Bohrinsel "Elgin"

Total-Mitarbeiter: "... dann gibt es eine Katastrophe"

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Ölkonzern gibt an, das Gasleck an der Bohrinsel "Elgin" vor Schottland geortet zu haben. Gas könnte explodieren, wenn der Wind sich dreht.

London/Hamburg. Es ist der schwerste Zwischenfall für den französischen Energiekonzern Total seit zehn Jahren in der Nordsee. Auch vier Tage nach der Havarie auf der Bohrinsel "Elgin" vor der Ostküste Schottlands, bei der ungehindert täglich 200.000 Kubikmeter Erdgas aus einem Leck in fünf Kilometer Tiefe unter dem Meeresgrund strömen, war nicht klar, wie das Problem gelöst werden kann. Zudem wächst die Angst vor einer Explosion.

Experten des Konzerns prüfen derzeit mehrere Optionen: Infrage kommt eine Entlastungsbohrung, die aber bis zu sechs Monate dauern könnte. Auch ein sogenannter Kill mit einer Schlamminjektion wäre möglich. Das Überwachungsschiff "Highland Fortress", das über ein ferngesteuertes Mini-U-Boot für Unterwasseraufnahmen verfügt, wurde in die Nähe der Unglücksstelle verlegt, ist aber noch nicht im Einsatz. Dabei ist das Leck möglicherweise noch gar nicht geortet worden. Allerdings gelang es am Mittwoch laut Total, das Leck zu lokalisieren. Es soll 4000 Meter unter dem Meeresgrund liegen, an einer vor einem Jahr außer Betrieb genommenen Gasbohrung. Doch es besteht auch die Hoffnung, dass der Gasfluss von allein versiegt.

Die Region 240 Kilometer östlich von Aberdeen ist gesperrt. Die Küstenwache richtete eine Zwei-Meilen-Sperrzone für Schiffe und eine Drei-Meilen-Zone für Flugzeuge ein. Niemand darf sich der Bohrinsel nähern, denn das Gas könnte explodieren, wenn es mit einer brennenden Gasfackel an der Spitze der Anlage in Kontakt gerät. Noch weht es der Wind von der Flamme weg, und das Wetter soll auch in den kommenden Tagen so bleiben. Doch "wenn es eine Zündquelle findet, wird es ein Feuer geben", räumte ein Total-Mitarbeiter gegenüber dem Sender BBC Schottland ein. Jake Molloy, Sprecher der Gewerkschaft RMT, die die Ölarbeiter vertritt, befürchtet dann eine "katastrophale Verwüstung". Auf Überwachungsflügen wurde ein 4,8 Quadratkilometer großer Teppich kondensierten Gases auf der Wasseroberfläche entdeckt. Auch die Plattform ist von einer Gaswolke umgeben. Total-Sprecher Jacques Emmanuel Saulnier beschrieb die Lage als ernst, aber stabil. "Die absolute Priorität liegt heute darauf, das Gasleck zu schließen und die Umweltschäden zu begrenzen."

Welche Auswirkungen das Unglück auf die Umwelt hat, ist noch nicht abzusehen. Während Umweltorganisationen erhebliche Schädigungen der Natur befürchten, stützt sich Total auf einen Bericht der staatlichen Umweltbehörde JNCC (Joint Nature Conservation Comittee), die keine Probleme vorhersieht. Das Gas sei flüchtig und werde die Küste nicht erreichen. Für Jochen Luhmann vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie weist das Geschehen "starke Ähnlichkeiten auf mit dem Gasausbruch an einer anderen, nicht weit entfernten Bohrinsel vor Schottland im November 1990. Total kommuniziert, dass es bisher keinen signifikanten Einfluss auf die Natur gebe. Das ist wenig glaubwürdig, weil ja auch das Klimasystem zur Umwelt gehört. Wenn es so ist wie vor 20 Jahren, dann entspricht die jetzige Leckage den Treibhausgasemissionen einer größeren Raffinerie. Zugerechnet werden die Emissionen dem Staat Großbritannien, nicht aber dem Eigentümerkonsortium. Zu dem gehört auch die Ruhrgas AG, also E.on." Für den Experten ist es wichtig, "dass sowohl E.on als auch die britische Regierung jetzt handeln, um die Schäden für die Umwelt zu verringern". Der schottische Umweltminister Richard Lochhead forderte das französische Unternehmen zu mehr Transparenz auf. "Wir können nicht raus und selbst nachsehen, deshalb muss das Unternehmen alle relevanten Informationen auf den Tisch legen." Total hat bisher nur bestätigt, dass es sich um eine entflammbare, potenziell explosive Kohlenwasserstoffverbindung handelt. Experten befürchten, dass es auch hochgiftige Schwefelverbindungen enthält.

Die Expertin für maritime Politik, Valerie Wilms (Grüne), will, "dass Unternehmen wie Total endlich haften für die Schäden, die diese Konzerne mit ihren Bohrungen in den Meeren verursachen. Bisher sind die Regeln hier viel zu lasch und ungenau. Dabei geht es nur auf der einen Seite um die Schäden für die Natur. Andererseits müssen die Konzerne stärker für die Sicherheit ihrer Mitarbeiter sorgen."

Für den Energieriesen, der 1924 in Deutschland gegründet wurde und hier durch seine mehr als 1000 Tankstellen bekannt ist, droht das Leck zu einem Desaster zu werden. Bisher lösten sich bis zu neun Milliarden Euro an Börsenwert in Luft auf. Investoren haben die "Deepwater-Horizon"-Katastrophe im Golf von Mexiko vor Augen und fürchten, dass Total mit einer ähnlichen Umweltkatastrophe konfrontiert werden könnte wie 2010 der BP-Konzern.

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