Beachvolleyball-WM

Der harte Weg zum zweiten Gold für Ludwig/Walkenhorst

WM-Gold in Wien: Den beiden Hamburgerinnen  Laura Ludwig (r.) und Kira Walkenhorst gewann das Sommermärchen im Beachvolleyball 

WM-Gold in Wien: Den beiden Hamburgerinnen Laura Ludwig (r.) und Kira Walkenhorst gewann das Sommermärchen im Beachvolleyball 

Foto: ddp images/Sport Moments

Das HSV-Duo gewinnt als erstes deutsches Damenteam den Weltmeistertitel. Hamburg will die WM 2019 austragen.

Wien.  Die Feier mit Familie und Freunden in dem kleinen Weinlokal Distl in Perchtoldsdorf unweit von Wien inklusive Schnitzel und Kartoffelsalat dauerte bis weit nach Mitternacht. Niemand hätte es Laura Ludwig wohl übel genommen, wenn sie am Sonntag im Bett geblieben wäre. Tags zuvor hatte die Wahlhamburgerin schließlich Großartiges geleistet und mit Kira Walkenhorst (Essen) als erstes deutsches Damenteam Gold bei einer Weltmeisterschaft gewonnen und damit auch den HSV in Feierlaune versetzt. Schließlich startet das Duo seit 2013 für den Verein. „World Champion – yeah“, brüllte Ludwig nach dem Triumph ins Mikrofon.

Wenige Stunden später stand Ludwig trotzdem wieder auf dem Center- Court. Es galt schließlich Wettschulden einzulösen. Mit WM-Veranstalter Hannes Jagerhofer hatte die 31-Jährige 2016 in Rio de Janeiro verabredet, dass sie vor den Medaillenspielen der Männer auf der Tribüne tanzt, wenn sie Olympiagold holt. Ludwig stand zu ihrem Wort. „Sie ist sich nicht zu schade dafür“, brüllte dieses Mal der Stadionsprecher.

Schwierige Zeiten für den Trainer

Dass sich die Europameisterinnen und Olympiasiegerinnen nun auch den Weltmeistertitel sicherten, klingt wie eine plausible Gleichung. Wie hart und schwierig der Weg zum zweiten Gold nach Olympia wirklich war, verdeutlichte ein Satz von Trainer Jürgen Wagner: „Es waren die schwierigsten zehn Tage, die ich als Trainer erlebt habe.“

Die Leidenszeit begann im Dezember. Erst wurden die Beachvolleyballerinnen bei der Hamburger Sportgala zu den Sportlerinnen der Stadt gekürt. Kurz darauf wählten sie die Sportjournalisten zu Deutschlands Mannschaft des Jahres. Doch als Ludwig die letzte Ehrung entgegennahm, lag ihr rechter Arm nach einer Schulteroperation in einer schützenden Manschette. Sie strahlte vor Glück und wusste doch: Gerade in ihrem Sport würde sie bei dieser Verletzung Geduld beweisen müssen, um ihr Niveau wieder erreichen zu können. Monatelang würden weder gemeinsames Training noch Wettkämpfe möglich sein.

Der Kampf um das Comeback schien zu gelingen, auch wenn das HSV-Duo in dieser Saison nur fünf Turniere zusammen spielen konnte. Doch dann zog sich Walkenhorst im Juni einen Infekt zu, der sich in Form einer Entzündung auf ihre Schlagschulter auswirkte. Drei Wochen vor dem Beginn der Weltmeisterschaft mussten sie ein Major-Turnier der Weltserie absagen. Ob Walkenhorst rechtzeitig zur WM fit sein würde, stand zu dem Zeitpunkt noch stark infrage.

Ein Großteil der Zuschauer feuerte das deutsche Team an

Auf der Wiener Donauinsel mussten Ludwig/Walkenhorst ans Limit gehen – und darüber hinaus. Während des Halbfinalspiels gegen die als Titelfavoritinnen gehandelten Brasilianerinnen Larissa Franca und Talita Antunes zeigte das Thermometer in der prallen Sonne im Sand des Center-Courts 52 Grad an. Während jeder Unterbrechung musste die angeschlagene rechte Schulter am Schlagarm von Walkenhorst gekühlt werden. „Ein Spiel geht aber noch“, sagte sie nach dem Einzug ins Finale.

