15.11.12

Berlin/Brüssel

"Wir setzen ein sehr starkes Signal"

EU-Justizkommissarin Viviane Reding über ihre Regelung zur Frauenquote - und wie diese die Berufswelt verändern kann.

Von Karsten Kammholz
Foto: AFP
Viviane Reding hat sich in der EU-Kommission durchgesetzt: In Aufsichtsräten börsennotierter Unternehmen sollen 40 Prozent Frauen sitzen
Viviane Reding hat sich in der EU-Kommission durchgesetzt: In Aufsichtsräten börsennotierter Unternehmen sollen 40 Prozent Frauen sitzen

Berlin/Brüssel. Als das Ergebnis in der Sitzung der EU-Kommission feststand, konnte Viviane Reding nicht mehr warten. Die Luxemburger Justizkommissarin verkündete ihren Erfolg per Twitter-Mitteilung in 20 Sprachen: "Geschafft". Über die Konsequenzen der Brüsseler Entscheidung sprach Karsten Kammholz mit Reding.

Hamburger Abendblatt: Frau Kommissarin, die europaweite Frauenquote für Aufsichtsräte ist beschlossene Sache. Ist das Ihr persönlicher Sieg?

Viviane Reding: Das ist ein Gemeinschaftswerk. Es gab Generationen von Frauen, die sich dafür eingesetzt haben, dass Frauen nicht mehr am Rande der Gesellschaft stehen und mehr Rechte bekommen. Seit 50 Jahren setzt sich die EU erfolgreich für die Geschlechtergleichheit ein. Heute haben wir einen weiteren wichtigen Schritt genommen - hin zu mehr Geschlechtergleichheit in den Aufsichtsräten der Privatwirtschaft. Diesen Schritt sind Männer und Frauen in der Politik gemeinsam gegangen.

Was verändert sich für die Berufswelt von Frauen, wenn sie in Aufsichtsräten künftig 40 Prozent Anteil haben?

Reding: Wir setzen ein sehr starkes Signal. Unsere Gesellschaft kann es sich nicht leisten, dass 60 Prozent der Universitätsabsolventen Frauen sind, aber die Frauen vor der Tür stehen gelassen werden, wenn es um die Top-Posten in den Unternehmen geht. In Deutschland gibt es nur 16 Prozent Frauen in den Aufsichtsräten von börsennotierten Unternehmen. Mit anderen Worten: Wir haben eine Männerquote von 84 Prozent. Das darf nicht so bleiben.

Wie kann die Quote Frauen helfen, die in Firmen aufsteigen wollen?

Reding: Die Quote an der Spitze hat eine Wirkung, die man nicht unterschätzen sollte. Wir brauchen mehr als die eine Vorzeigefrau im Unternehmen. Das wird Frauen ermutigen, einen beruflichen Aufstieg zu verfolgen. Und wir wissen auch: Frauen fördern Frauen. In Zukunft werden qualifizierte Frauen die gläserne Decke durchbrechen können, wenn sie sich beruflich durchsetzen wollen.

Aber ein Aufsichtsrat hat nicht das Gewicht eines Vorstands.

Reding: Wenn Aufsichtsräte nicht so wichtig sind, frage ich mich, warum Frauen bis jetzt außen vor gelassen wurden. Aufsichtsräte scheinen also doch so wichtig zu sein, dass sie vor allem mit Männern besetzt werden.

Warum machen Sie nicht gleich eine Quote für Firmenvorstände?

Reding: Wir wollen nicht in die Unternehmensführung eingreifen - das wäre auch nicht juristisch hieb- und stichfest. Für die Vorstände haben wir daher das deutsche Modell der Flexi-Quote gewählt. Das heißt, die Unternehmen müssen sich für die Vorstände selbst Ziele setzen und jedes Jahr öffentlich berichten, ob sie diese Ziele erreicht haben oder nicht.

Was erwarten Sie sich jetzt von der Bundesregierung?

Reding: Ich war in Vorbereitung meines Vorschlags in besonders engem Kontakt mit zahlreichen deutschen Christdemokraten im Europaparlament, in der Bundesregierung, im Bundestag sowie in den Landesregierungen und Landtagen, und ich habe nach Kräften dafür gesorgt, dass die EU-Quotenregelung eine deutlich christdemokratische Handschrift trägt - das wird jeder, der den Text in Ruhe liest, feststellen können. Ich freue mich daher auf die enge Zusammenarbeit mit der deutschen Bundesregierung bei der Umsetzung der EU-Quotenregelung in den kommenden Monaten.

Die schwarz-gelbe Koalition ist bisher nicht gesetzgeberisch tätig geworden. Können Sie das verstehen?

