Jahresrückblick

Gemischtes Doppel: Wie sich Hamburgs Beste durchschlugen

Wenn man vor lauter Erfolg schon doppelt sieht: Laura Ludwig und Kira Walkenhorst sowie Alexander und Mischa Zverev

Wenn man vor lauter Erfolg schon doppelt sieht: Laura Ludwig und Kira Walkenhorst sowie Alexander und Mischa Zverev

Foto: Imago/PanoramiC, picture alliance; Montage: HA

Laura Ludwig/Kira Walkenhorst und Alexander und Mischa Zverev haben das Sportjahr geprägt – und große Widerstände überwunden.

Hamburg. Die einen sind Geschwister, gehen aber sportlich jeder seinen eigenen Weg. Die anderen haben wenig gemeinsam – und harmonieren auf dem Platz trotzdem perfekt miteinander. Oder gerade deswegen?

Die HSV-Beachvolleyballerinnen Laura Ludwig und Kira Walkenhorst haben einem fantastischen Jahr 2016 ein vielleicht noch bemerkenswerteres folgen lassen. Die Hamburger Tennisbrüder Zverev können sogar auf die erfolgreichste Saison einer Karriere zurückblicken, die sich bei Mischa dem Ende zuneigt und bei Alexander gerade erst so richtig begonnen hat. Ludwig/Walkenhorst und die Zverevs – zwei Hamburger Sportduos haben 2017 ganz groß aufgeschlagen.

Vom Krankenbett auf den WM-Thron

Der Jahresabschluss war für Ludwig (31) und Walkenhorst (27) noch einmal schweißtreibend. Am 13. Dezember wurde das HSV-Duo bei der Hamburger Sportgala in der Volksbank-Arena wie im Vorjahr zur Mannschaft des Jahres gekürt. Vier Tage später dann wiederholten Hamburgs Golden Girls in Baden-Baden auch bei der nationalen Wahl ihren Vorjahreserfolg – diesmal ein bisschen überraschend, aber nicht weniger verdient.

Und dann verkündete Laura Ludwig noch kurz vor Jahresende 2017, dass sie schwanger ist und im Sommer ihr erstes Kind erwartet!

War der Olympiasieg von Rio 2016 der Gipfel am Ende eines kontinuierlichen Aufstiegs, kam der WM-Triumph von Wien angesichts einer langen Verletzungspause wie aus dem Nichts. Noch im Dezember vergangenen Jahres war Ludwig, die Weltklasse-Abwehrspielerin, an der Schulter operiert worden, erst ein halbes Jahr später konnte sie wieder voll gegen den Ball schlagen. Dann aber zog sich Walkenhorst, die Block-Königin, eine bakterielle Infektion zu, die sich auf die Schulter legte.

Vom Krankenbett auf den WM-Thron – das konnte eigentlich nicht gut gehen. Ging es aber. Im Finale setzten sich Ludwig/Walkenhorst 2:1 gegen die US-Amerikanerinnen April Ross und Lauren Fendrick durch und gewannen damit als erstes deutsches Damenteam Gold bei einer Weltmeisterschaft. Historisch auch: Das HSV-Traumduo war nun gleichzeitig Olympiasieger, Welt-, Europa- und deutscher Meister.

EM-Titel blieb im Verein

Allerdings nur zwei Wochen lang. Ihren EM-Sieg konnten Ludwig/Walkenhorst dann nämlich nicht wiederholen. Ihnen blieb der Trost, an zwei Vereinskolleginnen gescheitert zu sein: Nadja Glenzke und Julia Großner gewannen im Viertelfinale das HSV-interne Duell und triumphierten später auch sensationell im Finale.

Triumph am Rothenbaum

Auch die vierte deutsche Meisterschaft blieb Ludwig/Walkenhorst verwehrt. Aber wie sollte das auch gehen, nur wenige Tage nach den tollen und kraftraubenden Tagen von Hamburg. Beim Major-Turnier am Rothenbaum wiederholten Ludwig/Walkenhorst ihren Vorjahrestriumph, unter dem Jubel von 10.000 Fans im Tennisstadion und weiteren 8000, die draußen vor zwei Videowänden mitfieberten. Was für ein grandioses Welttour-Finale!

