15.11.12

Deutsche Schifffahrt

Rösler: Reeder erhalten keine KfW-Hilfe

Für die Reedereien wird es eng: Viele verdienen kein Geld, Banken geben keine Kredite mehr und der Bund will nicht helfen. Pleitewelle steht bevor.

Foto: Getty Images
Philipp Rösler
Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) lehnt es ab, dass die Staatsbank KfW deutschen Reedereien befristete Überbrückungskredite gibt

Hamburg/Berlin. Der Bund will strauchelnden Reedereien nicht unter die Arme greifen. Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) lehnt es ab, dass die Staatsbank KfW für Reedereien in Bedrängnis befristete Überbrückungskredite gibt oder bestehende Schiffsfinanzierungen übernimmt.

Das teilte Rösler in einem Schreiben an den Verband Deutscher Reeder (VDR) mit. Der Reederverband äußerte sich enttäuscht über Röslers Absage, sieht aber das letzte Wort noch nicht gesprochen.

Viele kleine und mittlere Reedereien in Deutschland sind in ihrer Existenz bedroht. Die Reeder sehen sich einer Doppelkrise gegenüber: Die Schifffahrtsmärkte sind geprägt von Überkapazitäten und niedrigen Frachtraten.

In der Containerschifffahrt, wo die deutschen Reeder weltweit eine führende Position einnehmen, verdient nur noch jedes dritte Schiff überhaupt Geld. Bislang sind 133 Schiffe deutscher Reeder in die Insolvenz gegangen, weitere 500 bis 600 stehen in der Restrukturierung und sind somit bedroht.

Gleichzeitig führt die Finanzkrise dazu, dass sich die Banken aus der Schiffsfinanzierung zurückziehen. Die teilstaatliche Commerzbank gibt das Geschäftsfeld komplett auf, andere Institute wie die HSH Nordbank müssen ihre Engagements reduzieren. Im Bankendeutsch heißt dies "schonende Portfoliobereinigung".

Das trifft vor allem kleine und mittlere Reedereien, die oft nur über wenige Schiffe verfügen. Sie bekommen keine Kredite mehr, selbst wenn sie Sicherheiten zu bieten haben. Die Banken drängen auf den Verkauf von Schiffen, wenn deren Wert über dem ausstehenden Kredit liegt.

Rösler erklärt in dem Brief, die Entwicklung erfülle ihn mit Sorge. Er habe jedoch Bedenken, wenn Banken die Risiken aus ausgewählten Kreditengagements auf den Staat verlagern könnten.

Das gelte auch bei wirtschaftlich soliden Projekten. In der gegenwärtigen Lage müssten Reeder, Eigenkapitalgeber und Banken gemeinsam Lösungen zur Überwindung der Krise finden.

"Eine Konsolidierung der Schifffahrtsbranche wird hierbei nach allen Aussagen von Experten nicht ausbleiben können", schreibt Rösler. "Umso größerer Mut ist notwendig, um die notwendigen strukturellen Änderungen in der Branche zügig herbeizuführen."

Die Reeder äußerten sich enttäuscht über Röslers Absage. Sie hatten vorgeschlagen, dass die KfW zeitweise für die privaten Banken in die Bresche springt und mit Überbrückungsfinanzierungen oder der Übernahme von bestehenden Krediten hilft. So sollte Zeit gewonnen werden, bis die Schifffahrtsmärkte 2014 wieder anziehen und die Lage sich entspannt.

"Das ist eine große Enttäuschung", sagte Ralf Nagel, geschäftsführendes Vorstandsmitglied des VDR. Noch vor wenigen Tagen auf dem Schifffahrtstag in Haren seien von Rösler andere Signale gekommen. Der Verband werde sich aber weiter für ein Engagement der KfW einsetzen, neben Rösler gebe es noch andere Verantwortliche in der Bundesregierung.

Die deutsche Schifffahrt
Die deutsche Schifffahrt
Die deutsche Handelsflotte ist mit fast 3900 Schiffen und einer Tonnage von 89 Millionen BRZ die drittgrößte der Welt.
Sie wird nur übertroffen von Japan und Griechenland – der Weltmarktanteil beträgt 9,4 Prozent.
Wesentlich ausgeprägter ist die Dominanz im Bereich der Containerschifffahrt.
Fast 1800 Containerschiffe mit einer Tragfähigkeit von fünf Millionen Standardcontainern (TEU) fahren für deutsche Eigner, das ist rund ein Drittel der weltweiten Flotte.
Die Umsätze (einschließlich Passagierschifffahrt) belaufen sich auf 22,5 Milliarden Euro.
Damit ist die Branche der zweitgrößte Exporteur von Dienstleistungen nach der Reiseverkehrswirtschaft.
Die Schifffahrt ist mit mehr als 400 Reedereien mittelständisch geprägt.
In der öffentlichen Wahrnehmung werden oft die großen Linienreedereien Hapag-Lloyd und Hamburg Süd als prägend angesehen.
Tatsächlich aber machen kleine Charterreedereien mit wenigen oder nur einem Schiff den Großteil der Branche aus.
Nach der Tonnage stellen sie 96 Prozent der deutschen Schifffahrt.
Sie transportieren selbst keine Güter, sondern verchartern ihre Schiffe an die großen Linienreedereien.
Die Branche finanziert sich über Anlegergeld (Eigenkapital) und Schiffskredite (Fremdkapital).
Zur See fahren rund 7600 deutsche Seeleute. An Land beschäftigen die deutschen Schifffahrts- und Maklerunternehmen mehr als 23 000 Menschen.
Auch andere Unternehmen wie Zertifizierer, Hafenfirmen, Lotsen und Schiffsausrüster rekrutieren einen Teil ihres Personals aus dem Kreis der Seeleute. (dpa)
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