Erdbeben in Haiti

Uno: Waren noch nie mit solcher Katastrophe konfrontiert

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Foto: imago stock&people

Es ist eine Katastrophe historischen Ausmaßes. Die Situation in Haiti hat sich kaum verbessert, die Nahrung kommt nicht bei den Menschen an.

Haiti. Sie suchen Eltern und Freunde. Haben Durst, Hunger und Wunden am Körper. Auch am dritten Tag nach dem schweren Erdbeben in Haiti hat sich die Situation für die Kinder des Inselstaates kaum gebessert. Hilfslieferungen sind zwar unterwegs und kommen nach und nach auf dem Flughafen von Port-au-Prince an, aber sie erreichen die Menschen noch nicht. Die Hilfsorganisation Save The Children spricht davon, dass zwei Millionen Kinder "akuten Gefahren" ausgesetzt sind.

Die UN spricht von der schlimmsten Katastrophe, mit der die Vereinten Nationen jemals zutun hatte. Diese Einschätzung traf die Sprecherin des Büros zur Koordinierung humanitärer Einsätze, Elisabeth Byrs, am Samstag in Genf. Zur Begründung sagte sie, durch das Beben seien die örtlichen Strukturen in dem Karibikstaat zusammengebrochen. „Dies ist eine Katastrophe historischen Ausmaßes“, sagte Byrs der Nachrichtenagentur AFP. „Noch nie in der Geschichte der UNO sind wir mit einer solchen Katastrophe konfrontiert gewesen. Das ist nicht vergleichbar.“

Körperliche Verletzungen, die Trennung von Familien und psychische Traumatisierungen setzten die Kinder von Haiti einer Extremsituation aus, die ihr gesamtes Leben prägen werde, sagte Gareth Owen von Save The Children: "Keine Generation haitianischer Kinder in den vergangenen hundert Jahren hat ein Desaster von solchem Ausmaß erlebt."

Und die Lage wird immer dramatischer. Nach offiziellen Angaben sind bis zu 140 000 Menschen ums Leben gekommen. Etwa 40 000 Leichen wurden bereits bestattet, sagte der für die innere Sicherheit zuständige Minister Aramick Louis am Freitagabend. Die größte Sorge der Regierung sei der Anstieg der Gewalt. Es würden immer mehr Straßenbanden durch die verwüstete Hauptstadt Port-au-Prince ziehen.

Inzwischen bereitet das Kinderhilfswerk Schutzzonen für Kinder vor, in denen sie versorgt werden und von wo aus die Suche nach den Angehörigen beginnt. Im Moment bestünde die größte Gefahr, dass unbegleitete Kinder, die sich in Straßen und Parks aufhalten, ausgebeutet werden oder Menschenhändlern in die Hände fallen.

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Immer wieder gibt es auch Nachrichten von Kindern, die aus den Trümmern gerettet worden sind. Bilder von Helfern, die sie auf dem Arm tragen und in die Obhut von Ärzten übergeben. Doch viele der Kinder, die überlebt haben, sind nun verwaist. Der Hamburger Michael Kühn, der in Haiti für die Welthungerhilfe als Koordinator arbeitet, hat einige Kinder bei sich aufgenommen: "Sie trauen sich aber nicht, bei uns im Haus zu schlafen, weil sie Angst haben, dass wieder alles über ihnen zusammenbricht." Seine Gäste schliefen lieber in seinem Garten. "Viele kommen auch bei Verwandten und Nachbarn unter, aber offizielle Hilfe erreicht die wenigsten", sagte Kühn am Freitag per Satellitentelefon dem Abendblatt. Unicef warnt davor, dass die Kinder jetzt besonders von Krankheiten wie Typhus und Cholera, Malaria und Dengue-Fieber bedroht seien.

"Jetzt kommt alles auf eine gute Koordination an", sagte Rudi Tarneden, Sprecher von Unicef Deutschland. Dabei sind vor allem die Expertenteams der Vereinten Nationen gefragt, die die Hilfe im Krisenzentrum nahe am Flughafen koordinieren. Unicef hat die Verteilung im Bereich Wasser und Hygiene über-nommen. Schon zu normalen Zeiten hat nur ein Drittel der Bevölkerung Zugang zu sauberem Wasser.


Weil die Hilfe nur schleppend anlaufe, wachse bei den Haitianern neben der Verzweiflung auch die Wut. Am Freitag trafen Hunderte weitere US-Soldaten in Haiti ein; bis Montag sollen es insgesamt rund 5500 sein, die für die Sicherheit im Land sorgen. Kim Bolduc vom World-Food-Program der Uno sagte, "das Risiko, schon sehr bald soziale Unruhen zu bekommen", mache rasches Handeln wichtig. Denn inzwischen würden die Menschen schon ums Wasser kämpfen. Außerdem wird befürchtet, dass die rasche Verwesung der Leichen bei Temperaturen von 27 Grad die Entstehung von Seuchen begünstigt.

( (jel/AFP/apn) )