13.11.12

Petraeus-Affäre

Wie das FBI den CIA-Chef zu Fall brachte

Eine Bekannte von Petraeus fühlte sich von dessen Geliebter bedroht und schaltete die Polizei ein. Diese behielt ihr Wissen lange für sich.

Von Ansgar Graw
Foto: dapd
Petraeus
David Petraeus mit dem Ehepaar Scott und Jill Kelley (von den Medien "Mrs. X" genannt) sowie seiner Frau Holly (v.l.). Jill Kelley soll Drohungen von Petraeus' Geliebter Broadwell erhalten haben

Washington. Die attraktive Mittdreißigerin verließ ihr Haus in South Tampa/Florida, ignorierte die Journalisten auf der Straße, stieg in ihr Auto und fuhr wortlos davon. Aber sie übermittelte Agenturen ein kurzes schriftliches Statement. "Unsere Familie und die Familie von General Petraeus sind seit fünf Jahren befreundet. Wir respektieren seine und seiner Familie Privatheit, und wir erbitten dasselbe für uns und unsere drei Kinder", war darin zu lesen.

Die Frau, die den Medien auswich, ist Jill Kelley, 37, eine ehrenamtliche Verbindungsfrau zum Zentralkommando der US-Spezialkräfte, und sie brachte den Stein ins Rollen, der letztlich zum Rücktritt von CIA-Chef David Petraeus führte. Kelley, in früheren Artikeln "Mrs. X" genannt, hatte das FBI eingeschaltet, weil sie anonyme E-Mails erhielt, in der ihr eine "außereheliche Beziehung" vorgeworfen wurde. Als Absenderin entlarvt wurde die 39-jährige Paula Broadwell, Autorin einer sehr wohlwollenden Petraeus-Biografie. Die Ermittlungen enthüllten schließlich ein außereheliches Verhältnis Broadwells mit Petraeus, der seit 38 Jahren verheiratet und Vater zweier erwachsener Kinder ist. Broadwell ist ebenfalls verheiratet und die Mutter zweier kleiner Söhne.

Der genaue Inhalt von Broadwells anonymen E-Mails an Kelley ist unbekannt. Aber offenkundig betrachtete die taffe Soldatin und Triathletin Kelley als Nebenbuhlerin um die Gunst des Generals - während die Frau aus Florida versichert, über eine persönliche Freundschaft hinaus keine Beziehung zu Petraeus gehabt zu haben.

Laut "Wall Street Journal" erhielt Kelley seit Mai fünf bis zehn anonyme Nachrichten mit beleidigendem Inhalt. Als die FBI-Agenten die E-Mails zurückverfolgten, stießen sie auf das Eigenheim von Paula Broadwell und ihrem Mann in Charlotte, North Carolina.

Zu diesem Zeitpunkt gab es noch keinen Hinweis darauf, dass Petraeus von dem Fall betroffen war. Auch nachdem sich die FBI-Ermittler mit staatsanwaltlicher Genehmigung Zugang zum E-Mail-Konto von Broadwell verschafften, tappten sie zunächst weiter im Dunkeln. Denn Petraeus hatte sich unter einem Pseudonym ein privates E-Mail-Konto im Internet zugelegt, um mit Broadwell kommunizieren können. Auf diesem Konto wurden offenkundig E-Mails "mit eindeutig sexuellem Hinweis" ausgetauscht.

FBI-Agenten fanden erst nach einiger Zeit den Klarnamen von Broadwells Liebhaber heraus. Zusätzliche Aufregung entstand, als die FBI-Agenten im September Broadwells Computer untersuchten und darin auf als geheim klassifizierte Unterlagen stießen. Petraeus hat versichert, diese Dokumente stammten nicht von ihm. Das hat Broadwell intern bestätigt. Angesichts ihrer Recherchen zu Themen der Terrorbekämpfung ist es durchaus vorstellbar, dass sie weitere Quellen für derartige Materialien hat.

