Serie

Ein Tante-Emma-Laden in Hamburg wie früher – fast

Gerda Hillmer (l.) und ihre Tochter und Geschäftsleiterin Susanne Wischhöfer stehen hinter dem Verkaufstresen des Kaufhauses Hillmer in Bergstedt.

Gerda Hillmer (l.) und ihre Tochter und Geschäftsleiterin Susanne Wischhöfer stehen hinter dem Verkaufstresen des Kaufhauses Hillmer in Bergstedt.

Foto: Andreas Laible

Vierter Teil: Kultläden bieten ein spezielles Angebot. Wir stellen die Inhaber und ihre Konzepte vor. Heute das Kaufhaus Hillmer.

Hamburg. Kolonial u. Fettwaren“ steht in weißen Buchstaben über dem Schaufenster. Fett, Reis, Zucker und Kaffee gibt es hier zwar schon lange nicht mehr zu kaufen, doch die Buchstaben sind geblieben, haben die Zeit überdauert. Es ist ein Geschäft wie aus der Zeit gefallen. Eine Reminiszenz an die Vergangenheit. Vor 90 Jahren wurde das Geschäft eröffnet. Vor der alten Eingangstür stapeln sich nostalgische Drahtkörbe mit Vogelfutter sowie Sandspielzeug. In den verschachtelten Gängen stehen nummerierte Regale mit Einmachgläsern, Blumensamen, Bohnerwachs, Oblaten, Mottenpapier, Wolle, Geschirr, Knöpfen und Nägeln. Die Drahtstifte, wie sie im Laden genannt werden, gibt es einzeln zu kaufen. Für einen Cent.

In einem leicht zerkratzten, gläsernen Verkaufstresen sind altmodische Hausstandsgeräte ausgestellt. Ein Butterrührgerät, eine Emailleflasche, ein Einwecktopf. Dahinter steht Susanne Wischhöfer (61) und sortiert Zeitungen. Als ein Kunde den Laden betritt, begrüßt sie ihn mit Namen und greift zu einer Tages- und zu einer Fernsehzeitung, die sie bereits für ihn zurückgelegt hat. Der alte Herr kommt jeden Tag, seit Jahren.

6000 verschiedene Artikel

Susanne Wischhöfer leitet das Geschäft am Volksdorfer Damm seit 1996, in dritter Generation. Sie ist die Enkeltochter der Gründerin Anna Hillmer, die den Laden für Kolonial- und Fettwaren 1929 eröffnete. „In den ersten Jahren gab es meist nur Lebensmittel zu kaufen – und zwar lose“, sagt Susanne Wischhöfer. Sie ist über dem Laden aufgewachsen, ihre Eltern Gerda und Rolf haben Anfang der 1960er-Jahre die Leitung übernommen – und den Betrieb auf Selbstbedienung umgestellt. „Am Anfang mussten wir den Kunden erst einmal zeigen, wie sie mit den Einkaufswagen durch das Geschäft gehen und sich bedienen können“, sagt Gerda Hillmer. Sie ist heute 85 Jahre alt und lebt immer noch in der Nähe. Daher guckt sie regelmäßig bei ihrer Tochter im Geschäft vorbei.

Während Susanne Wischhöfer eine Kundin bedient, die vier Einweckflaschen für Erdbeer-Himbeer-Likör benötigt, erzählt Gerda Hillmer, wie sich der Laden und sein Sortiment verändert haben. Anfang der 1980er-Jahre wurden die Lebensmittel aufgegeben. Mit wenigen Ausnahmen, wie einem Karton mit Gelierzucker, der auf dem Tresen steht. Der Grund: Genau gegenüber wurde ein Edeka-Markt eröffnet – von Andreas Hillmer, Gerdas Sohn und Bruder von Susanne. „Man kann also sagen, es ist in der Familie geblieben“, so Mutter und Tochter. Der Laden, den man abgesehen von der Selbstbedienung und den fehlenden Lebensmitteln wohl immer noch als Tante-Emma-Laden bezeichnen würde, ist für sie ein Kaleidoskop aus Erinnerungen. Wo heute der Durchbruch ist, war früher die Wohnstube, an der Stelle des einstigen Verkaufstresen steht heute ein Regal mit Vorratsdosen und Lampen­öl. In einem Eimer auf dem Boden stapeln sich Mäusefallen.

