Erdbeben in Haiti

Eine Deutsche lebend geborgen - Junger Mann aus Hamburg tot

| Lesedauer: 7 Minuten

Foto: Michael Arning

Die Lage in Haiti spitzt sich weiter zu. Die Identität des deutschen Opfers ist geklärt: Es handelt sich um einen jungen Hamburger.

Port-au-Prince. Bei dem am Sonnabend bekannt gewordenen deutschen Erdbebenopfer in Haiti handelt es sich um einen jungen Mann aus Hamburg. Der Mann sei 28 Jahre alt und habe für eine Hamburger Exportfirma in dem Karibikstaat gearbeitet, teilte das Auswärtige Amt in Berlin mit. Außenminister Guido Westerwelle (FDP) hatte am Sonnabend mitgeteilt, dass unter den Toten ein erster Deutscher geborgen worden sei. Weiterhin würden noch 23 Deutsche vermisst. Es sei nicht auszuschließen, dass darunter weitere Opfer zu beklagen seien. Die Familie bestätigte auf einer speziell im Internetnetzwerk Facebook eingerichteten Seite den Tod der jungen Mannes. Bis Sonntagnachmittag hatten mehr als 100 Menschen in Kommentaren ihr Beileid ausgesprochen.

Die deutsche Besitzerin des Hotels, in dem sich das Opfer aufgehalten hatte, Nadine Cardoso, wurde unterdessen lebend aus den Trümmern gerettet. Das bestätigte ihr Ehemann einer Hilfsorganisation. Die 62-Jährige sei stark ausgetrocknet gewesen, aber unverletzt geblieben. Sie habe in einem Hohlraum überlebt und per Telefon eine SMS geschickt, so dass die Retter die Verschüttete leichter finden konnten. Einsatzkräfte vermuten unter den Trümmern des Hotels noch bis zu 200 Opfer. Drei weitere Menschen wurden lebend aus den Trümmern eines Supermarktes geborgen.

In der Nacht zum Montag rief die Regierung in Haiti den Notstand aus. Der Ausnahmezustand gelte bis Ende Januar, teilte ein haitianischer Minister in der Hauptstadt Port-au-Prince mit. Zudem gelte für den Zeitraum von einem Monat eine nationale Staatstrauer. Nach Angaben des Ministers wurden zudem 70.000 Leichen verbrannt und in Massengräbern beigesetzt. Bei dem Erdbeben der Stärke 7,0 am vergangenen Dienstag kamen nach Schätzungen der haitianischen Behörden und der Weltgesundheitsorganisation WHO zehntausende Menschen ums Leben, 250.000 weitere wurden verletzt.

Am Wochenende konnten Suchtrupps in Port-au-Prince nach Angaben der Caritas 50 weitere Überlebende aus den Trümmern ziehen. An den Rettungsarbeiten sind auch zahlreiche deutsche Caritas-Mitarbeiter beteiligt. „Auch wenn die Chancen auf ein Überleben unter den Trümmern stündlich sinken, arbeiten die Trupps fieberhaft weiter“, berichtete Caritas-Mitarbeiter Alexander Bühler, der seit Samstag vor Ort ist. An den Sucharbeiten beteiligten sich neben Caritas-Helfern auch zahlreiche Ordensleute und viele andere Einheimische.

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Unter den Zehntausenden Toten - die haitianische Regierung geht von bis zu 100.000 Opfern aus, andere Schätzungen sprechen gar von bis zu 140.000 - ist auch der Leiter der UN-Mission in Haiti, Hédi Annabi. Der 65-jährige Diplomat aus Tunesien war am Abend tot aus den Trümmern des UN-Hauptsitzes in Port-au- Prince geborgen worden. Auch sein Stellvertreter, der Brasilianer Luiz Carlos da Costa, und der amtierende UN-Polizeichef in Haiti, Doug Coates, kamen ums Leben.

