Pinneberg

Leserbriefe

Ich leide noch heute

"Das Haus der toten Seelen", PZ vom 20. Februar

Mein Dank gilt Frau Eicke-Diekmann, die den Mut hatte, vergessen geglaubte Erinnerungen und Zeiten aufzuarbeiten. Dieses, soweit überhaupt möglich, mit sehr viel Fingerspitzengefühl und Gespür für das journalistisch Machbare.

Ich persönlich war von Ende 1957 bis Anfang 1962 in diesem Heim am Haidkamp und kann viele Details derer, die sich über die Pinneberger Zeitung an diese Zeit teilweise mit Grauen erinnern, nachvollziehen. Ich habe selbst unter diesem unsäglichen Päderasten Heinz R. gelitten, der sich permanent neue Opfer aussuchte. Egal, ob im Zeltlager an der Ostsee oder im Heim selbst. Das Schlimmste auch für mich war, dass die missbrauchten Kinder glaubten, nur sie alleine seien Opfer gewesen und kein anderer aus ihrer Gruppe.

Mein Glaube, diese furchtbare Zeit überwunden zu haben, war trügerisch. Noch heute leide ich darunter, und jede Erinnerung an Heinz R. und diese Zeit verursacht bei mir Übelkeit. Es ist für mich bis heute unverständlich, dass anscheinend niemand von den im Heim Verantwortlichen etwas gewusst haben will. Das kann und will ich beim besten Willen nicht glauben. Zu viele waren aus heutiger Erkenntnis Opfer. Der Mann hat immerhin fast zehn Jahre sein Unwesen getrieben.

Die Erinnerungen des damaligen Heimleiters irritieren und verletzen mich, soweit es meine Kindheit betrifft. Es war beim besten Willen nicht so, dass die dortigen Kinder alle schwer erziehbar waren und deshalb in diesem Heim untergebracht waren. Viele hatten, bedingt auch durch die Nachkriegszeit, einfach kein vollständiges Elternhaus mehr oder gar keine Eltern. Sie hätten sich sicher eine andere Kindheit gewünscht und auch verdient. Sie waren vielfach Halb- oder Vollwaisen und waren oft nur deshalb in diesem Heim untergebracht.

Der angesprochene Kinderknast im Keller und die Angst vor Schlägen sind noch heute in den Erinnerungen vieler der damaligen Heimkinder tief verankert. Auch bei mir.

Ich würde heute niemanden mehr wegen seines Fehlverhaltens in dieser Zeit anklagen wollen. Ich wünsche mir nur, dass die, die damals Verantwortung trugen, den Mut aufbringen, ihre Fehler einfach zuzugeben und nicht erneut einen Weg der Vertuschung suchen.

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Was für arme Kinder

"Heimkind Heinz B. erinnert sich: Ich habe vor Hunger oft Tierfutter gegessen" und "Das sagt Horst Hager, der ehemalige Heimleiter zu den Vorwürfen", Pinneberger Zeitung vom 22. Februar

Je mehr ich diese Artikel lese, je mehr kommen mir die Erinnerungen wieder, denn ich hatte vieles schon vergessen: Die Rohrstockattacken in der Heimschule mit dem Lied "Es klappert die Mühle . . ." habe ich auch kennengelernt. Ebenso die schreckliche Badewanne, in der mich Heinz R. auch "aufgesucht" hat, um mich dann mit auf sein Zimmer zu nehmen. Für mich haben diese Wannen-Bilder heute ihr Grauen verloren, da ich sie mir über 25 Jahre lang angesehen habe. Aber anderen Leidensgenossen von damals kommen heute noch die Tränen bei dem Anblick.

Mit den Erinnerungen kommt aber auch wieder die Frage hoch: Wie konnten erwachsene Männer, dazu noch Sozialarbeiter, Kindern so etwas antun?

Es ist wohl so: Sie hatten keine Moral, keine Ethik, kein Gewissen und schon gar kein Mitgefühl! Sie waren wirklich die "Kinderseelenmörder", wie ich sie damals schon gesehen habe! Dass der damalige Heimleiter Horst Hager bei dieser Sache gänzlich seine berufliche und politische Reputation und sein gesellschaftliches Ansehen verliert, ist so gut wie sicher.

Dass das so ist, liegt aber nicht an uns, den Heimkindern, die heute darüber schreiben, sondern ausschließlich an Horst Hager selbst: Wenn ich den heutigen Artikel von Heinz B. lese, den ich gar nicht kannte, kommen mir die Tränen.

Wenn ich daneben die Stellungnahme von Horst Hager lese, bin ich entsetzt! Genau so habe ich mir seinen Kommentar vorgestellt: "Ich, der große Pädagoge Horst Hager, regiere nach Gutsherrenart, mache zwar auch mal einen Fehler, aber immer zum Wohle der Kinder!"

Das kommt dabei heraus, wenn ein Tischler Pädagoge spielt! Man hätte Horst Hager besser weiterhin Bretter hobeln lassen sollen als Kinderseelen! Was für arme Kinder!

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Schlagen war normal

In der Realschule in der Lindenstraße hatten wir etwa von 1963 bis 1965 zwei Mädchen aus dem Awo-Kinderheim in unserer Klasse. Klassenlehrerin war seinerzeit Fräulein Dr. Johanna U. Die beiden Mädchen aus dem Heim hießen T. St. und D. G. Letztere fehlte aus meiner Erinnerung her zweimal länger, weil sie "Nadeln verschluckt" hatte. Das wurde so offen in der Schule erzählt. Irgendwann waren die beiden Mädchen dann weg, weshalb, weiß ich nicht mehr. Aus heutiger Sicht kann man das Nadelnverschlucken nur als Suizidversuch bewerten.

Obwohl ich damals fast den gleichen Schulweg hatte, ging ich den Mädchen wohl immer aus dem Weg. Außerhalb der Klasse gab es keine Kontakte. Ich erinnere mich nur an ein Mädchen, das ich in Heimnähe mehrfach beim Spielen traf. Die erzählte mir, wie toll der Ausblick aus dem Turmzimmer war, aber nie etwas Negatives.

Was den Heimleiter und das Schlagen betrifft, war so was in meinem Elternhaus und in dieser Schule bis etwa 1967 leider der Normalzustand. Wegen Kleinigkeiten gab es Ohrfeigen in der Schule und auch massiv Prügel von meinem Vater.

Das verschaffte mir jahrzehntelang Albträume, wie bei den beschriebenen Heimkindern.

Der Spitzname von Horst Hager war "Bossi" und eher anerkennend gemeint. Von Schlagen war bei dem Kontakt mit seinen Kindern nie die Rede, im Gegenteil. Es gab damals dort tagelange Partys, wenn die Eltern mal weg waren.

Aufgepasst haben Erzieherinnen, die alles mitmachten. Eine habe ich da als ganz besonders "nett" in Erinnerung, aber man war ja schon volljährig. Mal gab es schon hinterher Diskussionen und Ermahnungen, aber wir waren damals auch schon ganz schön "verrückt".

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