18.11.12

Nahost-Konflikt Israel droht mit Eskalation: Zivile Opfer bei Luftangriffen

Israelis are seen through a window damaged after a rocket fired from the Gaza Strip landed in Ofakim

Foto: REUTERS

Israelis are seen through a window damaged after a rocket fired from the Gaza Strip landed in Ofakim Foto: REUTERS

Eskalation im Gazastreifen? Bei israelischen Luftangriffen sterben Frauen und Kinder. Die Hamas rächt sich und feuert Raketen auf Tel Aviv.

Tel Aviv/Gaza. Im Gaza-Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern ist trotz internationaler Vermittlungsbemühungen keine Waffenruhe in Sicht. Am fünften Tag der israelischen Militäroperation "Säule der Verteidigung" stieg die Zahl der Toten auf palästinensischer Seite auf 72. Etwa die Hälfte davon seien Zivilisten, teilte das Hamas-Gesundheitsministerium ferner mit. Auf der israelischen Seite kamen bis Sonntagabend drei Menschen ums Leben. In Tel Aviv wurde zweimal Luftalarm ausgelöst.

Parallel gingen internationale Bemühungen um eine Waffenruhe weiter. Ein israelischer Unterhändler kam zu Gesprächen mit der Hamas nach Kairo. Außenminister Guido Westerwelle (FDP) will in Kürze nach Israel reisen. Am Sonntag telefonierte er mit Palästinenserpräsident Mahmud Abbas. Am Montag wurde UN-Generalsekretär Ban Ki Moon in Kairo erwartet, um mit Ägyptens Präsident Mohammed Mursi das weitere Vorgehen zu besprechen. Die Außen- und Verteidigungsminister der EU wollen an diesem Montag in Brüssel über den Gaza-Konflikt beraten.

1000 Raketen auf Israel abgefeuert

Mit Rückendeckung der USA bombardierte die israelische Armee auch am Sonntag zahlreiche Ziele im Gazastreifen. Bis Sonntagabend wurden Armeeangaben zufolge 1100 Ziele in dem von der radikal-islamischen Hamas beherrschten Palästinensergebiet angegriffen. Von dort seien fast 1000 Raketen auf Israel abgefeuert worden. 540 seien eingeschlagen, 287 im Flug abgefangen worden.

Die andauernde Gewalt nährte Sorgen vor einer israelischen Bodenoffensive in dem Palästinensergebiet. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sagte am Sonntag: "Die Operation im Gazastreifen geht weiter, und wir sind dazu bereit, sie noch bedeutend auszuweiten." Tausende Reservisten werden nach Armeeangaben auf einen möglichen Bodeneinsatz vorbereitet. Bis zu 75 000 Israelis müssen mit einer Einberufung rechnen. Israels Verteidigungsminister Ehud Barak sagte am Sonntag, eine Fortsetzung der Militäroperation sei "selbstverständlich".

Netanjahu fordert Stopp der Raketenangriffe

Netanjahu forderte vor einer Waffenruhe mit der im Gazastreifen herrschenden Hamas einen Stopp der Raketenangriffe. "Erstmal müssen die Raketenangriffe (auf Israel) aufhören, und dann können wir über den Rest reden", sagte er nach einem Treffen mit dem französischen Außenminister Laurent Fabius, der sich um eine Waffenruhe bemüht. Fabius, der sich auch mit dem israelischen Außenminister Avigdor Lieberman traf, sagte in Jerusalem: "Wir müssen die Bedingungen für eine Waffenruhe schaffen. Wir müssen einen Krieg in Gaza verhindern." Westerwelle warnte vor einer weiteren Eskalation der Gewalt und mahnte die Araber, mäßigend auf die radikal-islamische Hamas einzuwirken.

US-Präsident Barack Obama bekräftigte das Selbstverteidigungsrecht Israels. Kein Land würde es tolerieren, dass von außerhalb seiner Grenzen immer wieder Raketen auf sein Territorium abgefeuert würden, sagte er am Sonntag. Zuvor hatte ein hochrangiger US-Sicherheitsberater gesagt, die israelische Regierung habe die Entscheidung über eine Bodenoffensive selbst in der Hand.

Bei einem israelischen Luftangriff auf ein Haus in Gaza wurden am Sonntag nach palästinensischen Angaben elf Zivilisten getötet, darunter fünf Kinder und zwei Frauen. Militante Palästinenser feuerten mehrfach Raketen auf die israelische Küstenmetropole Tel Aviv. Die Geschosse wurden nach Angaben des Militärs aber am Himmel von der gerade erst installierten Raketenabwehr abgefangen. In Aschkelon, Beerscheva und Sderot wurden mehrere Gebäude direkt von Raketen getroffen. Ein Feuerwehrmann erlitt schwere Kopfverletzungen.

Merkel telefoniert mit Netanjahu und Mursi

Die israelische Armee bombardierte in der Nacht zum Sonntag nach eigenen Angaben ein Trainings- sowie ein Kommunikationszentrum der Hamas und das Büro des Al-Kuds-Fernsehens. Dabei wurden nach Krankenhausangaben sechs palästinensische Journalisten teils schwer verletzt. Nach Angaben des Hamas-Gesundheitsministeriums wurden weit über 600 Menschen verletzt. Wie die Weltgesundheitsorganisation WHO mitteilte, sind unter den Opfern auch viele Frauen und Kinder. Die medizinische Versorgung sei wegen der jahrelangen Blockade des Herrschaftsgebietes der Hamas völlig unzureichend.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) telefonierte mit Regierungschef Netanjahu und betonte die Pflicht zum Schutz der israelischen Bevölkerung. "Sie war sich mit dem Premierminister einig, dass schnellstmöglich ein vollständiger Waffenstillstand erreicht werden müsse, um weiteres Blutvergießen zu vermeiden", hieß es in einer Mitteilung von Vize-Regierungssprecher Georg Streiter.

Merkel telefonierte demnach auch mit dem ägyptischen Präsidenten Mursi. Ihn ermunterte sie, "seine wichtige Vermittlerrolle weiter auszuüben und die palästinensischen Gruppen zu einer umgehenden Einstellung der Angriffe auf Israel zu bewegen". Die Arabische Liga kündigte einen Solidaritätsbesuch im Gazastreifen an. Sie nannte die israelischen Angriffe "Verbrechen gegen die Menschlichkeit".

((dpa))