Auch wenn die SPD bei der Chefwahl Einheit demonstrierte. In weiten Teilen war der erste Tag des Dresdner Parteitages ein Tag der Abrechnung.

Dresden. Nicht erst zum Schluss wurde begeistert applaudiert, gut sechs Minuten. Immer wieder brandete in der Dresdner Messehalle bei besonders markanten Sätzen Beifall auf, als Sigmar Gabriel zumindest rhetorisch seinem Publikum großes Kino bot. Alle Register zog der neue SPD-Hoffnungsträger in seiner Bewerbungsrede auf dem Parteitag, um der am 27. September besonders tief verletzten sozialdemokratischen Seele wieder etwas frisches Leben einzuhauchen.

1. BERICHT ÜBER DIE WAHL VON SIGMAR GABRIEL

2. BERICHT ÜBER DIE ABSCHIEDSREDE VON FRANZ MÜNTEFERING

3. HISTORISCH: DIE SPD-VORSITZENDEN

Fast durchweg fand Gabriel in seinem flammenden Appell gegen „Kleinmut und Verzagtheit“ den richtigen Ton ganz nach dem Geschmack der eigenen Reihen. Er redete sich mit leidenschaftlichem Einsatz auch in die Herzen von bisherigen Skeptikern im Saal. Dabei bot ihnen der 50-Jährige vor seiner Wahl zum 13. Nachkriegs-Parteichef - ausgerechnet auch noch an einem Freitag, dem 13. – nicht nur leichte Kost. Durchaus intellektuell anspruchsvoll war der Motivations-Auftritt für die nach vielen Sitzungsstunden bereits ziemlich erschöpften Zuhörer.

Kaum ein Thema oder einen Parteifreund ließ Gabriel bei seinem furiosen Ritt aus. Streicheleinheiten wurden in Serie verteilt. Für die SPD-Ikone Greta Wehner gab es sogar eine lange Umarmung. An die stolze Historie der Sozialdemokraten, die sich auch den Nazis mutig in den Wege gestellt hatten, erinnerte Gabriel. Keine Belehrungen habe man daher von der Union in punkto demokratischer Verlässlichkeit nötig. Auch das kam gut an. Ebenso die Passagen, in denen Gabriel beschwor, den jetzt in Berlin Regierenden die „Mitte“ wieder zu entreißen – allerdings unter anderen Vorzeichen, wie Schwarz-Gelb sie verstehe. Die Idee der Sozialdemokraten „bleibt eine linke Idee, mit der wir es immer wieder geschafft haben, die Menschen zu bewegen“, rief er den Delegierten zu.

Die dankten es Gabriel dann bei der Wahl. Der hatte in ihm eigentlich fremder Demut vorher um einen Vertrauensvorschuss gebeten. Mit vorher fast unvorstellbaren 94,2 Prozent übertraf er alle dann Erwartungen. Zuvor hatte der Parteitag eher einen Tag der Abrechnung erlebt. Kaum hatte Gabriels scheidender Vorgänger Franz Müntefering am Morgen seine eher blasse Rede beendet, ging es richtig munter los. Offen wurden die Messer gegen die eigene Führung gewetzt. Die müsse ganz klar die größte SPD-Wahlniederlage seit 100 Jahren auf ihre Kappe nehmen, wetterte der Landshuter Genosse Harald Unfried Hartz IV, die Rente mit 67, das alles hätten die bisher Mächtigen in der Partei verbockt, wurde geschimpft.

Mit verkniffenen Gesichtern folgte die Spitze den Rundumschlägen aus der Tiefe des Sitzungssaals. Um die mit Wut angereisten Mitglieder nicht zu verprellen, versuchte man erst gar nicht, die stellenweise hoch gehenden Emotionen zu dämpfen. Die Delegierten sollten sich einmal „richtig auskotzen“ dürfen, lautete die Regieanweisung. Davon wurde in den 66 Wortbeiträgen reichlich Gebrauch gemacht. Kräftig vom Leder zog etwa der SPD-Veteran Peter Conradi. Vor 50 Jahren habe schon einmal ein SPD-Parteitag in Stuttgart „den Aufstand gegen den Apparat“ geprobt. Das sei nun wieder einmal fällig, wiegelte der Ex-Bundestagsabgeordnete auf. Die Zeiten, wo die Basis immer nur das abnicke, was die Oberen ihr vorsetzen, müssten endgültig vorbei sein.

Der Parteifreund Eckart Kuhlwein monierte: „Wir haben seit 1998 alles mitgemacht.“ Und für SPD-Vorstandsmitglied Ursula Engelen-Kefer war klar: „Wir müssen jetzt umkehren.“ Das sah Müntefering etwas anders. Eine Rede „moderat im Ton, aber klar in der Sache“ hatte er angekündigt. Und daran hielt er sich. Richtig wollte der Funken ins Plenum aber nicht überspringen. Immerhin verzichtete Müntefering zumindest darauf, die Delegierten ein letztes Mal zu provozieren.

Wer erwartet hatte, dass der 69-Jährige bei der Rente mit 67 zu Kreuze kriechen würde, wurde enttäuscht. Als Vermächtnis gab er seiner Partei einiges mit auf den Weg: „Wir müssen Volkspartei bleiben oder wir gehen weiter dauerhaft nach unten.“ Schluss sein müsse mit der ständigen Missgunst untereinander. Und mit leicht drohendem Unterton kündigte „Münte“ an, auch künftig noch mitzumischen: „Wie es auch weitergeht im Auf und Ab und Ab und Auf der politischen Zeiten – ich bin dabei. Ich bin Sozialdemokrat, immer.“