Die Chefredaktion antwortet

Watsch'n - wir müssen die Kirche im Dorf lassen

Sehr geehrte Redaktion,

es reicht! Ich verstehe die seit Monaten tobende Diskussion in den Medien einfach nicht, und sie steigert sich noch. Die Generation, die ich noch vertrete, ist mit mindestens einer "Backpfeife" (oder auch Ohrfeige) aufgewachsen. Sogar zu meinem zehnten Geburtstag bekam ich eine von meiner Lehrerin. Und ich wusste ganz genau, wofür: Ich hatte nämlich "geschwatzt", war also unaufmerksam. Also? Verdient! So sah man das damals. Natürlich war ich gekränkt. Das Erziehungsmodell seinerzeit hatte ganz andere Inhalte: Gehorsam und Fleiß zählten neben der Intelligenz vor allem und führten so meist auch zum anvisierten Ergebnis. Wollen wir also endlich fast wörtlich auch die "Kirche im Dorf" lassen. Sonst müssten wir womöglich die ganze westliche Gesellschaft an den Pranger stellen.

Ruth Brauer

Liebe Frau Brauer,

herzlichen Dank für Ihren Zuruf, der hilft, die aufgeregte Diskussion um "Watsch'n" wieder zurechtzurücken. Auch mich beschleicht das Gefühl, dass in der derzeitigen Missbrauchsdebatte einiges durcheinandergeht. Auf der einen Seite steht der sexuelle Missbrauch, eine abscheuliche Straftat, auf der anderen der Missbrauch in Form von Watsch'n oder Prügel. Letztere waren als Strafe in der Kindererziehung bis in die 1970er-Jahre in Deutschland ein häufiges Erziehungsmittel. Erst seit 2000 gibt es ein klares Züchtigungsverbot. Manchmal mutet da die heutige Empörung über die Ohrfeige von vorgestern wirklich skurril an. Gleichzeitig aber zeigt sie, wie überfällig das Verbot war.

Herzlichst, Ihr Matthias Iken