26.11.12

Israel

Ehud Barak – Gefeierter Soldat, ungeliebter Politiker

Verteidigungsminister tritt nicht mehr an. Bis es neue Regierung gibt, will er noch im Amt bleiben. Parlamentswahlen am 22. Januar 2013.

Von Thomas Krumenacker
Foto: dpa
announcing the ceasefire with Hamas
Verteidigungsminsiter Ehud Barak (r) will nach den Wahlen im Januar nicht mehr antreten

Tel Aviv. Der israelische Verteidigungsminister Ehud Barak will nach der Wahl im Januar aus der Regierung ausscheiden. Dies teilte der 70-Jährige am Montag völlig überraschend vor Journalisten in Tel Aviv mit. Er wolle nur noch bis zur Bildung einer neuen Regierung nach den Wahlen am 22. Januar im Amt bleiben.Danach sei Schluss. "Ich will meiner Familie mehr Zeit widmen", erklärte der geschiedene Vater von drei Töchtern und mehrfache Großvater.

Barak hatte die sozialdemokratische Arbeitspartei im Januar vergangenen Jahres nach einem heftigen Richtungsstreit verlassen. Gemeinsam mit vier anderen Abgeordneten gründete er danach die Partei Azmaut (Unabhängigkeit). Nach dem jüngsten Gaza-Konflikt war seine Popularität laut Umfragen gestiegen.

Im Laufe seiner langen Karriere hat Ehud Barak viele Rollen gespielt. In seiner spektakulärsten schlüpfte er in die Kleider einer Frau. Bei der Jagd auf die Hintermänner des Olympia-Attentats von München verkleideten sich Barak und ein weiteres Mitglied einer Spezialeinheit 1973 in Beirut als Liebespaar, um an den Wachen vorbei unauffällig zu den Wohnungen dreier Top-Offizieller der Palästinenser-Organisation PFLP zu gelangen, die Israel als die Hintermänner des Massakers im Vorjahr ausgemacht hatte. "Er war klein und hatte ein Babyface, so beschlossen wir, dass er meine Frau spielen sollte", erinnert sich Israels berühmtester Kommando-Soldat, Muki Betzer, an den Anschlag, den die drei Palästinenserführer nicht überleben sollten.

Barak brachte der später Hollywood-gemäß verfilmte Einsatz, wie viele weitere geheime Operationen, geradezu Legendenstatus als Soldat. Bis heute ist der 70-Jährige als Elite-Kämpfer in allen politischen Lagern unumstritten – kein anderer Israeli wurde so hoch dekoriert, wie er. Als Politiker jedoch ist der Kibbutz-Sprössling in seiner jahrzehntelangen Karriere zu einer der umstrittensten und in Teilen der Bevölkerung wegen ungezählter radikaler Kehrtwendungen geradezu verachteten Persönlichkeit geworden.

Dauerrivalität mit Netanjahu

Seine politische Laufbahn begann Barak 1995, als er vom Posten des Generalstabschefs auf den Stuhl des Innenministers wechselte. Nach der Ermordung von Ministerpräsident Jitzhak Rabin stieg er unter dem neuen Regierungschef Schimon Peres zum Außenminister auf. Und schon damals war es ein konservativer Politiker, der sich zum Dauerrivalen entwickeln sollte, der seiner Karriere einen herben Dämpfer verpasste: Benjamin Netanjahu gewann nur ein halbes Jahr später vorgezogene Wahlen gegen Peres und sorgte vorübergehend für das Aus Baraks. Die Stunde der Revanche schlug im Mai 1999, als der zwischenzeitlich zum Chef der traditionsreichen Arbeitspartei aufgestiegene Barak Netanjahu bei Wahlen klar besiegte und zum Regierungschef aufstieg.

Baraks Pragmatismus – Gegner sagen Beliebigkeit – spiegelt sich nicht zuletzt im bis heute beispiellos breiten Bündnis, das er damals schmiedete. Es reichte von der links-säkularen Meretz-Partei bis hin zu den Nationalreligiösen.

Mit Baraks Namen verbunden bleiben wird auch sein weitreichendes Friedensangebot an die Palästinenser bei den Camp-David-Verhandlungen im Sommer 2000. Weil das Abkommen schließlich an den bis heute ungelösten Kernfragen des israelisch-palästinensischen Konflikts scheiterte – der Status Jerusalems, die israelische Siedlungspolitik in den besetzten Gebieten und das Rückkehrrecht für Palästinenser – bleibt ungewiss, ob Barak ein Friedensabkommen mit derartigen Zugeständnissen innerhalb der israelischen Bevölkerung hätte durchsetzen können. Vielen in Israel gilt es bis heute als der größte Fehler von Palästinenserführer Jassir Arafat, in Camp David nicht zugegriffen zu haben. Auch Barak trug lange schwer daran, um ein Haar Weltgeschichte geschrieben zu haben.

