Kultläden

Moderne Nähmaschinen in einem 400 Jahre alten Haus

Andrea Neubauer (r.) und ihre Schwester Gabriele Jaschinski führen das Nähmaschinenhaus.

Andrea Neubauer (r.) und ihre Schwester Gabriele Jaschinski führen das Nähmaschinenhaus.

Foto: Andreas Laible

Serie Kultläden, Teil 16: Sie haben ein spezielles Angebot, eine besondere Atmosphäre. Heute: Das Hamburger Nähmaschinen-Haus.

Hamburg.  Mit 60 Jahren wollte sie noch nicht in den Ruhestand und fing im Hamburger Nähmaschinen-Haus an: Marlies Schröer, inzwischen 84 Jahre alt, arbeitet noch immer zwei Tage in der Woche in dem traditionsreichen Fachgeschäft. Ihre Kleidung hat die gelernte Schneiderin selbst genäht. „So kann ich den Kunden gleich zeigen, was die Maschinen können, egal ob es um Stickereien auf ihrer Bluse oder spezielle Nähte geht“, erzählt Schröer.

Manche Nähmaschinen ähneln mit ihrem großen Display einem Computer. „Die Digitalisierung hat längst auch unsere Branche erfasst“, sagt Andrea Neubauer, die zusammen mit ihrer Schwester Gabriele Jaschinski das Geschäft in der Langen Reihe seit mehr als drei Jahrzehnten führt. Es ist ein alteingesessener Familienbetrieb, der in diesem Jahr sein 65. Jubiläum feiert. Zum Dank gibt es für die Kunden eine Rabattaktion.

Große Auswahl auf 150 Quadratmeter Fläche

Kult ist das Geschäft nicht nur wegen seiner Tradition. Denn die beiden Schwestern verkaufen die Nähmaschinen im ältesten Wohnhaus Hamburgs, einem beeindruckenden Fachwerkbau, der seit 1954 in Familienbesitz ist. Als die gebürtigen Hamburgerinnen nach dem Abitur in den 1980er-Jahren von München nach Hamburg zurückkehrten, war noch nicht klar, dass sie im Geschäft ihrer Tante so lange bleiben würden. „Wir waren jung, wir waren neugierig, aber irgendwie wussten wir am Anfang auch noch nicht genau, was uns erwartete“, sagt Gabriele Jaschinski, die ältere Schwester. Als sie in der Langen Reihe anfingen, wurden dort nicht nur Nähmaschinen, sondern auch Strickmaschinen verkauft, die aber wenig später kaum noch gefragt waren.

Doch bald waren die beiden Schwestern mit größeren Dingen beschäftigt als mit der Weiterentwicklung des Sortiments. Als das Fachwerkhaus 1987 renoviert werden sollte, wurden verborgene Schätze sichtbar. Nachdem die Deckenpaneele abgehängt wurden, waren außergewöhnliche über 350 Jahre alte Deckenmalereien und Stuckaturen sichtbar. „Die Phase nach der Entdeckung der Deckenmalereien wurde für uns die spannendste Zeit unseres Lebens.

Viel Liebe zum Detail

Denkmalschützer, Architekten sowie andere Fachleute untersuchten jeden Zentimeter des Gebäudes“, sagt Andrea Neubauer. Nach einer Analyse der Jahresringe in den Deckenbalken war schnell klar, das von einem wohlhabenden Kaufmann als Gartenhaus mit Alsterblick erbaute Gebäude stammt aus dem Jahr 1621. Damit ist das Bürgerhaus noch etwa 50 Jahre älter als die Krameramtswohnungen am Michel, das älteste erhaltene Gebäude-Ensemble der Stadt.

Mit der Entdeckung der historischen Bausubstanz und der anschließenden Rekonstruktion des inzwischen denkmalgeschützten Gebäudes waren die beiden Schwestern plötzlich mitten im Geschäft. „Mit viel Liebe zum Detail und mithilfe unseres engagierten Teams wurde das denkmalgeschützte Haus zu einem wahren Schatzkästchen und einem Eldorado für unsere nähbegeistern Kunden“, sagt Gabriele Jaschinski. Nach dem Umbau hatte der Laden deutlich mehr Verkaufs- und Schulungsfläche. Somit wurde auch Platz geschaffen, um besondere Veranstaltungen wie Stickpartys oder Hausmessen organisieren zu können.