Reding: Das ist eine deutsche Entscheidung. Ich stelle nur fest, dass die Debatte über die Quote in Deutschland in vollem Gange ist. Und ich stelle auch fest, dass im Bundesrat ein Gesetz zur Frauenquote auf den Weg gebracht wurde - mitgetragen von CDU-regierten Ländern.

Wie bewerten Sie bei dem Thema die Rolle von Bundeskanzlerin Angela Merkel?

Reding: Angela Merkel zeigt doch, dass Frauen ganz hervorragend managen können. Das Beispiel der Kanzlerin sollten sich die Unternehmen in Deutschland einmal zu Herzen nehmen. Wenn ich die Selbstverpflichtung der DAX-Unternehmen aus dem Jahr 2001 betrachte, bin ich tief enttäuscht: als Ende 2010 Bilanz gezogen wurde, war der Anteil von Frauen in Aufsichtsräten gerade mal um zwei Prozent angestiegen. Das ist nicht im Sinne der deutschen Wirtschaft, denn auch deutsche Studien - zum Beispiel von der Deutschen Bank - zeigen, dass mehr Frauen in Führungspositionen zu einer besseren Gesamtleistung des Unternehmens beitragen können.

Frauenquoten in anderen Ländern
Gleichberechtigung in den Chefetagen
In Deutschland wird es nach dem deutlichen Nein von Bundeskanzlerin Angela Merkel vorerst keine gesetzlich verpflichtende Frauenquote für die Chefetagen der Wirtschaft geben. Die Unternehmen sollen zunächst die Chance erhalten, ohne Zwang den Frauenanteil zu erhöhen. Ein späteres gesetzliches Handeln ist damit allerdings nicht ausgeschlossen. In einigen EU-Ländern existieren bereits solche Vorgaben für große Firmen. Ein Überblick.
Norwegen: Norwegen ist das erste Land in Europa, das mit einer Zwangsquote versucht hat, mehr Frauen in Spitzenpositionen zu bringen. Schon 2003 wurde eine Quote festgelegt. Das Gesetz dazu trat 2006 in Kraft. Die Schonfrist für die Firmen lief endgültig Ende 2007 aus. In Norwegen ist Pflicht, dass 40 Prozent der Aufsichtsratsmandate in einem Unternehmen von Frauen besetzt sind. Als Folge wuchs der Anteil weiblicher Mitglieder in diesen Gremien von 25 Prozent im Jahr 2004 auf 36 Prozent 2006 und auf 42 Prozent 2009. Laut Regierung schlug der Effekt auch auf kleinere Firmen über, für die die Quote eigentlich nicht gilt.
Frankreich: Das französische Parlament billigte Mitte Januar ein Gesetz, wonach Großunternehmen binnen sechs Jahren mindestens 40 Prozent der Posten in den Vorstandsetagen für Frauen frei halten müssen. Davor gilt für eine Übergangszeit von drei Jahren eine Mindestquote von 20 Prozent. Das Gesetz betrifft alle Firmen, die börsennotiert sind oder mehr als 500 Beschäftigte haben beziehungsweise mehr als 50 Millionen Euro Umsatz machen.
Spanien: In Spanien gilt seit 2007 eine Regelung, wonach börsennotierte Unternehmen und andere Firmen mit mehr als 250 Mitarbeitern in Vorstandsetagen denselben Anteil der Geschlechter anstreben müssen. Als Zielmarke gilt eine Quote von mindestens 40 Prozent innerhalb von acht Jahren – also bis 2015. Als Anreiz sollen Firmen, die die Kriterien erfüllen, bei der Vergabe staatlicher Aufträge bevorzugt behandelt werden.
Island: Island verabschiedete im März vergangenen Jahres ein Gesetz, wonach bis September 2013 der Anteil beider Geschlechter in den Führungsgremien von Firmen mit mehr als 50 Mitarbeitern mindestens 40 Prozent betragen muss.
Planungen in anderen EU-Ländern: In anderen EU-Staaten werden gesetzliche Regelungen vorbereitet – so etwa in Italien, Schweden, Belgien und den Niederlanden. Italien erwägt, dass Frauen in börsennotierten oder staatlichen Unternehmen mindestens ein Drittel der Mitglieder der Führungsspitze ausmachen müssen.
EU: Auf der Ebene der EU-Kommission wird ein "Zwei-Phasen-Ansatz" diskutiert. Justizkommissarin Viviane Reding kündigte an, falls bis Ende 2011 keine glaubwürdige Selbstregulierung gelinge, solle in einem zweiten Schritt ein Rechtsinstrument zur Einführung von Frauenquoten in Aufsichtsräten auf den Weg gebracht werden. Bis 2015 sollten 15 Prozent und bis 2010 40 Prozent der Gremien börsennotierter Unternehmen im europäischen Binnenmarkt weiblich sein.
Quelle: rtr
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