23.01.13

Patriot-Einsatz

Deutsche Soldaten in der Türkei von Menschenmenge bedroht

Türkische Sicherheitskräfte beruhigten die Lage. Die Hintergründe sind noch unklar. Niemand wurde verletzt.

Foto: DAPD
Deutsche Soldaten in der Türkei bedroht
Demonstranten protestieren in Iskenderun gegen die Stationierung von NATO-Patriot Raketen

Berlin. Deutsche Soldaten sind zu Beginn ihrer "Patriot"-Mission in der Türkei von einer aufgebrachten Menschenmenge bedroht worden. Rund 40 Menschen beschimpften und bedrängten die fünf Soldaten, die zivil gekleidet waren, vor einem Geschäft in der Großstadt Iskenderun, wie das Einsatzführungskommando der Bundeswehr am Mittwoch mitteilte.

Einem Soldaten wurde dabei ein Beutel mit einem weißen Pulver über den Kopf gezogen. Türkische Sicherheitskräfte konnten die Lage beruhigen und die Bundeswehrsoldaten in ihre Quartiere zurückbringen, wie es hieß. Alle blieben unverletzt.

Der Sprecher von Verteidigungsminister Thomas de Maizière, Stefan Paris, sagte, es habe sich offensichtlich um eine "organisierte Gruppe" gehandelt. Die Soldaten seien zunächst in umliegende Geschäfte geflüchtet. Die Hintergründe würden nun von den türkischen Behörden aufgeklärt.

Paris betonte, die Meinungsfreiheit in der Türkei sei zwar "voll und ganz" zu respektieren, Gewalt sei aber nicht akzeptabel. Die Bundesregierung erwarte, dass die Sicherheit der Bundeswehrsoldaten in der Türkei gewährleistet wird.

Der NATO-Partner Türkei hatte die Bundeswehr Ende vergangenen Jahres um militärische Unterstützung gegen eine mögliche Raketenbedrohung aus dem Nachbarland Syrien gebeten. Nach einem Beschluss des Bundestags verlagerte die Bundeswehr zwei Flugabwehrstaffeln nach Ostanatolien. An dem Einsatz sind rund 350 deutsche Soldaten beteiligt.

"Patriot": Symbolische Hilfe für die Türkei

 Der Einsatz von "Patriot"-Raketen ist ein wichtiges Zeichen im Syrien-Konflikt. Türkisches Gebiet schützen können die deutschen Luftwaffensoldaten aber kaum. Denn der Bundeswehreinsatz findet auf dem türkischen Luftwaffenstützpunkt Kahramanmaras gut 100 Kilometer im türkischen Hinterland statt. Angesichts der Bedrohungen und der Fähigkeiten, welche die deutschen und niederländischen Militärs nach Ost-Anatolien schicken, bleibt der Beitrag eher symbolisch.

Bei einer effektiven Kampfreichweite von maximal 45 Kilometern ist in Abfangen von Raketen oder Flugzeugen für die deutschen Soldaten erst lange nach Verletzung des türkischen Luftraums möglich. Auch die Radar-Systeme reichen vom Boden aus kaum bis an die Grenze heran. Die Hauptaufgabe wird damit den AWACS-Flugzeugen zur Luftraumüberwachungsflugzeugen zufallen.

 Die AWACS-Beteiligung ist vorsorglich Teil des neuen Mandats. Denn an Bord der im pfälzischen Spangdahlem startenden NATO-Flugzeuge sind auch deutsche Soldaten, und diese Flugzeuge tragen wesentlich zum Luftlagebild der Raketenstaffeln bei. Schließlich können sie – anders als die "Patriots" – tief in syrisches Gebiet blicken. Dies geschieht zum Teil aber auch schon jetzt im Rahmen der Mittelmeerflüge unter dem NATO-Mandat "Active Endevour", das erst Mitte der Woche durch das Parlament verlängert wurde.

Das Luftabwehrsystem "Patriot" gilt als eines der modernsten der Welt. Beim Einsatz gegen Kampfflugzeuge in mittleren und großen Höhen erzielen die Lenkflugkörper gute Abschussergebnisse. In den Golfkriegen mit dem Irak schossen amerikanische "Patriot"-Verbände auch die verhältnismäßig langsamen "Scud"-Mittelstreckenraketen von Saddam Hussein ab. Mit solchen Raketen hatte zuletzt auch das Assad-Regime vermutete Rebellenstellungen im Grenzgebiet beschossen.

 In den vergangenen Monaten wurden immer wieder Dörfer entlang der Grenze Ziel von Granaten aus Mörsern oder Artilleriegeschützen. Diese erfolgreich abzufangen, ist mit einem Raketensystem eigentlich unmöglich. Die Artilleriegeschosse bewegen sich schnell, sie sind sehr klein und haben eine verhältnismäßig steile Flugbahn.

Für den Schutz gegen Artilleriebeschuss ist "Patriot" also nicht geeignet. Zwischen dem Granat-Abschuss und dem Auffassen durch die Radarsysteme liegen meist einige Sekunden, die gleiche Zeit verstreicht, bis das Lagebild am Radarschirm erkannt und ausgewertet wird. Bis eine Entscheidung getroffen wird, die Rakete zu starten, können noch einmal 20 bis 30 Sekunden verstreichen. Bei einem anfliegenden Flugzeug oder einer ballistischen Rakete mit gleichmäßiger Flugbahn reicht dies aus. In der gleichen Zeit aber sind Mörser oder Artilleriegranaten längst eingeschlagen.

 Zwar verfügt die Luftwaffe inzwischen mit dem hochmodernen Waffensystem "Mantis" über die Technik, auch diese Geschosse abzuwehren. Jedoch gibt es bislang nur fünf solcher Geschütztürme - also gerade mal genug für ein einziges Feldlager. Der Schutz der gut 900 Kilometer langen syrisch-türkischen Grenze ist mit dieser Waffe weder möglich noch bezahlbar.  (dapd)

Das Flugabwehrsystem "Patriot"

Das Flugabwehrsystem "Patriot" besteht aus radargestützten Mittelstreckenraketen, die vom Boden abgefeuert werden. Die Abschussbatterie und Bodentechnik wird in der Regel auf einen Sattelschlepper montiert.

Das System wurde in den 1960er Jahren von den US-Unternehmen Raytheon und Lockheed entwickelt. An der Fertigung waren auch deutsche Unternehmen beteiligt.

Zum Einsatz kam das System zum ersten Mal während des Golfkrieges 1991 im Irak.

Mit den Raketen können Flugzeuge, Marschflugkörper und Mittelstreckenraketen bekämpft werden. Für die Abwehr kleiner Geschosse wie Mörsergranaten ist es dagegen nicht geeignet.

Die Besonderheit des Systems ist ein Zusammenschluss mehrerer Radargeräte, die auch auf ein Antennensystem zurückgreifen können. Außerdem wird automatisch zwischen Freund und Feind unterschieden und eine Bedrohlichkeitseinstufung vorgenommen. Bis zu fünf Flugziele können gleichzeitig bekämpft werden.

Die Bundesrepublik besitzt das "Patriot"-System seit 1989. Innerhalb der Nato steht die modernste Variante des Systems (PAC-3) neben Deutschland nur den USA und den Niederlanden zur Verfügung.

(dapd)
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