Serie Kultläden

Bei George in Hoheluft: Wo Gitarren-Legenden Hilfe suchten

George Müller, Inhaber vom George Music-Shop am Montag (17.06.2019) Foto: Roland Magunia/Funke Foto Services

George Müller, Inhaber vom George Music-Shop am Montag (17.06.2019) Foto: Roland Magunia/Funke Foto Services

Foto: Roland Magunia / Roland Magunia/Funke Foto Services

Der George Music-Shop eröffnete, als in der Gärtnerstraße noch die Straßenbahn fuhr – und bietet bis heute Gitarren an.

Hamburg.  Der Feind hängt, wenn man so will, gleich am Eingang. „Kaufen auch Sie im Internet?“, steht auf dem Schild an der Glastür zum George Music-Shop an der Gärtnerstraße. Und darunter sind viele Fragen aufgelistet: Wie war der Service nach dem Kauf im Internet? Wie viele Steuern zahlt das Internet für Ihre Gemeinde/Stadt? Wie sieht Ihre Stadt aus, wenn es keine lokalen Geschäfte mehr gibt?

Es sind Fragen, die natürlich am Ende nur eine Antwort zulassen: Wenn du, passend zu deinem Geldbeutel, eine gute Gitarre kaufen, dazu eine fachmännische Beratung haben willst und das in einem Geschäft in deiner Nähe, das es auch in zehn Jahren noch gibt, dann hör auf damit, die Instrumente und die Mikros, die Verstärker und die Kabel, die Saiten und die Musikbücher im Internet zu bestellen. Dann kauf die Sachen hier bei George in Hoheluft!

George Müller sitzt auf einem Stuhl und klimpert auf einer Westerngitarre von Takamine rum. An den Wänden hängen rund 60 Gitarren, überall in den beiden Räumen stapelt sich weiteres musikalisches Equipment. Schellen, Rasseln, Mundharmonikas, Stimmgeräte, Gitarrenkoffer, Ukulelen. „Das mit dem Feind stimmt aber nur teilweise“, sagt George. „Das Netz ist Fluch und Segen zugleich.“ Schließlich könne man sich im Internet auch über die Artikel informieren, die es bei ihm im Laden gibt. Man bekomme auch Unterricht im weltweiten Datennetz und könne dort Musik hören, die man dann selbst spielen möchte.

Nicht mehr als 200 Euro für eine gute Gitarre

Als George Müller vor fast 50 Jahren, am 1. April 1971, den George Music-Shop eröffnete, war das Internet noch nicht einmal eine Vision. Durch die Gärtnerstraße fuhr die Straßenbahn. Die B 5 hatte Kopfsteinpflaster. Und George, damals 32 Jahre alt und Maschinenbau-Student, dachte sich, dass die Lage des Ladens hervorragend sei, „weil hier alle vorbeifahren, die von Nordfriesland nach Hamburg und Berlin wollen“. Sein Vater hätte es gerne gesehen, wenn der Junge Ingenieur geworden wäre. Aber George hatte schon damit angefangen, selbst Gitarren zu bauen. Er war als Junge „von sämtlichen Schulen in Barmbek“ geflogen: „Mich hat Schule nicht so interessiert.“ Auf der Handelsschule lernte er Einzelhandelskaufmann. Aber seine große Liebe galt den Gitarren. „Ich war selbst ein mittelmäßiger Spieler und dachte, es gibt so viele, die besser spielen können als ich. Also mach das, was du kannst.“

198 Mark Miete hat er gezahlt und sich mit dem Verkauf von Gitarren, Verstärkern und Schlagzeug selbstständig gemacht. Ein kleiner, feiner Laden für Menschen, die hier oft ihre erste Gitarre gekauft haben, weil George einfach alles über das Instrument wusste. Sein Credo lautet bis heute: „Eine gute Gitarre muss nicht teuer sein. Ein gutes Instrument gibt es schon für 200 Euro.“ Die Formel: Je teurer, desto besser, die sei nur was für Deppen, sagt er. George ist als Verkäufer immer geradeheraus, das mag für manche Kunden etwas gewöhnungsbedürftig sein. Nichts findet er schlimmer als diese typischen Verkäufersprüche.

"Ich will keinen Scheiß erzählen"

Er setzt auf Beratung und Gespräche. Auf großes Fachwissen und klare Ansprache. „Ich will für meine Kunden ein verlässlicher Partner sein, der ihnen keinen Scheiß erzählt.“ Er will vor allem niemandem etwas aufschwatzen und sagt: „Jeder muss sein ganz persönliches Instrument finden, das zu ihm passt.“ Dazu müsse man das Instrument, bevor man es kauft, in der Hand gehabt haben. Da liege ein Vergleich mit dem richtigen Instrument und dem richtigen Lebenspartner durchaus nahe, sagt er.

Dass es seinen Laden nun schon bald 50 Jahre gibt, kann der unkonventionelle Inhaber, der gerne auch barfuß durch die Räume schlurft, manchmal selbst kaum glauben. „Ich habe nie auf großem Fuß gelebt.“ Er habe den Laden über all die Jahre immer bewusst klein gehalten: „Je höher die Mauer, desto tiefer der Fall.“

George lebt auch davon, dass er Gitarren baut. Rund 150 sind es bisher wohl, die er selbst hergestellt hat. Seine erste Gitarre hat er 1967 gebaut. Sein Vater hatte das Werkzeug, George hat sich die Form einer Telecaster aufgemalt, hat die Ober- und Unterplatte mit einer Stichsäge aus Sperrholz gezimmert und die Zarge aus Dachlatten geschliffen. Die ersten Tonabnehmer hat er auf einem Plattenspieler fabriziert.

Musiker ließen sich von George beraten

Heute repariert er hauptsächlich bei ihm gekaufte Gitarren. Das ist auch das, was ihm immer noch am meisten Spaß bringt an diesem Job: „Wenn ich den Kunden helfen kann – und sie dann freudestrahlend aus dem Laden gehen.“ Was er allerdings vermehrt ablehnt, ist, wenn Leute mit Instrumenten in seinen Laden kommen, die sie im Internet gekauft haben: „George kannst du mir helfen, ich habe die Gitarre billig geschossen, aber die klingt nicht?“ George sagt dann: „So alt kann ich gar nicht werden, um diesen ganzen billigen Schrott zu reparieren.“ Sein Ruf als Saiten-Experte geht weit über Hamburg hinaus. Unzählige Musiker ließen sich von ihm beraten. Der irische Songwriter Rory Gallagher hat seine Fender, Martin, National Resonator und Mandoline hier warten lassen und von George neue Tonabnehmer und neue Bünde bekommen. George hat den Bass von Rock-Legende Jack Bruce repariert. Und der Sohn von Ritchie Blackmore (Gründungsmitglied von Deep Purple) hat bei ihm Gitarrenverkäufer gelernt.

Sein Motto lautet seit Jahren: „Immer schön auf dem Teppich bleiben.“ Bloß nicht hochnäsig werden. Die Gefahr besteht aber eigentlich nicht, denn die Gewinnspannen werden immer geringer. „Mein Stundenlohn liegt weit unter dem Mindestlohn.“ Deswegen könne er auch gar nicht in Rente gehen, sagt George Müller: „Warum auch? Der Job bringt mir so viel Spaß. Ich schiebe hier Dienst, bis ich umfalle.“