Forsa-Umfrage zu Wahlen

Vision Grün-Rot: Grüne in Berlin stärkste Partei

Die Grünen werden in Umfragen immer stärker. In Berlin könnten sie den ersten grünen Regierungschef stellen - und nicht nur dort.

Berlin/Hamburg. Eines steht schon fest: Klaus Wowereit nimmt den Zweikampf auf. "Ich würde mich freuen, wenn Renate Künast für die Grünen antritt", sagte Berlins Regierender Bürgermeister vor Kurzem. Damals lag seine SPD in den Wahlumfragen noch gleichauf mit den Grünen. Jetzt, ein Jahr vor der Wahl in Berlin, sieht eine Umfrage die Grünen erstmals als stärkste Kraft in der Hauptstadt. Sie liegen bei 27 Prozent und überflügeln damit die SPD, die leicht verliert und 26 Prozent erzielt, wie eine Befragung des Instituts Forsa im Auftrag der "Berliner Zeitung" ergab. Bliebe es bis zum September 2011 so, könnte Renate Künast die erste grüne Regierungschefin eines Landes werden - 26 Jahre nach dem ersten grünen Turnschuhminister Joschka Fischer in Hessen.

In Hamburg , Bremen, Nordrhein-Westfalen und im Saarland sind die Grünen derzeit an der Macht - als Juniorpartner von Union oder SPD. Doch nicht nur in Berlin gibt es die Chance, dass ein Grüner Regierungschef eines Bundeslandes wird. In Schleswig-Holstein liegt die Partei fast gleichauf mit der SPD. Und sogar in der CDU-Hochburg Baden-Württemberg sind die Grünen stark wie nie.

Am stärksten aber lebt die grün-rote Regierungsvision in Berlin. In Stadtteilen wie Mitte, Kreuzberg und Friedrichshain, dort wo Kreative und Zugezogene wohnen, sind die Grünen längst Volkspartei. Sie wachsen aber auch in bürgerlichen Stadtteilen wie Charlottenburg, Pankow und Zehlendorf. Denn aus früheren Hausbesetzern sind nicht selten Architekten geworden. Aus Studenten längst Ärzte.

Berlin ist die grüne Lunge Deutschlands. Sie atmet derzeit tief ein - vor allem auch weil SPD und Union kräftig husten. "Die Grünen genießen einen Vertrauensbonus", sagt der Parteienforscher und Emnid-Chef Klaus-Peter Schöppner dem Hamburger Abendblatt. "Während die anderen Parteien oft durch Streitereien negativ auffallen, gelten die Grünen mehr auf politische Inhalte zentriert." Zudem seien sie längst keine "One-Issue-Partei", die nur auf Umweltschutz setze. "Auch bei Finanz- und Bildungspolitik gilt sie als kompetent", sagt Schöppner. Und je länger die Debatte um das Duell zwischen Wowereit und Künast andauert, desto besser werden die Werte der grünen Fraktionschefin. Doch die Partei will erst zum Jahresende entscheiden, wen sie in Berlin aufstellt.

ROT-GRÜN MIT ABSOLUTER MEHRHEIT

In Schleswig-Holstein versteht sich Robert Habeck längst als Oppositionsführer. "Mir reicht es nicht, wenn wir nur die Öko-Zugabe sind", sagte der Grünen-Fraktionschef in Kiel kürzlich - und spielt damit auf ein schwarz-grünes Bündnis an. Für ihn ist es eine Option. Doch von "Juniorpartner" spricht bei Schleswig-Holsteins Grünen kaum einer. Habeck steht wie kaum ein anderer für die jüngste Verwandlung der Grünen in eine Partei der Mitte. Längst vertraut der 40-Jährige nicht mehr nur auf die Wähler in den Städten. Auch mit den Bauern redet Habeck. "Heimat" machte er zum Thema seiner Sommerreise. "Patriotismus" heißt sein neues Buch. Ein Wort, das bisher den Konservativen gehörte, will er neu definieren. Und dabei links bleiben. Vielleicht ist es gerade das, was Habeck sowohl für die SPD als auch für die Union gefährlich werden lässt.

Und weil das Landesverfassungsgericht die Wahl 2009 als nicht rechtens eingestuft hat, muss es bis September 2012 Neuwahlen in Schleswig-Holstein geben. Derzeit landen die Grünen in Umfragen mit 20 Prozent nur knapp hinter der SPD. 2009 erzielten sie gerade zwölf Prozent. Hält der Trend an, könnten sie mit der SPD das schwarz-gelbe Bündnis ablösen. Und Habeck würde womöglich Ministerpräsident. Er selbst hält sich zurück. "Selbstüberschätzung ist eine politische Untugend. Ich werde mir keine Westerwelle-18 unter die Sohle malen", sagte er dem Abendblatt. Und auch aus der Bundespartei kommen bescheidene Töne zu den jüngsten Umfragehochs in den Ländern - schließlich seien es nur Umfragen und keine Wahlergebnisse. "Deshalb heben wir Grüne auch nicht ab, sondern konzentrieren uns weiter auf die inhaltliche Arbeit", sagte Parteichefin Claudia Roth dem Abendblatt.

Es klingt in diesen Worten auch die Souveränität der Etablierten mit. Das Understatement weicht dem kämpferischen Oppositions-Agitprop.

Laut sind die Grünen derzeit nur in Baden-Württemberg. Und auch das tut ihnen gut. Als einzige Landtagspartei stellen sie sich klar gegen das Bahn-Projekt "Stuttgart 21" - und mit der Wut der Bürger wachsen auch die Werte. Jeder Fünfte würde die Grünen und ihren Spitzenkandidaten Winfried Kretschmann wählen. Im März sind Wahlen, und die Chancen stehen besser denn je, gemeinsam mit den 25 Prozent der SPD das "Ländle" zu regieren.

Gegen "Stuttgart 21" demonstriert das konservative Bürgertum ebenso wie Künstler, Studenten und Rentner. Mit dem Widerstand gegen das Projekt dringen die Grünen auch in neue Milieus vor. Gerade hat die Partei analysiert, dass sie nicht nur in den Universitätsstädten stark sind, sondern auch in den Kleinstädten und auf dem Land.

Schleswig-Holstein, Baden-Württemberg und Berlin sind die Länder, in denen die Grünen an die Macht streben. Doch es gibt auch die Schattenseite. Wenn die Menschen 2011 in Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt wählen, sind die Grünen laut Umfragen mit etwa sieben Prozent weit abgeschlagen. Ohnedies gilt: Vor allem in den ostdeutschen Bundesländern schwächeln die Grünen. Das weiß auch Renate Künast. Im Osten Berlins würden nur 35 Prozent für sie stimmen - und 48 Prozent für Klaus Wowereit.