Und so konnte Walkenhorst Tage eine Woche später in Timmendorfer Strand trotz des DM-Aus im Viertelfinale begeistert Bilanz ziehen: „Es war die schwerste Saison. Dass es so geil gelaufen ist, ist einfach nur schön.“

Walkenhorst heiratet – und fällt lange aus

Sie selbst hat in diesem Jahr auch privat ihr Glück gefunden. Ende Oktober heiratete Walkenhorst in Timmendorfer Strand ihre langjährige Freundin, die Olympiastützpunkt-Trainerin Maria Kleefisch (33) – nur wenige Wochen nachdem die Ehe für alle in Deutschland offiziell eingeführt wurde.

Die Frischvermählten haben derzeit mehr Zeit füreinander, als es wohl Walkenhorst lieb wäre. Anfang des Monats wurde sie an der Hüfte operiert, die Krücken wird sie erst im Januar ablegen können. Bei günstigem Heilungsverlauf könnte Kira Walkenhorst im August bei ihrem Heimturnier am Rothenbaum, das erneut den Zuschlag als Finale der Welttour erhielt, wieder aufschlagen – dann allerdings mit einer anderen Partnerin.

Ludwig ist schwanger und verpasst Saison

Denn Laura Ludwig wird die gesamte Saison 2018 verpassen. Sie ist schwanger und erwartet für Juni ihr erstes Kind. Vater des Kindes ist Ludwigs langjähriger Freund Imornefe Bowes (41), der seit einem Jahr als Bundestrainer in Hamburg arbeitet.

2019 will das HSV-Traumpaar dann seine Wiedervereinigung feiern. Einen großen Titel gibt es ohnehin erst dann wieder zu gewinnen – womöglich vor der eigenen Haustür. Der Deutsche Volleyball-Verband bewirbt sich mit Hamburg um die Ausrichtung der nächsten WM. Als möglicher Standort ist neben dem Rothenbaum auch der Hafen im Gespräch.

Kleiner Zverev ärgert erstmals die Großen

Die Wachablösung im Herrentennis musste noch einmal warten. Rafael Nadal und Roger Federer haben das Jahr 2017 dominiert wie in besten Zeiten und teilten die Grand-Slam-Turniere unter sich auf: Der Schweizer Federer gewann die Australian Open und Wimbledon, der Spanier Nadal die French und die US Open.

Dem kleinen Zverev, Alexander (20), hatte man zugetraut, die Dominanz der Großen seiner Zunft zu durchbrechen – spätestens nach seinen Masters-Siegen in Rom und Montreal, als er sich im Finale gegen Novak Djokovic und sein Idol Roger Federer durchsetzte. Aber die Achtelfinalteilnahme in Wimbledon blieb noch sein bestes Ergebnis bei einem Topturnier. Ist die ganz große Bühne etwa noch zu groß für den kleinen Zverev?

Mischa Zverev besiegt Murray in Melbourne

Der große Bruder war zumindest in dieser Kategorie erfolgreicher. Im reifen Alter von 29 Jahren erreichte Mischa Zverev bei den Australian Open den größten Erfolg seiner Karriere, als er sich erst im Viertelfinale dem späteren Sieger Federer geschlagen geben musste. In der Runde zuvor hatte er Andy Murray bezwungen – es war der erste Sieg eines Deutschen gegen einen Weltranglistenersten bei einem Grand-Slam-Turnier seit dem von Boris Becker 1995 gegen Andre Agassi in Wimbledon. Und bei den US Open stieß er immerhin noch einmal ins Achtelfinale vor.

