Vom Pastor zum Bundespräsidenten

Gauck will der reisende Politiklehrer bleiben

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Christoph Rybarczyk

Die Erwartungen an ihn sind hoch. "Das Wichtigste ist doch, dass die Menschen wieder lernen, dass sie in einem guten Land leben", sagt Gauck.

Hamburg/Berlin. Er hat eine Gabe, sagt der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) über Joachim Gauck. Und wie das mit den Gaben so ist, kann man sie schlecht erklären. In ihrem natürlichen Talent ähneln sich wenige öffentliche Personen in Deutschland so wie Kretschmann, 63, und Gauck, 72. Beide spät berufen, liberal und konservativ, alles andere als biegsam. Während die überwältigende Mehrheit des politischen Deutschland das parteiübergreifende Votum für Gauck als künftigen Bundespräsidenten übermütig beklatscht, packt Kretschmann sein Lob in eine mehrdeutige Formulierung. "Gauck hat die Gabe, Menschen Orientierung zu geben." Das heißt nicht in erster Linie, den Bürgern oder ihren Gewählten nach dem Munde zu reden.

Grüne und SPD hatten Gauck bereits im Sommer 2010 als Gegenkandidaten von Christian Wulff in Stellung gebracht, um Kanzlerin Angela Merkel an der Achillesferse zu treffen. Denn auch sie schätzt ihn als "Bürgerrechtler, politischen Aufklärer und Freiheitsdenker", wie sie zu Gaucks 70. Geburtstag sagte. SPD-Chef Sigmar Gabriel verstieg sich jetzt zu dem Satz, Gauck sei die große Chance für einen Neuanfang: "Er hat einen eigenen Kopf."

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Diese Erkenntnis wird den Gauck-Promotern noch vor die Füße fallen. "Ich bin fest davon überzeugt, dass Joachim Gauck die Politik und die Deutschen überraschen wird", sagte Gauck-Biograf Norbert Robers dem Abendblatt. "Keine Partei wird ihn vereinnahmen können. Er muss sich nicht beweisen, braucht nicht den Zampano zu machen. Gauck wird sich die Freiheit nehmen, das zu sagen, was er denkt." Wer durch die Mühlen einer Diktatur gegangen ist, der wird seine Ansichten nicht hinter diplomatischen Wortschrauben verstecken.

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Kostproben: Proteste gegen Banken, die Occupy-Bewegung? "Das wird schnell verebben", so Gauck. Aber die neue Widerstandskultur der Bürgerlichen, das Aufbäumen gegen Stuttgart 21? Das flamme auf, "wenn es um den eigenen Vorgarten geht". Den Deutschen gehe es gut, sie jammerten auf hohem Niveau und neigten zu Hysterie und Angst. Gesagt bei einer Veranstaltung der "Zeit" in den Hamburger Kammerspielen im Oktober 2011.

Und dem wegen seiner Thesen zur Integration fast aus der SPD ausgeschlossenen Thilo Sarrazin bescheinigte er Mut für sein Buch "Deutschland schafft sich ab". Gauck machte sich Sarrazins Thesen nicht zu eigen, aber: "Er hat über ein Problem, das in der Gesellschaft besteht, offener gesprochen als die Politik." Ist das der "Glanz der Demokratie", den sich die Spitzen-Grüne Claudia Roth jetzt von Gauck erhofft? Der "authentische Bürger", den ihr Kollege Cem Özdemir beschwört?

Der Linken-Vorsitzende Klaus Ernst sagte dem Abendblatt: "Joachim Gauck ist kein Konsenskandidat. Ich habe sogar Zweifel an einer geschlossenen Unterstützung bei Union, SPD und Grünen." Die Linken überlegen, einen eigenen Kandidaten gegen Gauck aufzustellen. Ernsts Begründung: "Die Hälfte der Bürger will Gauck nicht."

Murren gibt es beim Erwerbslosen Forum Deutschland. Es gebe Zweifel, ob Gauck das Thema soziale Gerechtigkeit überhaupt ernst nehme, sagte Martin Behrsing, Sprecher des Erwerbslosen Forums. "Wer Menschen, die bereits 2004 gegen die geplante Hartz-IV-Gesetzgebung demonstrierten, als töricht und geschichtsvergessen bezeichnet, muss sich fragen lassen, ob er wirklich ein Bundespräsident für alle werden kann." Das will Gauck sicherlich. Er hat über die "Abgehängten der Gesellschaft" gesprochen, die man wieder einfangen müsse.

Auch die Verbände der Muslime haben große Erwartungen an Gauck, wie sie am Montag sagten. Er solle wie Christian Wulff bekunden, dass der Islam zu Deutschland gehöre. Ob Gauck diese Worte wählt, bleibt abzuwarten. Auch die früheren DDR-Bürgerrechtler wie Rainer Eppelmann setzen große Erwartungen in Gauck.

Doch allen Ansprüchen entgegnete Gauck bereits an der Seite aller Parteichefs im Bundeskanzleramt: "Das Wichtigste ist doch, dass die Menschen wieder lernen, dass sie in einem guten Land leben." Vom Pastor in Rente zum Bundespräsidenten? Berührt und verwirrt, sei er, sagte Gauck. "Er war aber nicht überrumpelt", übersetzt sein Biograf Robers. "Er wusste doch in der Wulff-Affäre, was auf ihn zukommen kann." Gauck sagte, er werde künftig das tun, was er bislang auch tat. "Meine Tätigkeit als reisender Politiklehrer wird sich nicht grundlegend ändern."

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