Das Finale gegen die US-Amerikanerinnen April Ross und Lauren Fendrick war dann der Krimi, auf den das Team hingearbeitet hatte: „Im ersten Satz (19:21, d. Red.) haben wir uns noch in die Hosen gemacht“, sagte Ludwig. Die deutschen Nationalspielerinnen hatten erhebliche Probleme mit den Aufschlägen der Amerikanerinnen. „Sie haben nicht frei gespielt“, sagte Wagner. „Aber letztlich hat unsere größere Qualität in allen Elementen den Ausschlag gegeben.“ Ludwig formulierte es anders: „Wir haben uns gesagt: Scheiß drauf jetzt. Wir sind im Finale, jetzt legen wir mal richtig los.“

Kommentar: Das vorbildhafte Modell Ludwig/Walkenhorst

Im zweiten Satz (21:13) lief dann alles zusammen, und kurz vor Beginn des entscheidenden Durchgangs verkündete der Stadionsprecher, dass das Gelände geschlossen würde. 25.700 Besucher befanden sich in dem extra für die WM errichteten Beach Village auf der Donauinsel. Mehr passten nicht rein. 10.000 davon feuerten die Spielerinnen von der Tribüne aus an, der Großteil stand hinter den deutschen Athletinnen. „Das war unglaublich, das Publikum war unser dritter Mann auf dem Feld“, sagte Ludwig nach dem 15:9 im dritten Satz. Als bei der Siegerehrung die Nationalhymne erklang, hatte Ludwig mit den Tränen zu kämpfen. „Da gingen mir die letzten Monate durch den Kopf“, sagte sie.

Kindliche Freude erhalten

Die Ehrensammlung des Teams ist beeindruckend: drei Deutsche Meisterschaften, zwei Europameisterschaften, acht Titel auf der Weltserie, Olympiagold und nun auch WM-Gold. „Es sind die zwei besten Beachvolleyballerinnen der Welt und die zwei Sportlerinnen, die mir in meiner Karriere am nächsten stehen“, sagte Trainer Wagner in seiner emotionalen Rede bei der WM-Feier.

In Wien spielte Ludwig ihre sechste WM. Im Erwachsenenbereich hat sie es nie zuvor ins Halbfinale geschafft. Mit Walkenhorst schied sie vor zwei Jahren in der ersten K.-o.-Runde aus. Nun hat das Duo auch noch den letzten fehlenden Titel geholt. Verändern wird sie das aber nicht, sagen beide. Ihre kindliche Freude über einen Sieg ist immer wieder neu und authentisch. Die vielen Rückschläge, die sie in den vergangenen Jahren hinnehmen mussten, helfen dabei, nichts als selbstverständlich zu nehmen. Und auch Wagner sagte: „Sie haben es extrem gut hinbekommen, weiter natürlich und entspannt zu sein. Von Überheblichkeit und Arroganz hat es nicht einmal einen Ansatz gegeben.“

Bonus für die Betreuer

Entbehrungen und viel harte Arbeit stecken in diesem Titel – und echte Teamarbeit. Wer ihre ersten Partien bei dieser WM gesehen hat, dem fiel es schwer zu glauben, dass sie am Ende die sein sollten, die ganz oben auf dem Podest stehen. Doch zu diesem Zeitpunkt brauchten Ludwig/Walkenhorst ihre Höchstform noch nicht, erklärte Trainer Wagner: „In der Regel schafft es keiner, zehn Tage auf Topniveau zu spielen“, sagte er. Mit Krafteinheiten stellte er sein Team so ein, dass der Höhepunkt der Leistungsfähigkeit erst später im Wettbewerb erreicht wurde.

Walkenhorst stellte auch den Verdienst von Jochen Dirksmeyer heraus. Mit Tape-Verbänden und Kühlpacks hielt der Physiotherapeut die Körper der Athletinnen bei der WM zusammen. Gleichermaßen hob sie Teamarzt Michael Tank hervor. „Beide haben sehr hart zusammengearbeitet in den vergangenen Monaten. Genauso spielt herein, was Anett Szigeti mental mit uns gemacht hat, wie Jürgen Wagner und Helke Claasen uns gesteuert haben.“

Wenig überraschend kommt deshalb die Ankündigung von Ludwig bezüglich der 60.000 Dollar Preisgeld: „Wir müssen mal überlegen, welchen Bonus wir unserem Betreuerteam zukommen lassen.“

Hamburg-Match im August

Um insgesamt 800.000 Dollar Preisgeld geht es vom 22. bis 27. August am Rothenbaum, wenn beim Finale der FIVB World Tour die zwölf besten Teams der Welt um den Titel kämpfen. In zwei Jahren könnten Ludwig/Walkenhorst dann, wenn alles gut läuft, ihren WM-Titel in Hamburg verteidigen. Hannes Jagerhofer bestätigte am Sonntag das Interesse der Stadt an der Austragung der Titelkämpfe 2019. Als WM-Spielstätte hält Jagerhofer allerdings das Tennisstadion für wenig geeignet. „Wir brauchen mehr Platz, am liebsten möchte ich mit diesem Turnier am Wasser sein“, sagte der Cheforganisator. Eine andere deutsche Stadt als Hamburg käme für ihn nicht infrage.

Fix gebucht in der Hansestadt ist die nächste große Sause. „Unglaublich, was Laura und Kira vollbracht haben“, sagte HSV-Präsident Jens Meier und lud das Duo zu einer Ehrung im Volksparkstadion ein. Spätestens dann darf wieder laut vor Freude gebrüllt werden.

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