Fast hätte es für Mischa Zverev 2017 sogar noch zum ersten Turniersieg auf der ATP-Tour gereicht, in Genf bei seiner erst zweiten Finalteilnahme verhinderte dies der Schweizer Lokalmatador Stan Wawrinka. Einen Titel hat er auch gewonnen: beim Hallenturnier in Montpellier im Februar – im Doppel. Zverevs Partner: der kleine Bruder “Sascha“.

Alexander Zverev dringt unter die besten drei vor

Für den war dies erst der Anfang eines großen Jahrs. In der Weltrangliste schlug sich Alexander Zverev vom 20. Platz im Vorjahr zwischenzeitlich bis auf den dritten Rang nach vorn. So gut war seit Tommy Haas 2002 kein Deutscher mehr platziert. Neben den Turnieren in Rom und Montreal gewann er auch in Montpellier im Einzel wie eben im Doppel, in München und in Washington. Nur Federer (sieben) und Nadal (sechs) stemmten mehr Siegerpokale in die Höhe. Und zum Jahresabschluss durfte Alexander Zverev als erster Deutscher seit 14 Jahren bei der ATP-WM teilnehmen.

Das alles hätte allemal gerechtfertigt, ihm am Ende auch den Titel Deutschlands Sportler des Jahres zu verleihen. Trotzdem verpasste Alexander Zverev bei der Kür in Baden-Baden als Vierter das Podest. Weil Deutschland kein Tennisland mehr ist, wie es zu Zeiten von Boris Becker, Michael Stich und Steffi Graf eines war? Möglich. Deutschland ist allerdings auch kein Beachvolleyball-Land, die Sportart ist öffentlich kaum wahrnehmbar.

Wird Zverev nicht geliebt?

Vielleicht ist Alexander Zverev auch nicht der Richtige, um aus Deutschland wieder ein Tennisland zu machen. Bei allem Können: Er ist keiner, dem die Herzen zufliegen, jedenfalls nicht im eigenen Land. Und daran ist er auch ein bisschen selbst schuld.

Da war seine und seines Bruders Weigerung, im September dem deutschen Daviscupteam beim Relegationsspiel in Portugal zum Klassenerhalt in der Weltgruppe zu verhelfen. Da war der Streit mit Rothenbaum-Chef Michael Stich, dem Zverev einst als Gegenleistung für eine Wildcard zugesagt hatte, bis 2018 bei seinem Heimturnier zu starten – woran er sich plötzlich nicht mehr erinnern konnte. Ohnehin verschlägt es ihn kaum noch in seine Heimatstadt: Seinen Wohnsitz hat Zverev ins Steuerparadies Monaco verlegt, trainiert wird vornehmlich im sonnigen Florida.

Zverev Schläger-Wurf ab 5:21 min

Da waren die vielen unschuldigen Schläger, die er vor Wut zertrümmerte. Da war die Pöbelei beim Masters-Turnier in Paris, als der Stuhlschiedsrichter Zverev aufforderte, die Uhr seines Sponsors von der Spielerbank zu entfernen. Glücklicherweise nahm es der Unparteiische mit Humor als ihm der Hamburger im Anschluss im Vorbeigehen den Schnürsenkel öffnete.

Aber vergessen wir nicht: Alexander Zverev ist erst 20 Jahre alt, einiges will er dereinst womöglich selbst als Jugendsünde verstanden wissen. Er wird von seinen Landsleuten vielleicht nicht geliebt wie einst Boris Becker, aber der Erfolg gibt ihm recht. „Er wird uns noch viel Freude bereiten“, sagte Boris Becker jüngst bei einem Medientermin des DTB in Hamburg, „aber wir müssen ihm auch Zeit geben.“ Es sei schon schwierig gewesen, auf Position vier der Welt zu kommen. „Von vier auf eins wird noch schwieriger.“

2018 könnte dann wirklich das Jahr des Alexander Zverev werden. Und Mischa? Er hat nicht das Talent seines kleinen Bruders. Aber das hat auch Vorteile: Keiner erwartet von ihm Wunderdinge. Umso besser, wenn ihm trotzdem welche gelingen.

Jahresrückblick: 2017 in zwei Minuten
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