Viele Stammkunden

Susanne Wischhöfer, die eine Ausbildung zur Groß- und Außenhandelskauffrau machte, hat die Veränderung des Sortiments mitgeprägt, vorangetrieben, permanent erweitert. Im Kaufhaus Hillmer, einem der wohl ältesten und mit 63 Quadratmetern wohl kleinsten Kaufhäuser Hamburgs, gibt es nach Schätzungen der Chefin an die 6000 verschiedene Artikel. Vom Kochlöffel über das Passiersieb und die Stecknadel bis hin zu Holzspielzeug und Keksausstechern. Sogar ein paar alte „Harry Potter“-Bücher stehen in einem Regal, neben großen Wäschekörben aus Korbgeflecht. „Wenn wir etwas nicht haben, versuchen wir es für die Kunden aufzutreiben“, sagt Susanne Wischhöfer, die gerade auf der Suche nach Eierlöffeln in Perlmutt-Optik ist. Ein schwieriges Unterfangen! Doch wenn es um ihre Kunden geht, gibt sie nicht auf.

Sie hat viele Stammkunden. Alte, die sie schon als kleines Kind kannten, aber auch viele junge. Mütter aus dem Stadtteil, die Essen einkochen wollen und sich bei ihr mit Einkochgläsern und Flaschen versorgen – und mit Rezepten und guten Tipps. Denn die gibt es bei jedem Einkauf dazu, gratis, versteht sich.

Die Kunden sind ihr ans Herz gewachsen. Wo bei anderen die Geschäftsbeziehung aufhört, fängt bei ihr die persönliche Bindung an. Sie erkundigt sich nach dem Gesundheitszustand, lässt Familienangehörige grüßen. Manche Kunden kommen jeden Tag zu ihr. Und wenn sie einmal nicht kommen, dann weiß sie meistens, dass etwas passiert sein könnte. So wie bei jenem alten Herrn, der jeden Morgen zur gleichen Zeit kam – und eines Tages fernblieb. Susanne Wischhöfer überlegte nicht lange. Sie schloss den Laden, lief zu dem Herrn nach Hause – und sah ihn durch das Fenster seines Hauses auf dem Boden liegen. Sie rief 112 – und rettete ihm vermutlich das Leben.

Sie kennt die Kunden beim Namen

Sie kennt nahezu jeden Kunden beim Namen, kennt die Vorlieben, Interessen, Adressen. Früher, als sie noch klein war, haben die Kunden ihre Bestellungen in ein Oktavheft geschrieben, das Susanne Wischhöfer und ihr Bruder dann bei den Leuten zu Hause abgeholt haben. Im Laden wurden die Waren gepackt – in jene Drahtkörbe, die heute noch vor der Tür stehen – und den Kunden nach Hause geliefert. Ihr Vater ist inzwischen verstorben, doch seine Tochter führt den Laden weiter, führt sein Erbe weiter. „Die Kunden waren froh, dass es weiterging“, sagt die Chefin. Sie hat selbst einen Sohn, Ole, 19 Jahre alt.

Zweimal in der Woche hilft er im Laden, doch übernehmen will er das Geschäft nicht. „Es ist, wie es ist“, sagt Susanne Wischhöfer und zuckt mit den Achseln. Sie hätte sich das als junge Frau auch nicht vorstellen können, heute ist sie froh, dass es so gekommen ist. Auch wenn es manchmal hart war. Es gab da diese Zeit, als sich die Kunden im Laden haben beraten lassen – und die Ware im Internet bestellten. Ist zum Glück vorbei, gibt es nur noch selten. Das Telefon klingelt, ein Kunde fragt nach Läusespray für Rosen. Hat sie da, natürlich, legt sie zurück, bis morgen. „Gerne! Auf Wiederhören.“