Politik nicht als Leidenschaft

Wenige Monate später wurde Barak abgewählt und der konservative Ariel Scharon übernahm die Regierung. Seit 2007 ist Barak Verteidigungsminister, derzeit dient er unter seinem Dauerrivalen Benjamin Netanjahu. In der Auseinandersetzung um das iranische Atomprogramm galten die beiden als eingespieltes Tandem, das mit massiven Drohungen eines israelischen Alleingangs gegen den Iran die internationale Gemeinschaft zu schmerzhaften Sanktionen gegen die islamistische Führung in Teheran getrieben hat. Allerdings unterschied sich der Amerika-Freund Barak in diesem Konflikt in einem wesentlichen Punkt stets von Netanjahu: Rüde Kritik an den USA vermied Barak stets, weshalb er auch in Zeiten größter diplomatischer Verstimmungen ein gern gesehener Gast in Washington war.

Barak, der im vergangenen Jahr die von ihm einst geführte Arbeitspartei verließ, konnte mit seiner Neugründung "Azmaut" (Unabhängigkeit) nie recht bei den Wählern landen. Umfragen sahen es zuletzt als fraglich an, ob die Partei überhaupt den Wiedereinzug in die Knesset bei der anstehenden Wahl im Januar schaffen würde. Ob dies die Entscheidung Baraks für die Beendigung seiner Karriere beschleunigt hat, steht dahin. Er selbst sagte bei der Ankündigung seines Abgangs am Montag: "Ich habe mein politisches Leben ausgeschöpft, das nie eine Leidenschaft für mich war."

Der Gaza-Konflikt – Tage der Gewalt in Nahost

10. November 2012: Militante Palästinenser beschießen einen israelischen Jeep am Grenzzaun und verletzen Soldaten. Israel reagiert mit einem Panzerangriff, bei dem nach palästinensischen Angaben mindestens sechs Menschen getötet werden. Als Antwort schlagen mehr als 100 Raketen und Granaten im Süden Israels ein.

12. November: Trotz einer vom ägyptischen Geheimdienst ausgehandelten Waffenruhe werden wieder Raketen nach Israel gefeuert.

14. November: Die israelische Luftwaffe tötet in Gaza gezielt den Hamas-Militärchef Ahmed al-Dschabari.

15. November: Der militärische Arm der Hamas kündigt Rache an. Mindestens 245 Raketen fliegen Richtung Israel. Drei Israelis sterben. Am Abend gibt es in Tel Aviv erstmals seit 1991 Luftalarm.

16. November: Während des Vermittlungsbesuchs von Ägyptens Ministerpräsidenten Hischam Kandil sterben wieder Menschen durch israelische Luftangriffe. Auch Tel Aviv wird erneut beschossen, eine Rakete schlägt bei Jerusalem ein. In Israel sterben drei Zivilisten.

17. November: Bei seinem Einsatz "Säulen der Verteidigung" zerbombt Israel unter anderem die Regierungszentrale der Hamas in Gaza-Stadt. Nach palästinensischen Angaben steigt die Zahl der Toten auf 39. Israel zieht Panzer an der Grenze zu Gaza zusammen und beruft in großem Stil Reservisten ein. Eine Bodenoffensive droht.

18. November: Palästinenser schießen mindestens eine Rakete auf Tel Aviv, Israel feuert zurück. Im Gazastreifen sterben elf Mitglieder einer Familie, darunter mehrere Kinder. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sagt, Israel sei bereit, den Einsatz noch auszuweiten.

19. November: UN-Generalsekretär Ban Ki Moon fordert Israel und die Hamas zu einer umgehenden Waffenruhe auf. Auch Außenminister Guido Westerwelle ist zu Gesprächen in Israel.

20. November: Israel setzt seine Luftangriffe fort. Mitglieder der Hamas richten sechs Landsleute wegen angeblicher Kollaboration mit Israel öffentlich hin. Eine für den Abend angekündigte Waffenruhe unter ägyptischer Vermittlung wird verschoben.

21. November: Israels Luftwaffe bombardiert Dutzende Ziele. Aus dem Gazastreifen fliegen weitere Raketen auf Ziele in Israel. Seit Beginn der Kämpfe vor einer Woche wurden nach palästinensischen Angaben 140 Menschen im Gazastreifen getötet und mehr als 1100 verletzt. Auf israelischer Seite starben seit vergangenem Mittwoch fünf Menschen, Dutzende wurden verletzt. Im Bemühen um ein Ende der Gewalt spricht US-Außenministerin Hillary Clinton mit Netanjahu und Palästinenserpräsident Mahmud Abbas.

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