Revolution Mahmud Dschibril – er soll Libyen nach Gaddafi führen

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Schon in den amerikanischen WikiLeaks-Depeschen wird der gut vernetzte Technokrat gelobt. Der Westen setzt auf Mahmud Dschibril.

Tripolis/Hamburg. Für Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy und US-Außenministerin Hillary Clinton repräsentiert er das neue Libyen: Der Ökonom Mahmud Dschibril ist zum Chef einer provisorischen Gegenregierung in Bengasi ernannt worden. Nach Studium und Lehrtätigkeit in den USA hatte sich der 1952 geborene Dschibril viele Jahre daran abgemüht, das Libyen von Staatschef Muammar al-Gaddafi wirtschaftlich zu reformieren. Unter dem Schutzschirm des damals mit Veränderungsambitionen hervorgetretenen Gaddafi-Sohnes Saif al-Islam leitete Dschibril den Nationalen Ausschuss für Wirtschaftliche Entwicklung. Diese Denkfabrik sollte die Privatwirtschaft entwickeln und eine Myriade von 11.000 staatlich angestoßenen Entwicklungsprojekten koordinieren.

Dschibril hatte zunächst an der Universität Kairo Wirtschafts- und Politikwissenschaft studiert. In den 80er-Jahren erwarb er Abschlüsse an der Universität Pittsburgh in den USA, an der er in der Folge einige Jahre strategische Wirtschaftsplanung lehrte. Er führte ein Team von Wissenschaftlern an, das ein einheitliches arabisches Handbuch für die Ausbildung von Top-Managern ausarbeitete. Etliche der darauf gestützten Kurse leitete er selbst. Auf diese Weise ist er mit der Geschäfts- und Finanzelite der arabischen Welt gut vernetzt.

Im Libyen Gaddafis kam er ins Spiel, nachdem sich der exzentrische Despot im Jahr 2003 mit dem Westen arrangiert hatte. Gaddafi hatte damals der weltweiten Förderung von Terrorgruppen und der Entwicklung von Massenvernichtungswaffen abgeschworen. Sein Land lenkte Gaddafi auf der Grundlage seiner eigenen, aus Ideen des Islam, des arabischen Nationalismus und des Sozialismus zusammengebastelten Ideologie ("Grüne Revolution") – und mit Hilfe eines allgegenwärtigen Sicherheitsapparates. Trotz des Ölreichtums des Landes stieß dieses System bei der Modernisierung an seine Grenzen. Dschibrils Denkfabrik sollte es, ohne es zu erschüttern, behutsam ändern und effizienter machen.

Depeschen der US-Botschaft, die das Internet-Portal WikiLeaks veröffentlichte, beschreiben Dschibril als "ernsthaften Gesprächspartner", der die USA ermunterte, sich in Libyen stärker zu engagieren. Die Weltmacht kritisiert er dafür, dass sie nach dem Ende des Kalten Krieges ihre "sanfte Macht" – ihre alltagskulturellen Trümpfe von McDonald's bis Hollywood – im Nahen Osten nicht bewusster ausgespielt habe. Die Notizen der US-Diplomaten künden aber auch von den Niederlagen, die der Chef-Reformer in der Auseinandersetzung mit dem paranoiden Sicherheitsapparat immer wieder einstecken musste, etwa wenn Visa für US-Geschäftsleute verwehrt wurden.

Nach dem Ausbruch des Aufstands im Vormonat dürfte sich Dschibril mit einiger Erleichterung auf die Seite der Regimegegner und Aufständischen geschlagen haben. Ihnen schwebt ein neues, weltoffenes und demokratisches Libyen vor. Bis dahin ist der Weg aber noch weit, wie die Rückschläge für die militärisch unerfahrenen Rebellenmilizen im Kampf gegen die Gaddafi-Truppen zeigen. (dpa)