Auch Stickmaschinen im Angebot

Auf 150 Quadratmeter Verkaufsfläche gibt es nicht nur die Nähmaschinen von allen führenden Herstellern wie Bernina, Pfaff oder Singer, sondern auch Stickmaschinen, Bügelgeräte und Kurzwaren bis hin zu Büchern über Nähtechniken. „Viele der Garne, die es hier gibt, finden Sie nicht mehr in einer Kurzwarenabteilung eines Warenhauses, da sie nur mit Beratung verkauft werden können“, sagt Gabriele Jaschinski. Noch rund ein halbes Dutzend Nähmaschinenfachgeschäfte gibt es in Hamburg.

Nur wenige haben sich dabei so auf den Endkunden konzentriert wie das Hamburger Nähmaschinenhaus. „Seit 1989 sind wir ständig gewachsen und die Mitarbeiterzahl hat sich auf 15 verdoppelt“, sagt Gabriele Jaschinski. „Unsere Mitarbeiter sind selbst alle nähbegeistert und freuen sich, ihre Erfahrungen mit unseren Kunden zu teilen.“

Das Unternehmen hat in den letzten Jahren vom Trend profitiert, dass wieder mehr genäht wird. „Es geht nicht nur um Kleidung, sondern auch um Taschen, Patchwork und Dekorationen, die selbst hergestellt werden“, sagt Gabriele Jaschinski. „Unsere Zielgruppe reicht von zehn bis 90 Jahre. Auch Männer gehören dazu, die von der Nähmaschinentechnik besonders fasziniert sind. Oft kaufen auch Paare zusammen eine Maschine.“

„Konzept beruht auf Beratung und Personal“

Die Billigprodukte, die von den Discountern regelmäßig angeboten werden, sehen die beiden Schwestern nicht als Konkurrenz. „Unser Konzept beruht auf Beratung und Personal“, sagt Gabriele Jaschinski. Ein wesentlicher Garant für den Erfolg ist auch die Lage des Fachgeschäftes. Als Eigentümerinnen drohen den Schwestern auch keine Mieterhöhungen, an denen viele alteingesessene Fachgeschäfte in der Hansestadt schon gescheitert sind.

Eine fabrikneue Maschine muss erst von schützendem Fett befreit werden. „Jede von uns verkaufte Nähmaschine wird gecheckt, eingenäht und geölt“, sagt Jaschinski. „Es gibt viele Kunden, die das wertschätzen.“ Das Unternehmen beschäftigt extra zwei Mechaniker.

Nähmaschinen sind ein Wunderwerk der Mechanik mit bis zu 5000 Bauteilen. Die modernen Maschinen können nicht nur nähen, sondern auch sticken. Wer aber funktionale Stoffe nähen möchte, benötigt eine Overlock-Maschine, die häufig mit zwei Nadeln arbeitet. Beim Overlock wird gleichzeitig mit der eigentlichen Naht noch an der Stoffkante verkettet. Es ist eine Maschine, die mit vier Fäden arbeitet und eher einer Registrierkasse als einer klassischen Nähmaschine ähnelt.

Nähkurs im Preis mit inbegriffen

Inzwischen haben es auch solche Maschinen in die Haushalte geschafft. „Wer professionell nähen will, braucht so etwas“, sagt Marlies Schröer. Selbstverständlich kann sie an ihrer Kleidung den Kunden Nähte mit einer Overlock-Maschine zeigen. Inzwischen haben diese Maschinen einen Anteil von rund einem Drittel am gesamten Verkauf. Vor fünf Jahren waren es erst 15 Prozent.

Zum Service des Nähmaschinen-Hauses gehören nicht nur bestens technisch präparierte Produkte, sondern auch ein Nähkurs zur neuen Maschine, der im Preis gleich inbegriffen ist. Der findet dann in der zweiten Etage unter der floralen Barockbemalung statt. Für die beiden Schwestern ist klar: „Für unsere Kunden sollte es keinen Grund geben, im Internet zu kaufen.“