Stuttgart 21

Verwirrung um Nazi-Zitat von Heiner Geißler geht weiter

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Der Schlichter von Stuttgart 21 sagt, er habe bewusst zugespitzt. Heiner Geißler, 81, wagt jetzt sogar trotzig einen neuen heiklen Vergleich.

Stuttgart/Hamburg. Die Debatte um das Joseph-Goebbels-Zitat und den mutmaßlichen Nazi-Vergleich Heiner Geißlers geht weiter. Der 81 Jahre alte Schlichter beim Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 hat jetzt erklärt, diese Zuspitzung bewusst einkalkuliert zu haben. Geißler hatte nach einem Termin mit Projektbefürwortern und –gegnern gesagt: „Wollt ihr den totalen Krieg?“ Das war eine Anlehnung an das Goebbels-Zitat von 1943 aus der berüchtigten Sportpalastrede von Hitlers Propagandachef. Im Deutschlandfunk hatte Geißler das Zitat verteidigt – und einen insgesamt verwirrten Eindruck gemacht.

In der „Passauer Neuen Presse“ sagte er, er habe die Formulierung vom „totalen Krieg“ absichtlich gewählt und das öffentliche Echo einkalkuliert. „Das war eine bewusste Zuspitzung, und das erwünschte Echo ist da.“ Die Reaktion in der Öffentlichkeit auf eine Wortwahl aus der Zeit des NS-Regimes habe „etwas Manisches“. Wenn man etwas aus der Nazi-Zeit auch nur erwähne, würden manche Leute nervös und verrückt.“ Eine teils von Medien unterstellte geistige Nähe zu NS-Propagandachef Joseph Goebbels sei absurd. „Wenn ich in der Nähe von Goebbels bin, ist der ,Playboy’ das Mitteilungsblatt des Vatikans.“ Auch das war wieder ein heikler Vergleich.

Der frühere Berliner Wissenschaftssenator Christoph Stölzl hat Geißler (beide CDU) gegen heftige Kritik verteidigt. Mit der Frage nach dem „totalen Krieg“ habe Geißler nicht an Joseph Goebbels anknüpfen wollen, sagte Stölzl im Deutschlandfunk.

Lesen Sie hier das Deutschlandfunk-Interview

Abendblatt.de: Radio Gaga: Heiner Geißlers Eklat im Deutschlandfunk

Der Nationalsozialismus lasse sich nicht verharmlosen, und das sei auch nicht Geißlers Absicht gewesen. Auch die zu Recht tabuisierten Worte rutschten Menschen in die Sprache hinein, da sie Bestandteil einer kollektiven Erinnerung seien, betonte Stölzl.

Der baden-württembergische SPD-Landtagsfraktionschef Claus Schmiedel sprach von „Verbalradikalismus“. Geißler sagte der Nachrichtenagentur dpa: „Der totale Krieg, den Begriff hat schon Winston Churchill verwendet, und der Prinz Heinrich von Preußen an Friedrich den Großen.“

Derweil lehnen die kommunalen Landesverbände in Baden-Württemberg den Kompromiss-Vorschlag von Stuttgart-21-Schlichter Geißler ab. Die Idee eines kombinierten Kopf- und Tiefbahnhofes sei zu Recht schon vor vielen Jahren verworfen worden, betonten Landkreis-, Städte- und Gemeindetag. Stuttgart 21 müsse auf Basis der aktuellen Planungen unter Einbeziehung der Ergebnisse aus Schlichtung und Stresstest gebaut werden. Zudem halten die Verbände das Gesetz der Landesregierung zum Ausstieg des Landes aus der Finanzierung des Milliardenvorhabens für juristisch äußerst fragwürdig. (abendblatt.de/dpa)