17.01.13

Stralsund

P+S-Insolvenzverwalter: 700 Millionen-Forderungen berechtigt

Rund 100 Gläubiger kamen nach Stralsund. Die Nachrichten, die Insolvenzverwalter Brinkmann überbrachte, sorgten für Ernüchterung.

Von Martina Rathke
Foto: dpa
P+S-Werften
Die insolvente P+S-Werft in Stralsund

Stralsund. Zulieferer und andere Kleingläubiger können nur mit wenig Geld aus der Insolvenzmasse der P+S-Werften rechnen. Die Quote, nach der die nicht gesicherten Forderungen bedient werden, liege voraussichtlich zwischen ein und drei Prozent, sagte Insolvenzverwalter Berthold Brinkmann nach der Gläubigerversammlung am Donnerstag in Stralsund. Die Quote sei damit "denkbar gering".

Rund 2.300 Gläubiger hatten Ansprüche in Höhe von insgesamt 988 Millionen Euro angemeldet. Nach Brinkmanns Angaben sind rund 700 Millionen Euro berechtigt, davon sind rund 200 Millionen Euro gesicherte Forderungen von Land und Banken. Größter Einzelgläubiger ist das Bankenkonsortium Nord LB und KfW-Bank mit rund ein Drittel der Gesamtforderungssumme.

Das Insolvenzverfahren für die vorpommersche Werftengruppe war am 1. November 2012 eröffnet worden. Während für die Wolgaster Werft mit der Bremer Lürssen-Werft ein Käufer gefunden wurde, rechnet Brinkmann nicht damit, dass es vor dem Frühjahr zu einem Verkauf der Stralsunder Schwesterwerft kommt. Aber es gebe Fortschritte, sagte Brinkmann. Mit dem Neuabschluss des Vertrages mit der dänischen Reederei DFDS würden von nächster Woche an wieder rund 500 von einst 1.200 Schiffbauern auf der Stralsunder Werft arbeiten. Dem vor einer Woche unterzeichneten Vertrag muss noch das dänische Verteidigungsministerium zustimmen.

Für die IG Metall ist die Wiederaufnahme der Arbeiten nach elfwöchiger Unterbrechung eine "Nagelprobe für den Standort". Potenzielle Käufer würden sehen, dass in Stralsund eine der modernsten Kompaktwerften Deutschlands stehe, sagte der IG metall-Bevollmächtigte Guido Fröschke.

Wie Insolvenzverwalter Brinkmann weiter mitteilte, ist eine noch bestehende Hürde beim Verkauf des Wolgaster Schiffbaubetriebes Werft an Lürssen genommen. Land und Nord LB hätten eine Löschungsbewilligung für belastete Werftengrundstücke erteilt. Damit könne die Werft lastenfrei an die Lürssen-Werft übertragen werden. Die auf den Marine- und Yachtenbau spezialisierte Werft in Bremen übernimmt den Wolgaster Betrieb mit 360 Mitarbeitern zum 1. Mai 2013. Der Kaufpreis von rund 20 Millionen Euro geht an die Vorranggläubiger.

Die Gläubigerversammlung, an der rund 100 Gläubiger teilnahmen, bestätigte Brinkmann in seiner Funktion als Insolvenzverwalter. Das Insolvenzverfahren von P+S sei ein "Musterbeispiel" für die Zusammenarbeit von Insolvenzverwaltung, Betriebsräten, Gewerkschaft und Politik, sagte IG-Metallbevollmächtigte Guido Fröschke. Auch in Insolvenzrichter Dirk Mueller-Koebl sprach von einem in der Sache unkomplizierten Verfahren.

Die Gläubiger waren am Vormittag mit unterschiedlichen Erwartungen nach Stralsund gekommen. Transportunternehmer Andreas Wulf aus Cuxhaven sagte, er sei wütend. Einen sechsstelligen Betrag habe seine Firma bei der Werft offen. "Die, die das vergeigt haben, sitzen heute leider nicht hier".

Simone Prestin, Verwaltungsleiterin einer Fachschule für Technik auf dem Stralsunder Dänholm ist gekommen, um ihrer Forderung über 12.000 Euro Nachdruck zu verleihen. Die private Schule hat Techniker für die P+S-Betriebe ausgebildet. P+S schuldet der Bildungseinrichtung nun die Lehrgangsgebühren. Nach der Gläubigerversammlung ist sie ernüchtert. "Wir werden ganz wenig Geld bekommen, wenn überhaupt. Und das wird Jahre dauern", sagte sie.

P+S – Das Auf und Ab der Werften

Chronologie der P+S-Werften

1948 wurden die Volkswerft Stralsund und die Peene-Werft Wolgast gegründet.

1992 übernimmt die Bremer Hegemann-Gruppe die einstige Marinewerft in Wolgast. Jahrelang hat die Peene-Werft volle Auftragsbücher.

Juli 2007: Die Hegemann-Gruppe übernimmt die Volkswerft Stralsund. Sie will in die Produktion besonders großer Containerschiffe einsteigen.

Februar 2009: Infolge der Wirtschaftskrise werden in beiden Werften die Aufträge knapp. Reedereien stornieren Schiffsneubauten.

März 2009: Hegemann kündigt die Umstellung auf den Spezialschiffbau an.

Juni 2009: Finanz- und Wirtschaftsministerium geben grünes Licht für eine Bürgschaft über 9 Millionen Euro.

Juni 2010: Die beiden Werften stellen sich unter dem Namen P+S- Werften neu auf. Die Hegemann-Gruppe hält einen Anteil von 7 Prozent, die HSW Treuhand- und Beteiligungsgesellschaft ist mit 93 Prozent beteiligt.

August 2010: Die Belegschaften erklären sich zu kostenloser Mehrarbeit bereit, um die weitere Sanierung der Werften zu sichern.

August 2011: Die P+S-Werften erhalten einen weiteren Millionenauftrag über den Bau von zwei Offshore-Installationsschiffen.

März 2012: Land, Bund und Banken einigen sich auf Unterstützung bei der Finanzierung von Schiffbauaufträgen. Grund sind die teureren Spezialschiffe.

Mai 2012: Ein Finanzloch von 200 Millionen Euro gefährdet den Fortbestand. Das Land ist grundsätzlich zu erneuter Hilfe bereit, braucht aber die Zustimmung der EU und sieht auch Bund, Banken, das Unternehmen und die Belegschaft mit in der Verantwortung.

Juni 2012: Es stellt sich heraus, dass fast 300 Millionen Euro Umstrukturierungsbeihilfe nötig sind. Die Mitarbeiter erklären sich bereit, sich an der Rettung mit 68 Millionen Euro zu beteiligen. Schwerin sagt ein Darlehen von bis zu 152,4 Millionen Euro zu.

Juli 2012: Die EU-Kommission genehmigt die staatliche Garantie für die P+S Werften unter Vorbehalt.

August 2012: Der frühere Airbus-Manager und Sietas-Werftsanierer Rüdiger Fuchs wechselt als Unternehmenschef an die Spitze der P+S-Werften. Er deckt größere Probleme als bisher bekannt auf, darunter Lieferverzögerungen für Scandlines-Fähren und zwei Spezialfrachter.

20. August: Das Land stoppt die Hilfen.

1. November: Gut zwei Monate nach dem Insolvenzantrag für die P+S-Werften eröffnet das Amtsgericht Stralsund das Insolvenzverfahren. Die Gläubiger haben Forderungen in dreistelliger Millionenhöhe, auch das Land.

 Quelle: dpa

(dpa)
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