Fünf, sechs Körper lagen übereinander

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Augenzeugen, darunter auch viele Technofans aus Hamburg, schildern die unvorstellbaren Szenen

Duisburg. Cedric Singhoff, 26, hatte ein mulmiges Gefühl, als er am frühen Sonabendnachmittag das Loveparade-Gelände in Duisburg erreichte. "Als wir durch den Eingangstunnel kamen, haben wir uns gedacht, dass da was passieren wird", sagte der 26-jährige Eimsbütteler, der mit anderen Hamburgern zur weltgrößten Techno-Party angereist war. Der Tunnel habe beängstigend dunkel und beklemmend auf die Techno-Fans gewirkt.

Tatsächlich sollte an diesem Tunnel - dem einzigen Zugang zum Gelände - nur zwei Stunden später eine Massenpanik ausbrechen. Die Berichte der Augenzeugen werfen Schlaglichter auf das Unvorstellbare, das sich dort am frühen Abend abspielte: "Wir standen mittendrin, vor dem Eingang ging es nicht weiter, und da sind wir zurück durch den Tunnel", sagte etwa der 21-jährige Fabio. Seine Freundin und er hätten kaum mehr Luft bekommen und daraufhin die Ellenbogen ausgefahren, um noch wegzukommen, berichtet Fabio.

"Neben mir starb ein Mädchen, es wurde einfach erdrückt."

Sich wehren gegen das Drängeln, die Enge, die Ausweglosigkeit. Das konnten offensichtlich nicht alle Besucher, die zum Feiern gekommen waren. 16 Menschen starben noch vor Ort, drei weitere erlagen ihren Verletzungen in Krankenhäusern. 342 Menschen wurden verletzt. Der Eingangstunnel wurde zur Falle für viele, die erst später zur Techno-Party strömten und auf jene trafen, die sie schon verlassen wollten. Eine in Panik geratene Menschenmasse. Mittendrin der 17-jährige Dustin: "Neben mir ist ein Mädchen gestorben." Es sei einfach erdrückt worden. Ein weiteres Mädchen habe neben ihm gelegen und sei schon blau angelaufen gewesen. Mit Mund-zu-Mund-Beatmung habe er es wiederbeleben können. "Auf mir lagen noch zwei Menschen." Teilweise seien fünf bis sechs Personen übereinandergeschoben worden. Schließlich hätten ihn Rettungssanitäter herausgezogen. Es sei so eng gewesen, dass seine Schuhe zwischen den Menschen stecken blieben. "Ich hatte schon mit dem Leben abgeschlossen. Ich hätte nicht gedacht, dass ich noch Luft bekomme."

Auch ein Kameramann des Senders n-tv erlebte die Katastrophe aus nächster Nähe: "Da lagen schon einige Menschen am Boden, andere kletterten die Wände hoch und versuchten, über die Seiten in das Gelände hineinzukommen. Und die Menschenmenge, die nachrückte, die lief einfach über die am Boden Liegenden drüber."

Während die Menschen am Tunnel um ihr Leben kämpften, feierten Cedric und seine Freunde ausgelassen nur wenige Hundert Meter Luftlinie entfernt. "Wir haben gar nichts von der Massenpanik mitbekommen, aber plötzlich ging dann unter den Ravern rum wie ein Lauffeuer, dass es Tote gegeben hat." Die Hamburger Freunde hätten zunächst gar nicht gewusst, wie es dazu kam. "Doch dann riefen immer mehr Freunde auf unseren Handys an und erzählten uns, was passiert ist." Die Bilder der Massenpanik flimmerten zunächst über die Fernseher und Bildschirme der Republik und gelangten erst über diesen Umweg via Mobilfunk zu den ahnungslosen Feiernden auf dem Veranstaltungsgelände.

So erging es auch den drei Hamburgern Philip, Christian und Michael. "Wir saßen gerade in der Straßenbahn auf dem Weg zur Loveparade, als uns Freunde anriefen und uns warnten", sagte der 27-jährige Philip. "Wir machen drei Kreuze, dass wir da nicht hineingeraten sind. Gut, dass wir erst so spät in Hamburg losgefahren sind", sagt der Harburger.

