22.11.12

Gaza

Waffenruhe in Nahost zunächst stabil

Deutschland sagt Palästinensern 1,5 Millionen Euro Hilfsgelder zu – Verteidigungsminister Barak verteidigt Verzicht auf Bodenoffensive.

Foto: AFP
Israelische Soldaten stehen  auf ihren Panzern nahe der Grenze Israel-Gaza
Israelische Soldaten stehen auf ihren Panzern nahe der Grenze Israel-Gaza

Gaza-Stadt. Die zwischen Israel und den Palästinensern vereinbarte Waffenruhe hat in ihren ersten Stunden gehalten. In der Nacht zum Donnerstag schwiegen die Waffen nach Angaben der israelischen Streitkräfte. Im Gazastreifen begannen die Menschen, die Schäden der acht Kampftage zu beseitigen. Die Hamas und Israel verhandeln nun über ein Abkommen, dass die Grenzen zum blockierten Autonomiegebiet öffnen soll. Deutschland stockte derweil seine Hilfsgelder für die Palästinenser auf.

Die am Mittwochabend unter ägyptischer Vermittlung und Druck aus den USA zustande gekommene Waffenruhe wurde in der Nacht von den Menschen im Gazastreifen ausgelassen gefeiert. "Der Morgenkaffee schmeckt anders und ich habe das Gefühl, dass wir neu beginnen", sagte Aschraf Diaa, ein 38 Jahre alter Ingenieur in Gaza-Stadt.

Bei den heftigsten Kämpfen zwischen Israel und der Hamas seit vier Jahren waren seit vergangenen Mittwoch mindestens 161 Palästinenser und sieben Israelis getötet worden. Israel wollte mit seinen Luftangriffen erreichen, dass die Hamas den Beschuss Südisraels beendet. Angesichts der tiefen Feindseligkeit zwischen beiden Lagern und dem vagen Wortlaut des Abkommens zur Waffenruhe bestehen Zweifel, ob ein dauerhafter Waffenstillstand zu erreichen ist.

Unterdessen sagte die Bundesregierung in Berlin den Palästinensern 1,5 Millionen Euro zur Verbesserung der medizinischen Versorgung im Gazastreifen zu. "Damit wollen wir einen Beitrag dazu leisten, für die Menschen im Gazastreifen eine echte Lebensperspektive zu entwickeln, die ein friedliches Miteinander erst möglich macht", teilte Außenminister Guido Westerwelle (FDP) am Donnerstag mit.

Zwtl.: Barak: Keine Eile bei Heimreise von Bodentruppen

Der israelische Verteidigungsminister Ehud Barak verteidigte im Militärradio seine Entscheidung, anders als 2008 keine Bodentruppen im Gazastreifen eingesetzt zu haben. "Man geht nicht aufgrund einer Laune in ein militärisches Abenteuer und sicher nicht auf Basis der öffentlichen Stimmung", sagte Barak.

Besonders im Süden Israels, der seit 13 Jahren Raketenfeuer aus dem Gazastreifen ausgesetzt ist, gab es Kritik an der Waffenruhe. Sie garantiere keine Sicherheit, hieß es. Barak sagte, es gebe keine Eile bei der Heimreise der Tausenden von Reservisten, die für eine mögliche Bodenoffensive in Grenznähe stationiert worden waren.

Die Hamas wertete die neue Situation als Erfolg. "Die Massen, die vergangene Nacht auf den Straßen feierten, haben die Nachricht an die ganze Welt geschickt, dass Gaza nicht besiegt werden kann", sagte Sami Abu Suhri, ein Sprecher der Hamas. Die radikalen Islamisten, die im Westen als Terroristengruppe eingestuft werden, konnten sich in den zurückliegenden Tagen über so viel diplomatische Anerkennung wie noch nie freuen. Im scharfen Kontrast zur sonst üblichen Isolierung machten Außenminister aus der Türkei und mehreren arabischen Staaten der Hamas in Gaza ihre Aufwartung.

Die Palästinenser bemühen sich derzeit bei der UN um den Status eines nicht-staatlichen Beobachters. Ihnen sei bewusst, dass die USA Druck auf relevante Seiten ausüben würden, um eine entsprechende Resolution zu verhindern, "aber wir zählen auf China und sein Gewicht, das dem Amerikas entspricht", sagte der palästinensische Gesandte Bassam al Salhi der Nachrichtenagentur Xinhua vor einem Besuch in Peking. Dort wollte al Salhi ab Donnerstag drei Tage lang für die Initiative Palästinas werben. China hat zuletzt eine diplomatisch aktivere Rolle im Nahostkonflikt eingenommen.

Der Gaza-Konflikt – Tage der Gewalt in Nahost

10. November 2012: Militante Palästinenser beschießen einen israelischen Jeep am Grenzzaun und verletzen Soldaten. Israel reagiert mit einem Panzerangriff, bei dem nach palästinensischen Angaben mindestens sechs Menschen getötet werden. Als Antwort schlagen mehr als 100 Raketen und Granaten im Süden Israels ein.

12. November: Trotz einer vom ägyptischen Geheimdienst ausgehandelten Waffenruhe werden wieder Raketen nach Israel gefeuert.

14. November: Die israelische Luftwaffe tötet in Gaza gezielt den Hamas-Militärchef Ahmed al-Dschabari.

15. November: Der militärische Arm der Hamas kündigt Rache an. Mindestens 245 Raketen fliegen Richtung Israel. Drei Israelis sterben. Am Abend gibt es in Tel Aviv erstmals seit 1991 Luftalarm.

16. November: Während des Vermittlungsbesuchs von Ägyptens Ministerpräsidenten Hischam Kandil sterben wieder Menschen durch israelische Luftangriffe. Auch Tel Aviv wird erneut beschossen, eine Rakete schlägt bei Jerusalem ein. In Israel sterben drei Zivilisten.

17. November: Bei seinem Einsatz "Säulen der Verteidigung" zerbombt Israel unter anderem die Regierungszentrale der Hamas in Gaza-Stadt. Nach palästinensischen Angaben steigt die Zahl der Toten auf 39. Israel zieht Panzer an der Grenze zu Gaza zusammen und beruft in großem Stil Reservisten ein. Eine Bodenoffensive droht.

18. November: Palästinenser schießen mindestens eine Rakete auf Tel Aviv, Israel feuert zurück. Im Gazastreifen sterben elf Mitglieder einer Familie, darunter mehrere Kinder. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sagt, Israel sei bereit, den Einsatz noch auszuweiten.

19. November: UN-Generalsekretär Ban Ki Moon fordert Israel und die Hamas zu einer umgehenden Waffenruhe auf. Auch Außenminister Guido Westerwelle ist zu Gesprächen in Israel.

20. November: Israel setzt seine Luftangriffe fort. Mitglieder der Hamas richten sechs Landsleute wegen angeblicher Kollaboration mit Israel öffentlich hin. Eine für den Abend angekündigte Waffenruhe unter ägyptischer Vermittlung wird verschoben.

21. November: Israels Luftwaffe bombardiert Dutzende Ziele. Aus dem Gazastreifen fliegen weitere Raketen auf Ziele in Israel. Seit Beginn der Kämpfe vor einer Woche wurden nach palästinensischen Angaben 140 Menschen im Gazastreifen getötet und mehr als 1100 verletzt. Auf israelischer Seite starben seit vergangenem Mittwoch fünf Menschen, Dutzende wurden verletzt. Im Bemühen um ein Ende der Gewalt spricht US-Außenministerin Hillary Clinton mit Netanjahu und Palästinenserpräsident Mahmud Abbas.

dapd/abendblatt.de
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