Nach Massenpanik bei Loveparade

Bundespräsident Wulff fordert Konsequenzen

Nach der Massenpanik bei der Loveparade mit 21 Toten legt Bundespräsident Wulff Duisburgs Oberbürgermeister den Rücktritt nahe.

Berlin. Bundespräsident Christian Wulff hat dem wegen der Love-Parade-Katastrophe unter Druck stehenden Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) den Rücktritt nahegelegt. Einen Tag nach Trauerkundgebungen Tausender Menschen in der Ruhrgebiets-Stadt sagte Wulff der "Bild am Sonntag", zwar habe jeder als unschuldig zu gelten, dessen Schuld nicht erwiesen sei. "Doch unabhängig von konkreter persönlicher Schuld gibt es auch eine politische Verantwortung. Das alles wird der Oberbürgermeister genau abwägen müssen."

Darüber hinaus forderte Wulff organisatorische Konsequenzen. "Dazu gehört, dass die Verantwortlichen insbesondere das Internet als Frühwarnsystem nutzen." Schon im Vorfeld der Veranstaltung habe es im Internet Warnungen vor einer Katastrophe gegeben. Der Bundespräsident regte darüber hinaus die Einrichtung eines Hilfsfonds und die Ernennung eines Ombudsmanns an, der die Interessen der Hinterbliebenen vertreten könne. Er verwies in diesem Zusammenhang auf seine Erfahrungen im Umgang mit Katastrophen während seiner Zeit als niedersächsischer Ministerpräsident. So sei auch nach dem Transrapid-Unglück im September 2006 ein Hilfsfonds eingerichtet worden. Damals seien durch Spenden binnen kurzer Zeit 750 000 Euro zusammengekommen. Zudem habe sich ein Ombudsmann um die Interessen der Hinterbliebenen gegenüber Versicherungen, Ämtern und Anwälten gekümmert. "Über beides könnte man auch für die Opfer der Loveparade-Katastrophe nachdenken", sagte Wulff.

Weder Oberbürgermeister Sauerland noch Loveparade-Veranstalter Rainer Schaller nahmen an der zentralen Trauerfeier teil, die am Sonnabend in der Duisburger Salvatorkirche stattfand. Beide begründeten ihr Fernbleiben mit Respekt vor den Opfern. Wie Sauerland versprach auch Schaller in der "Bild am Sonntag", sich seiner Verantwortung zu stellen. Beide Männer argumentierten, zunächst müssten sie aber bei der Aufklärung helfen. Beiden wird vorgeworfen, Warnungen von Polizei und Feuerwehr ignoriert zu haben. CDU-Politiker Sauerland steht inzwischen unter Polizeischutz. Von den mehr als 500 Verletzten liegen noch immer 25 im Krankenhaus.

Als um 10.45 Uhr alle Glocken in Duisburg läuteten, hatten sich nicht nur Angehörige und Helfer, sondern auch Bundespräsident Christian Wulff, Bundestagspräsident Norbert Lammert, Bundeskanzlerin Angela Merkel (alle CDU) und Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) in St. Salvator versammelt. Nikolaus Schneider, der Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche, eröffnete seine Predigt mit den Worten, die Loveparade sei zum Totentanz geworden. Er sprach nicht nur von den Toten, sondern auch von jenen, die jetzt "wie versteinert Verantwortung von sich wegschieben" würden. Der katholische Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck beklagte, dass es keine Antworten auf die vielen Fragen gebe. Dann wurden Kerzen für die 21 Opfer entzündet.

Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) versprach den Hinterbliebenen in einer kurzen Ansprache die lückenlose Aufklärung der Tragödie. Sie hätten Anspruch auf die Wahrheit. "Wie konnte das geschehen, wer trägt Schuld, wer ist verantwortlich? Diese Fragen müssen und werden Antworten finden." Kraft sagte den betroffenen Angehörigen schnelle und unbürokratische Hilfe des Landes NRW zu. Als sie den Hinterbliebenen versicherte: "Sie sind nicht allein", brach ihr die Stimme.

Auch vor der Kirche rangen die Menschen um Fassung. Hunderte hatten sich draußen versammelt, um für die Opfer zu beten. Der Gottesdienst wurde nicht nur in andere Kirchen der Stadt, sondern auch in das Fußball-Stadion des MSV Duisburg übertragen. Angehörige und Freunde konnten nach dem Gottesdienst - abgeschirmt von der Öffentlichkeit - an der Unglücksstelle um ihre Toten trauern. Am Nachmittag formierte sich dann der Trauermarsch, der zu dem Teil des Bahnhofsgeländes führte, auf dem am 24. Juli die Loveparade statt gefunden hatte. 5000 Menschen gedachten in aller Stille der Opfer. Und sie ließen symbolisch Luftballons aufsteigen: 21 schwarze für die Toten, 511 weiße für die Verletzten.

Auch zum gestrigen Spenden-Gedenkzug, zu dem ein Bürgerbündnis aufgerufen hatte, das am Unglücksort eine Gedenktafel setzen will, kamen noch einmal 800 Menschen. Zum Auftakt sagte Duisburgs ehemaliger Oberbürgermeister Josef Krings, die Übernahme von Verantwortung für die Katastrophe bei dem Musikfestival sei "keine politisch-strategische Abwägung, sondern eine Charakterfrage". Er appellierte an die Politiker der Stadt, sich dieser Verantwortung zu stellen.