17.01.13

Nach Insolvenz

Gläubiger der P+S-Werften tagen in Stralsund

Nach der Werft-Insolvenz fordern Gläubiger fast eine Milliarde Euro. Von Zusammenkunft mit Insolvenzverwalter erhoffen sie sich Aufklärung.

Von Martina Rathke
Foto: dpa
P+S-Werften
Die insolvente P+S-Werft in Stralsund

Stralsund. Die erste Gläubigerversammlung nach der Insolvenz der P+S-Werften hat am Donnerstag in Stralsund begonnen. Banken, Land und Bund sowie Zulieferer und auch Mitarbeiter - insgesamt rund 2300 Gläubiger – haben Forderungen in Höhe von rund 988 Millionen Euro angemeldet. Rund 100 von ihnen kamen nach Angaben der Werft nach Stralsund, um sich persönlich von Insolvenzverwalter Berthold Brinkmann über die finanzielle Lage der Werften und die Chancen auf Begleichung ihrer Forderungen informieren zu lassen. Das Amtsgericht hatte mit rund 300 Teilnehmern an der nicht öffentlichen Versammlung gerechnet.

Für die Werften in Stralsund und Wolgast war im November das Insolvenzverfahren eröffnet worden. Für die Werft in Wolgast wurde inzwischen mit der Bremer Lürssen-Werft ein Käufer gefunden, für Stralsund wird ein Käufer gesucht.

Fahrzeugkolonnen mit schweren Limousinen und älteren Kleinwagen fuhren am Morgen vor das Werfttor der P+S-Werften. Unter ihnen auch Transportunternehmer Andreas Wulf aus Cuxhaven. Er war wütend: Einen sechsstelligen Betrag habe seine Firma bei der Werft offen. "Die, die das vergeigt haben, sitzen heute leider nicht hier", sagte er, bevor er durch das Werkstor fuhr.

Simone Prestin, Verwaltungsleiterin der Fachschule für Technik auf dem Stralsunder Dänholm, kam, um ihrer Forderung über 12 000 Euro Nachdruck zu verleihen. Die private Schule hat Techniker für die P+S-Betriebe ausgebildet. P+S schuldet der Bildungseinrichtung nun die Lehrgangsgebühren. "Ich glaube nicht, dass wir unser Geld erhalten werden", sagte sie. Sorgen plagten auch die Chefin der Strela Gebäudereinigung, Heike Scheel: 23 Mitarbeiter ihrer Firma mussten nach der P+S-Pleite gehen.

Nach Angaben des Amtsgerichtes will Insolvenzverwalter Brinkmann den Gläubigern die Tabelle mit den Forderungen vorlegen. Den Gläubigern steht das Recht zu, Widerspruch einzulegen. Erwartet wurde, dass Brinkmann bekanntgibt, welche Forderungen anerkannt oder bestritten werden, wie Gerichtssprecher Dirk Simon sagte.

Im Dezember konnte die Wolgaster Werft für knapp 20 Millionen Euro an die Bremer Lürssen-Werft verkauft werden. Der Verkauf steht allerdings unter Vorbehalt. Grundpfandgläubiger – hauptsächlich das Land und Banken – müssten auf einen Großteil ihrer Forderungen verzichten. Für die Stralsunder Werft, auf deren Grundstücken ebenfalls Grundschulden eingetragen sind, wird ein Käufer gesucht.

Größter Einzelgläubiger ist das Bankenkonsortium der Nord LB und der KfW Ipex-Bank. Allein die beiden Banken haben einen Betrag von mehr als 300 Millionen Euro angemeldet. Das Wirtschaftsministerium des Landes macht Forderungen über 117 Millionen Euro für ein Darlehen und die Rettungsbeihilfe geltend. Darüber hinaus sieht sich das Finanzministerium mit einem maximalen Ausfallrisiko in Höhe von 219,7 Millionen Euro konfrontiert.

Ob und wie viel Geld vor allem die Kleingläubiger, zu denen auch die regionalen Zulieferer gehören, erhalten werden, ist ungewiss. Angaben über eine mögliche Quotenzahlung seien bislang nicht möglich, sagte ein Sprecher des Insolvenzverwalters. Älteren Angaben zufolge belaufen sich die Forderungen der Zulieferer auf rund 50 Millionen Euro.

P+S – Das Auf und Ab der Werften

Chronologie der P+S-Werften

1948 wurden die Volkswerft Stralsund und die Peene-Werft Wolgast gegründet.

1992 übernimmt die Bremer Hegemann-Gruppe die einstige Marinewerft in Wolgast. Jahrelang hat die Peene-Werft volle Auftragsbücher.

Juli 2007: Die Hegemann-Gruppe übernimmt die Volkswerft Stralsund. Sie will in die Produktion besonders großer Containerschiffe einsteigen.

Februar 2009: Infolge der Wirtschaftskrise werden in beiden Werften die Aufträge knapp. Reedereien stornieren Schiffsneubauten.

März 2009: Hegemann kündigt die Umstellung auf den Spezialschiffbau an.

Juni 2009: Finanz- und Wirtschaftsministerium geben grünes Licht für eine Bürgschaft über 9 Millionen Euro.

Juni 2010: Die beiden Werften stellen sich unter dem Namen P+S- Werften neu auf. Die Hegemann-Gruppe hält einen Anteil von 7 Prozent, die HSW Treuhand- und Beteiligungsgesellschaft ist mit 93 Prozent beteiligt.

August 2010: Die Belegschaften erklären sich zu kostenloser Mehrarbeit bereit, um die weitere Sanierung der Werften zu sichern.

August 2011: Die P+S-Werften erhalten einen weiteren Millionenauftrag über den Bau von zwei Offshore-Installationsschiffen.

März 2012: Land, Bund und Banken einigen sich auf Unterstützung bei der Finanzierung von Schiffbauaufträgen. Grund sind die teureren Spezialschiffe.

Mai 2012: Ein Finanzloch von 200 Millionen Euro gefährdet den Fortbestand. Das Land ist grundsätzlich zu erneuter Hilfe bereit, braucht aber die Zustimmung der EU und sieht auch Bund, Banken, das Unternehmen und die Belegschaft mit in der Verantwortung.

Juni 2012: Es stellt sich heraus, dass fast 300 Millionen Euro Umstrukturierungsbeihilfe nötig sind. Die Mitarbeiter erklären sich bereit, sich an der Rettung mit 68 Millionen Euro zu beteiligen. Schwerin sagt ein Darlehen von bis zu 152,4 Millionen Euro zu.

Juli 2012: Die EU-Kommission genehmigt die staatliche Garantie für die P+S Werften unter Vorbehalt.

August 2012: Der frühere Airbus-Manager und Sietas-Werftsanierer Rüdiger Fuchs wechselt als Unternehmenschef an die Spitze der P+S-Werften. Er deckt größere Probleme als bisher bekannt auf, darunter Lieferverzögerungen für Scandlines-Fähren und zwei Spezialfrachter.

20. August: Das Land stoppt die Hilfen.

1. November: Gut zwei Monate nach dem Insolvenzantrag für die P+S-Werften eröffnet das Amtsgericht Stralsund das Insolvenzverfahren. Die Gläubiger haben Forderungen in dreistelliger Millionenhöhe, auch das Land.

 Quelle: dpa

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