Der Sportchef antwortet

Gewalt gehört nicht auf den Fußballplatz

Foto: Hamburger Abendblatt / Andreas Laible

Sehr geehrter Herr Wenig,

etwas weniger Scheinheiligkeit bitte! Muss Guerrero sich wirklich so (vorausgesetzt seine Wiedergabe ist korrekt) beschimpfen lassen? Ich finde nicht. Ist Axel Z. ein Opfer? Wohl kaum. Oder warum übergibt er die Sache gleich einem Anwalt? Ich erinnere an den Kopfstoß von Zinedine Zidane im Endspiel der Fußball-WM 2006 gegen Italien. Auch über diesen - weltbesten - Fußballer hat man schnell scheinheilig den Stab gebrochen. Ist denn eine solche Reaktion angesichts übelster persönlicher Verunglimpfungen nicht verständlich? Gibt es nicht ein instinktives Gerechtigkeitsgefühl, das es geradezu von einem verlangt, sich zu wehren? Ich erinnere auch an den Altbundeskanzler Helmut Kohl, der soeben anlässlich seines 80. Geburtstags als "Kanzler der Einheit" und "großer Europäer" allerorten zu Recht belobigt wird. Als er einmal von einem Demonstranten mit einem Ei beworfen wurde, ging er eigenhändig auf den Mann los. Meines Wissens ist er dafür von keinen scheinheiligen Verbands-, Vereins- oder auch Parteifunktionär (vom Wahlvolk ganz zu schweigen) mit einer Strafe belegt worden.

Patrick Horst

Sehr geehrter Herr Horst,

der Flaschenwurf von Paolo Guerrero nach dem 0:0 des HSV gegen Hannover 96 hat unter Abendblatt-Lesern viele Reaktionen ausgelöst. Sie reichten von der Forderung nach der sofortigen Suspendierung bis zu großem Verständnis angesichts massiver Beleidigungen durch den Zuschauer.

Sie machen sich in Ihrer Mail für Guerrero stark. Das ist völlig in Ordnung. Widersprechen muss ich jedoch Ihrem Vorwurf, unsere Berichterstattung sei "scheinheilig". In unserem Interview hat Reinhard Rauball, Präsident der Deutschen Fußball Liga (DFL), Gewalt auf dem Platz grundsätzlich als "verabscheuungswürdig" verurteilt - dazu zählt Rauball ausdrücklich auch Pöbeleien, die die Menschenwürde verletzen.

Für sehr problematisch halte ich Ihr Plädoyer für ein "ursprüngliches Gerechtigkeitsempfinden". Auch nach Einschätzung des HSV hätte Axel Z. massive Schäden am Auge erleiden können, wenn er sich nicht noch rechtzeitig weggedreht hätte. Möglicherweise hätte Guerrero auch einen völlig Unbeteiligten verletzen können. Bedenken sollten Sie zudem den Vorbildcharakter. Schließlich kämpft der DFB seit Jahren gegen Fans, die Gegenstände auf das Spielfeld werfen, belegt diese mit langen Stadionverboten.

Ihren Vergleich mit Helmut Kohl kann ich in diesem Zusammenhang nicht nachvollziehen. Der Altkanzler hat nur versucht, jemanden zur Rechenschaft zu ziehen, der ihn zuvor beworfen hatte. Und daran kann ich beim besten Willen nichts Anstößiges finden.

Herzlichst

Ihr Peter Wenig