Leitartikel

Es war einmal: Verantwortung

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Armgard Seegers

Foto: Klaus Bodig

In der Kultur der Rücktritte haben sich die Gewichte verschoben.

Was sagt es eigentlich über eine Gesellschaft aus, wenn kaum noch jemand Verantwortung übernehmen will? Wenn stattdessen Bedenkenträger, Egomanen und Selbstdarsteller der Normalfall sind? Verantwortung heißt, dass eine Person für die Folgen eigener oder fremder Handlungen Rechenschaft ablegen muss. Sie drückt sich darin aus, bereit und fähig zu sein, Antwort auf Fragen zu deren Folgen zu geben. Offenbar hält das niemand mehr für zeitgemäß.

Zwei Nachrichten sind deutliche Zeichen dafür, wie man sich der Verantwortung auf zweierlei Art entziehen kann. Dadurch, dass man zurücktritt, oder dadurch, dass man nicht zurücktritt. Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland, der die Loveparade gegen Sicherheitsbedenken durchsetzte, sieht nicht ein, warum er für den Tod von 20 Menschen politisch verantwortlich sein und zurücktreten soll. Schließlich habe er die Veranstaltung nicht persönlich geplant. Und BP-Chef Tony Hayward, dessen Unternehmen eine der größten Ölkatastrophen aller Zeiten verursachte, ist erst jetzt, Monate nach deren Beginn, zurückgetreten. Und das nicht etwa, weil er operativ falsch gehandelt hätte, sondern, so die zynische Begründung, weil er dem Image von BP geschadet habe.

Der moderne Mann, so lernen wir aus solchen Nachrichten, ist jemand, der das Thema Verantwortung weit von sich weist, vielleicht, weil er es für spießig und altmodisch hält. Ebenso wie die Tugenden Verlässlichkeit, Gerechtigkeit, Mäßigung, Bescheidenheit oder Demut. Er hat nur sich selbst und seine Befindlichkeit im Blick und will nichts anderes, als dass es ihm gut geht. Was passiert mit der nächsten Generation, die nur solche Vorbilder kennt? Sofern die nächste Generation nicht zu einem kleinen Häuflein zusammenschrumpft, denn der moderne Mann probt den Zeugungsstreik, weil er auch die Verantwortung für Familie nicht gerne übernimmt.

Bundespräsident Horst Köhler schmeißt sein Amt hin, weil er über Kritik narzisstisch gekränkt ist. Wirtschaftsboss Thomas Middelhoff treibt seine Firma Arcandor (vormals Karstadt/Quelle) in die Pleite und verlässt das Unternehmen als reicher Mann, weil er persönlich an überhöhten Mieten für einige an Karstadt vermietete Warenhausfilialen verdient hat. Gibt es eigentlich einen Banker, der in der jüngsten Bankenkrise seinen Abschied genommen hat, weil sein Institut das Geld der Kunden verzockt hat? Die Flucht aus der Verantwortung ist das herausragende Merkmal unserer Zeit.

Tugend ist der Weg zur Glückseligkeit, lehrte Aristoteles. Glückseligkeit heißt aber nicht subjektives Glücksgefühl, sondern geglücktes Leben.

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