Pinneberg
Erlebnisse im "Haus der toten Seelen"

Awo will jetzt die Heimerziehung aufarbeiten

Foto: Claudia Eicke-Diekmann

Ehemalige Bewohner, die Opfer von Gewalt und sexuellem Missbrauch wurden, sollen ein Forum bekommen.

Pinneberg. Sie erzählten in der Pinneberger Zeitung von Pädagogen, die sie prügelten und sexuell missbrauchten. Sie erzählten über abscheuliche Gewalttätigkeiten untereinander. Den Anfang machte Hubert M. unter dem Pseudonym Heinrich W. vor genau einer Woche. Inzwischen hat er ein weiteres Stück des Weges seiner persönlichen Heimzeit-Aufarbeitung zurückgelegt, hat jetzt den Mut mit zwar abgekürzten, aber echten Namen in die Öffentlichkeit zu gehen.

Vor dem Hintergrund seines und der Erlebnisberichte anderer ehemaliger Heimkinder aus dem so getauften "Haus der toten Seelen" am Haidkamp und der Nachfolgeeinrichtung an der Aschhooptwiete hat die Arbeiterwohlfahrt Region Unterelbe Mitarbeiter zur Teilnahme an einer Arbeitsgruppe eingeladen. Unter dem Motto "Aus der Geschichte lernen - Awo-Heimerziehung im Kreis Pinneberg in den 60er-, 70er- und 80er-Jahren" kamen am kommenden Montag erstmals Awo-Mitarbeiter zusammen, um über "mögliche strukturelle Gewalt und Übergriffe in der Vergangenheit" zu sprechen.

"Ob und in welcher Form Horst Hager als ehemaliger verantwortlicher Heimleiter in die Aufarbeitung eingebunden wird, steht noch nicht fest", sagt Klaus-Ulrich Sembill, Regionalleiter der Awo-Unterelbe. Hager widerspreche nach wie vor den Ausführungen der Heimkinder.

Nach dem Beispiel bestehender Runder Tische zur Heimerziehung in Schleswig-Holstein und auf Bundesebene sollen die Mitglieder Informationen über die Formen, Strukturen und Abläufe von Heimerziehung bei der Awo im Untersuchungszeitraum sammeln. Zudem sollen Gespräche mit Zeitzeugen wie ehemalige Heimkinder, Mitarbeiter und Verantwortliche gesucht werden. "Wir überlegen auch, wie wir den ehemaligen Heimkindern ein Forum bieten können", sagt Sembill. Angedacht sei ein Angebot auf der Awo-Homepage, in dem sich ehemalige Heimkinder zu Wort melden können.

Die Arbeitsgruppe soll sich möglichst aus jungen wie erfahrenen Mitarbeitern zusammensetzen. Die aus den Gesprächen hervorgehenden Ergebnisse sollen dokumentiert und veröffentlicht werden, die gewonnenen Erkenntnisse in die Awo-Leitlinien und die aktuelle Fachpraxis einfließen.

Die Mitglieder sollen sich über einen Zeitraum von etwa sechs Monaten in einem vierwöchigen Abstand treffen, bei Bedarf wird die Arbeit über diesen Zeitraum hinaus fortgesetzt.

Hubert M. ist nach eigenen Erzählungen als Kind von 1958 bis 1961 im Heim am Haidkamp von Erzieher Heinz R. sexuell missbraucht worden und musste Prügelattacken von Heimleiter Horst Hager erleben. Hubert M. nähme ein Versöhnungsangebot der Awo gern an. "Ich halte die Awo grundsätzlich für eine gute, gemeinnützige und heute absolut notwendige soziale Einrichtung", sagt Hubert M. "Ohne solche Organisationen wäre die soziale Versorgung hilfsbedürftiger Menschen nicht möglich. Die Verbrechen an den Kindern in den Pinneberger Heimen sind ja nicht von der Awo als Organisation begangen worden, sondern von einigen ihrer damaligen angestellten Sozialarbeiter, wie Heimleiter, Erzieher oder Lehrer."

Hubert M. möchte aufgrund der eigenen Erfahrungen eine Brücke zu den Kindern der Gegenwart schlagen. "Es mangelt, wie zu Zeiten der Pinneberger Kinderheime, immer noch an der politischen Erkenntnis, dass Kinder die Zukunft eines Volkes sind und deshalb auch sehr viel Geld kosten dürfen. "Gut und fachspezifisch ausgebildete Erzieher und Pädagogen und die dafür nötigen Geldmittel sowie die absolute und dauerhafte Kontrolle durch entsprechende Aufsichtsbehörden sind unbedingt notwendig."