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Papst Papst Benedikt XVI. gedachte bei seinem Besuch in der Großen Synagoge von Rom mit einer Schweigeminute der Opfer des Erdbebens. Die Lage in Haiti wird immer chaotischer. Bei der Plünderei eines Supermarktes eröffnete die Polizei das Feuer und tötete mindestens einen Menschen. Hunderte Menschen hatten zuvor den Supermarkt in der haitianischen Hauptstadt gestürmt. Die Zusammenstöße mit der Polizei dauerten an, während bewaffnete Verstärkung für die Sicherheitskräfte anrückte. Die Vereinten Nationen sprachen von der schlimmsten Katastrophe in ihrer Geschichte. Helfer berichteten über einen logistischen Alptraum, die Hilfsgüter erreichen die Menschen nur schleppend.

Für die Helfer ist die Lage schwierig. Selbst beim Tsunami Ende 2004 in Asien mit mehr als 230.000 Toten habe es keine solchen logistischen Probleme gegeben, sagte Elisabeth Byrs, Sprecherin des UN-Koordinationsbüros für humanitäre Angelegenheiten (OCHA), in Genf. Als Nadelöhr erwies sich der Flughafen, der mittlerweile von den USA kontrolliert wird, um Hilfslieferungen effizienter abzuwickeln. Die Maschinen müssen wegen des verstopften Airports oftmals über Stunden Warteschleifen fliegen. „Wir hoffen, dass wir bald eine Kapazität von 90 Maschinen pro Tag haben“, erläuterte PJ Crowley, Sprecher des US-Außenministeriums. Der US-Flugzeugträger „USS Carl Vinson“ liegt mit Elite-Einheiten an Bord vor der Küste des Karibikstaats vor Anker, weitere US-Kriegsschiffe plus ein riesiges Lazarettschiff sind auf dem Weg.

US-Außenministerin Hillary Clinton hatte die Krisenregion am Samstag besucht. Die Politikerin versprach langfristige Hilfe. „Wir sind hier, um Euch zu helfen (...). Wir sind heute hier, wir werden morgen hier sein und in der Zeit, die vor uns liegt.“ Zugleich begannen die ehemaligen US-Präsidenten George W. Bush und Bill Clinton mit einer großangelegten Spendensammlung für die Erdbebenopfer. Präsident Barack Obama, der seine Vorgänger mit der Koordination der Spendenhilfe beauftragt hatte, empfing die beiden am Samstag im Weißen Haus. „Vor uns liegen schwierige Tage“, sagte Obama.

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In einem Wettlauf gegen die Zeit operierten Mediziner der Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ Verletzte. Erfahrene Mitarbeiter sagten nach Angaben der Organisation, sie hätten noch nie so viele schwere Verletzungen auf einmal gesehen. „Innerhalb der nächsten 24 Stunden müssen etwa ein Drittel der Patienten hier unbedingt operiert werden, sonst sterben sie“, sagte Jennifer Furin dem Nachrichtensender CNN. Die Medizinerin arbeitet in einem provisorischen Krankenhaus am Flughafen von Port-au-Prince.

Auf den Straßen der Hauptstadt sind unzählige Menschen unterwegs. Oft tragen sie einen Mundschutz, der gegen den Leichengeruch helfen soll. Viele sind traumatisiert. Tausende haben Zuflucht in Parks gesucht – aus Angst vor Nachbeben. Die Menschen stehen nach Wasser und Lebensmitteln an. An einigen Stellen gibt es wieder Obst und Gemüse zu kaufen. Nachts waren vereinzelte Schüsse zu hören, es gab Berichte über Gewalt und Plünderungen. Ein heftiges Nachbeben in Haiti löste am Samstag Panik in der zerstörten Hauptstadt aus.

Der UN-Sicherheitsrat kommt an diesem Montag in New York zu Beratungen über die Lage in Haiti zusammen. Initiiert wurde das Treffen von der mexikanischen Regierung in Zusammenarbeit mit China, das zur Zeit die Präsidentschaft des Rates innehat. An dem Termin werde auch der UN-Generalsekretär teilnehmen, berichteten am Samstag mexikanische Medien. Ebenfalls am Montag soll nach Informationen von Haiti Press bei einer ersten Konferenz über die Koordination der europäischen Hilfe für das vom Erdbeben zerstörte Land beraten werden. Die EU-Entwicklungshilfeminister beraten in Brüssel in einer Sondersitzung über Erdbebenhilfe für Haiti. Die Bundesregierung stockte ihre Erdbebenhilfe für Haiti um sechs Millionen auf 7,5 Millionen Euro auf.

( (AFP/dpa/abendblatt.de) )

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