Petraeus, der wegen seiner vier Sterne und seines Nachnamens in Militärkreisen als "P4" firmiert und wiederholt als möglicher republikanischer Präsidentschaftskandidat gehandelt wurde, hatte vergangenen Freitag sein Amt aufgegeben. In diesem Zusammenhang gestand er seine außereheliche Affäre ein und löste damit ein politisches Erdbeben in Washington nur drei Tage nach der Wiederwahl von Präsident Barack Obama aus.

Erst im Juni vergangenen Jahres war Petraeus für das Amt des CIA-Direktors benannt worden. Der vormalige Oberkommandierende der Streitkräfte im Irak und in Afghanistan übernahm im September 2011 die Führung des Geheimdienstes.

Morgen und übermorgen wird nun der Geheimdienstausschuss des Senats zum Teil hinter verschlossenen Türen die Hintergründe des Falles erfragen. Vor allem wird es dabei um den möglichen Bruch von Geheimhaltungsvorschriften gehen. Petraeus wird bislang kein dienstliches Fehlverhalten vorgeworfen. Sollte sich herausstellen, dass er Broadwell geheimes Material zugänglich gemacht hat, bliebe fraglich, ob dadurch die "nationale Sicherheit" gefährdet wurde und er sich lediglich eines geringfügigen Verstoßes gegen interne Vorschriften schuldig machte. Das Verhältnis des CIA-Chefs mit Broadwell soll bereits vor vier Monaten beendet worden sein.

Aber für massive Irritationen sorgt die Tatsache, dass Republikaner im Kongress schon Ende Oktober aus dem FBI heraus über die außereheliche Affäre von Petraeus informiert wurden - lange vor dem Weißen Haus und obwohl Seitensprünge nun einmal nicht strafbar sind. Möglicherweise sollte die "Grand Old Party" mit Wahlkampfmunition versorgt werden. Ein FBI-Mitarbeiter kontaktierte mit diesen Informationen zunächst den republikanischen Abgeordneten Dave Reichert aus Washington (State) und ließ sich vermitteln an Eric Cantor, den Mehrheitsführer der Partei im Repräsentantenhaus. Cantor wiederum wandte sich an die FBI-Spitze, von wo er den in solchen Fällen üblichen Hinweis erhielt, man könne die Information "weder dementieren noch bestätigen". Cantor verzichtete darauf, sein Wissen im Wahlkampf auszuschlachten. Der Geheimdienstkoordinator des Weißen Hauses, James Clapper, wurde erst am Dienstagnachmittag, also am Wahltag, über die Ermittlungen informiert. Obama erfuhr davon am folgenden Tag. An jenem Mittwoch traf er auch Petraeus, der ihn um seine Entlassung bat. Als CIA-Chef müsse er ein Vorbild sein.

Die Indiskretion aus der Bundespolizei dürfte bei der Senatsanhörung eine wichtige Rolle spielen. Ausgeschlossen wird nicht, dass Petraeus trotz seines Rücktritts zur Aussage vorgeladen wird.

Weil sich viele Beobachter nicht vorstellen können, dass ein CIA-Chef "wegen rein privater Verfehlungen" den Schlapphut an den Nagel hängt, schießen Spekulationen über "die echten Gründe" ins Kraut. So heißt es, Petraeus habe gehen müssen wegen der noch laufenden Ermittlungen zum Tod von vier US-Diplomaten am 11. September im libyschen Bengasi. Dort soll der CIA versagt haben bei der Gefahrenanalyse im Vorfeld der terroristischen Attacke.

Doch so peinlich mögliche Fehler der CIA für die Regierung Obama auch sein mögen: An den Fakten ändert es nichts, ob Petraeus im Ausschuss Rede und Antwort stehen muss oder ob sein bisheriger Stellvertreter, der amtierende CIA-Chef Mike Morrell, die Senatoren über eventuelle Versäumnisse des Dienstes informiert.

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