheele: Schluss mit dem Zirkus

Wegen der teuren Unterbringung des entflohenen Pflegekindes Jeremie sollen die Jugendämter jetzt alle ähnlichen Fälle überprüfen.

Von Julia Witte, Sascha Balasko und Jan-Eric Lindner
Foto: Roland Magunia
Buergerschaft
Sozialsenator Detlef Scheele lässt alle mit Jeremie vergleichbaren Fälle überprüfen

Hamburg. Sozialsenator Detlef Scheele (SPD) hat auf die Debatte um das elfjährige Pflegekind Jeremie reagiert und die Jugendämter angewiesen, alle Fälle genau zu überprüfen, in denen Hamburger Kinder in Zirkus- oder Schaustellerfamilien untergebracht sind. Scheele will, dass die Jugendämter genau hinsehen, ob überall die gebotenen fachlichen Standards eingehalten werden. Scheele erklärte außerdem, dass er darauf drängen werde, dass "wir künftig auf Lösungen wie die Unterbringung in einem Zirkus nicht mehr angewiesen sind".

Jeremie war vom Jugendamt Mitte an den Neukirchener Erziehungsverein vermittelt worden, der den Jungen in einem Wanderzirkus untergebracht hatte. Dort war Jeremie vor 13 Tagen verschwunden und wird seitdem vermisst. Hamburg zahlt monatlich 7400 Euro an den Verein.

Bei einem Treffen mit den Wohlfahrtsverbänden will Scheele jetzt die Hamburger Träger der Jugendhilfe dazu bewegen, mehr Angebote für schwierige Kinder wie Jeremie anzubieten. Hintergrund: Sechs Träger in Hamburg und Umgebung hatten die Aufnahme von Jeremie abgelehnt. Er sehe das "mit Sorge" und wünsche sich, dass stärker Hamburger Angebote genutzt würden. "Das setzt allerdings voraus, dass andere geeignete pädagogische Einrichtungen verfügbar sind - und dass sie bereit sind, Kinder wie Jeremie auch tatsächlich aufzunehmen." Mit dem Erziehungsverein aus Nordrhein-Westfalen durfte das Jugendamt nicht verhandeln und musste die hohen Kosten akzeptieren, die vor Ort mit den Jugendämtern vereinbart worden waren.

Wegen der hohen Kosten fordert der Hamburger Bund der Steuerzahler die Abschaffung des Rechtsanspruchs auf die sogenannten Hilfen zur Erziehung (HZE). Marcel Schweitzer, Geschäftsführer des Steuerzahlerbundes, sagt, die Trägervereine hätten eine starke Stellung. "Die überlastete Verwaltung verlässt sich auf das Urteil von den Fachleuten", so Schweitzer. Die Betriebe hätten aber das Ziel, möglichst viel Geld für die Maßnahmen zur Verfügung gestellt zu bekommen. "Deswegen haben sie auch keinen Grund, Geld zu sparen." Erst wenn der Rechtsanspruch wegfiele, sei es möglich, das Geld zielorientierter einzusetzen. Gabi Brasch, Vorstand des Diakonischen Werks, lehnt das vehement ab. "Der Rechtsanspruch muss erhalten bleiben, damit der Staat nicht nur nach Haushaltslage entscheidet, ob und in welcher Form eine Hilfe zur Erziehung notwendig ist", argumentiert sie und betont, dass es freigemeinnützigen Trägern nicht gestattet sei, Gewinne zu erwirtschaften.

Christiane Blömeke, jugendpolitische Sprecherin der Grünen, kritisiert den Umgang mit Jeremie. "Ich habe erst einmal überhaupt nichts gegen einen Zirkus, wenn die Betreuung dort ordentlich pädagogisch eingebettet ist", sagt sie. Allerdings habe sie diesbezüglich bei Jeremie Zweifel. Sie fordert deshalb Transparenz über die Maßnahmen des Trägers - auch bei den anderen zwölf Hamburger Kindern, die der Neukirchener Erziehungsverein betreut.

Der Neukirchener Erziehungsverein weist die Kritik zurück. "Alle unsere Mitarbeiter in der Individualpädagogik werden von einem multiprofessionellen Team betreut", sagt Dagmar Friehl, zuständige Geschäftsbereichsleiterin. Die Leitungen der Projektstellen seien rund um die Uhr erreichbar und stünden in ständigem engen Kontakt mit den Familien, die Kinder und Jugendliche aufgenommen hätten. "Wir wissen, dass er in den zwei Jahren, die er im Zirkus gelebt hat, sehr gute Fortschritte in seiner Entwicklung gemacht hat, und sind jetzt in großer Sorge um ihn."

Laut Sorina Weiland, Sprecherin des zuständigen Bezirksamts Mitte, hat es im Fall Jeremie halbjährliche und ausführliche Berichte des Trägers gegeben. In den monatlichen Zuwendungen seien unter anderem die Kosten für die Fallkonferenzen, Hilfeplangespräche, Betreuung sowie die Beschulung des Jungen und Fortbildung für die Zirkusmutter enthalten. Die vergleichsweise hohen Kosten hingen mit dem hohen Personalaufwand zusammen.

Bei der Hamburger Polizei geht die Suche nach Jeremie unterdessen weiter. Allein in der vergangenen Woche überprüften Beamte 16 Wohnungen, in denen Mitglieder der Großfamilie A. leben. In allen Fällen verließen die Polizisten die Wohnungen, ohne eine Spur zu Jeremie gefunden zu haben. Der Elfjährige stammt aus einer weit verzweigten Sinti-Familie, die Ermittler vermuten, dass er sich irgendwo im Schutz von Verwandten aufhält. Die Großeltern hatten Jeremie großgezogen, weil seine Eltern heroinabhängig waren, als er geboren wurde.

Polizeisprecherin Karina Sadowsky berichtet von 18 Hinweisen auf Jeremie, auch aus Bremen, Itzehoe und Düsseldorf. "Daraufhin wurden Aufnahmen aus Überwachungskameras gesichtet. Leider ohne Erfolg."

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