Die drei Freunde fuhren in Duisburgs Innenstadt zur Aftermove-Party, anstatt auf die abgesperrte Veranstaltungsfläche. Warum sie dennoch weiterfeierten? "Wir sind ja extra angereist, und die Stimmung in der Disco war abends dann trotz allem richtig gut", sagt Philip.

Hunderttausende auf dem Festgelände tanzten weiter

Während er und seine Freunde bis morgens um halb sechs feierten und erst Sonntag nach Hamburg zurückkehrten, brachen Cedric und seine Freunde die Feier kurz nach der Schreckensnachricht ab und verließen schockiert das Gelände über die mittlerweile durch die Polizei geöffneten Notausgänge. Cedrics Freund Paul Bonik ist schockiert über solch ein Ende der Megaparty: "Man kann die Loveparade nicht einsperren. Sie stand schon immer für Freiheit und Offenheit, und dann versucht man, uns 1,4 Millionen Besucher in so einen Käfig einzusperren, in den nur 500 000 Leute hineinpassen."

Hunderttausende auf dem Festgelände ließen sich von dem Drama im Tunnelbereich nicht abhalten, weiterzutanzen. Die Loveparade wurde nicht abgebrochen. Zu groß sei die Gefahr einer weiteren Massenpanik, sagten die Polizei und der Veranstalter.

"Diese Entscheidung ist auch richtig gewesen", sagt auch Georg Roll, der seit der ersten Loveparade dabei ist. Die Einschätzung des Inhabers des Hamburger Labels Tunnel Records und des Tunnel-Trucks, mit dem der 53-Jährige auch am Sonnabend vor Ort war: "Es gab noch genügend freie Flächen, um weiteres Publikum aufzunehmen - und auch für die Trucks gab es weiterhin sichere, breite Fahrspuren."

Wie auch Fotos mehrfach zeigten, sperrte allerdings die Duisburger Polizei den Zugangstunnel, dieses verhängnisvolle Nadelöhr, wegen angeblicher Überfüllung des Veranstaltungsgeländes. "Somit kam es in diesem Engpass durch das nachströmende Publikum zu diesem entsetzlichen Unglück." Warum die Duisburger Polizei durch rechtzeitiges Öffnen des Zugangstunnels nicht den Druck aus der Menschenmenge genommen habe, sei für ihn unerklärlich.

Angehörige blieben Stunden in Sorge, weil das Handynetz überlastet war

Unbegreiflich ist auch für die anderen Techno-Fan das Verhalten von Polizei und Sicherheitskräften. Sandra Brinkmann, eine 23-jährige Studentin aus Beckum in Nordrhein-Westfalen, fand selbst keine Zeit, in Duisburg dabei zu seien. Sie hat sich aber über Stunden um eine Freundin Sorgen gemacht:"Meine Freundin hat die Panik aus 50 Meter Entfernung direkt miterlebt. Nach ihren Schilderungen muss es furchtbar gewesen sein: überall schreiende Menschen in Todesangst, Köpfe, die im Gedränge gedrückt wurden, wildes Gekreische. Als ich am Abend von den Geschehnissen hörte, war ich sofort völlig aufgelöst, weil ich mir wie bescheuert Sorgen um meine Freundin gemacht habe."

Diese habe sie dann genauso wenig erreicht wie die Notrufzentrale - beide Nummern seien völlig überlastet gewesen. Das berichteten viele der Besucher und deren Angehörige.

Sandra Brinkmann sagt weiter: "Ich befürchtete schon das Schlimmste." Erst spät in der Nacht habe sie dann die Nachricht bekommen, dass ihre Freundin außer einem Schock nichts abbekommen habe. "Eigentlich wollte ich selbst auch zur Loveparade fahren, die ich schon vor zwei Jahren in Dortmund besucht hatte. Doch diesmal musste ich absagen, wegen bevorstehender Klausuren. Vielleicht muss ich der Uni nun dankbar dafür sein, dass ich noch lebe."